80. Jahrestag des Überfalls Steinmeier mahnt Deutschland zur Verantwortung für Europa

"Mehr beitragen für die Sicherheit": Der Bundespräsident hat Deutschland in einer Gedenkrede an seine Schuld für den Zweiten Weltkrieg erinnert. Der Streit um Reparationen schwelt unterdessen weiter.

Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier in Warschau: Nicht als die "besseren Europäer" empfinden
Petr David Josek/ AP

Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier in Warschau: Nicht als die "besseren Europäer" empfinden


In Polen werden Forderungen nach Reparationen für im Zweiten Weltkrieg erlittenes Leid lauter. Zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf das Land hat Frank-Walter Steinmeier das Thema in seiner Rede in Warschau jedoch gemieden - und Deutschlands Rolle in einem anderen Bereich hervorgehoben.

Deutschland muss dem Bundespräsidenten zufolge seiner historischen Verantwortung mit einem stärkeren europäischen Engagement gerecht werden. "Ich weiß wohl, mein Land trägt für dieses Europa eine besondere Verantwortung", sagte Steinmeier bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs.

"Weil Deutschland - trotz seiner Geschichte - zu neuer Stärke in Europa wachsen durfte, deshalb müssen wir Deutsche mehr tun für Europa", sagte Steinmeier. Und: "Wir müssen mehr beitragen für die Sicherheit Europas. Wir müssen mehr einbringen für den Wohlstand Europas. Und auch das: Wir müssen mehr zuhören für den Zusammenhalt Europas."

Nationalismus müsse Deutschland entgegentreten. Deutsche hätten allen Grund, die glücklichsten Europäer zu sein, dürften sich aber nicht als die "besseren Europäer" empfinden. In Anwesenheit von US-Vizepräsident Mike Pence und Kanzlerin Angela Merkel hob Steinmeier zudem die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen hervor.

"Auch Amerika braucht Partner"

Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki wiederum hat am Jahrestag des deutschen Überfalls die Forderungen seines Landes nach Kompensation für die im Zweiten Weltkrieg entstandenen Schäden erneuert. "Wir müssen über die damaligen Verluste reden, wir müssen die Wahrheit verlangen, wir müssen Wiedergutmachung verlangen" sagte Morawiecki in Danzig. Morawiecki sprach auf der Westerplatte, die Ziel des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939 war.

In den vergangenen Tagen hatten sowohl Morawiecki als auch Polens Präsident Andrzej Duda die Forderung nach Reparationszahlungen wiederholt. Am Donnerstag hatte auch der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis von Deutschland Gespräche über Reparationen gefordert.Deutschland betrachtet die Reparationsfrage jedoch als abgeschlossen. Die Bundesregierung beruft sich dabei auf den Zwei-plus-Vier-Vertrag über die außenpolitischen Folgen der deutschen Einheit von 1990.

In seiner Rede in Warschau ging Steinmeier lobend auf die USA ein. Erst "die Macht von Amerikas Ideen und Werten, seine Weitsicht, seine Großzügigkeit" hätten Europa nach 1945 eine neue Chance gegeben. "Diesem Amerika war das vereinte Europa immer ein Anliegen. Dieses Amerika wollte echte Partnerschaft und Freundschaft in gegenseitigem Respekt", sagte er. Vieles sei heute nicht mehr selbstverständlich. Europa müsse selbstbewusster und stärker werden, aber nicht ohne oder gar gegen Amerika. "Und ich bin sicher, auch Amerika braucht Partner in dieser Welt."


Video: Als der Zweite Weltkrieg begann

REUTERS

Bei der zentralen Gedenkfeier zum Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren auf dem Pilsudski-Platz empfing Polens Präsident Andrzej Duda Vertreter aus mehr als 30 Ländern. US-Präsident Donald Trump hatte seine Teilnahme an der Gedenkfeier in Warschau wegen Hurrikan "Dorian" kurzfristig abgesagt. Er wird durch Vizepräsident Mike Pence vertreten. Auch der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj zählt zu den Gästen. Russlands Präsident Wladimir Putin hingegen wurde zum Ärger Moskaus nicht eingeladen.

Am Morgen hatte Steinmeier sich bereits in der Kleinstadt Wielun vor den Opfern des deutschen Überfalls verneigt. Die polnische Kleinstadt Wielun war am 1. September 1939 als erstes Ziel von der deutschen Wehrmacht angegriffen worden - und damit wenige Minuten vor dem deutschen Angriff auf die Westerplatte.

In Wielun bat Steinmeier Polen für deutschen Terror um Vergebung. Duda hatte Steinmeier noch vor Morgengrauen auf dem Marktplatz der Kleinstadt empfangen - genau 80 Jahre nach Beginn des ersten Bombardements des Zweiten Weltkriegs. Im Lauf des Krieges wurden in Polen rund sechs Millionen Menschen getötet, etwa die Hälfte von ihnen waren Juden.

apr/Reuters/dpa/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.