SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. April 2010, 14:11 Uhr

Polen nach der Katastrophe

Die gelähmte Nation

Von

Die Katastrophe von Smolensk erschüttert Polens Politik und das ganze Land. Die nationalkonservative Opposition hat mit Präsident Lech Kaczynski wichtige Teile ihrer Führung verloren. Jetzt richten sich die Augen auf seinen Bruder Jaroslaw - und die Reaktion der Liberalen um Premier Donald Tusk.

Erst läuteten die Kirchenglocken im ganzen Land. Alarmsirenen heulten. Dann Ruhe - das Land stand still. Zwei Minuten lang.

An diesem Sonntagmittag haben Zehntausende Menschen in Polen mit zwei Schweigeminuten der Opfer des Flugzeugabsturzes von Smolensk gedacht. Vor dem Präsidentenpalast in Warschau verharrten Hunderte in stiller Andacht. Der Mann, der hier residierte, Lech Kaczynski, der streitbare Staatschef - er ist tot, und ob man seine Politik mochte oder nicht: Viele können es immer noch nicht fassen, auf welch tragische Weise der 60-Jährige in der Flugkatastrophe von Smolensk umgekommen ist. Zusammen mit vielen anderen Mitgliedern der konservativen politischen Elite des Landes, die auf dem Weg waren zum Gedenken an das Massaker von Katyn.

Die Straßen um den Präsidentenpalast: voll von Kerzen, Blumen, Menschen mit polnischen Fahnen. Und alle fragen sich, wie die Tragödie bewältigt werden, wie es weitergehen soll.

Bronislaw Komorowski ist jetzt Staatsoberhaupt. Das wollte er sowieso werden, bei der eigentlich für den Herbst angesetzten Wahl wäre er gegen Kaczynski angetreten. Komorowski ist Sejmmarschall, Vorsitzender des polnischen Parlaments, und als solcher hat er nun verfassungsgemäß die Amtsgeschäfte übernommen. Seine erste Aufgabe ist Trauerarbeit. Etwas linkisch hielt er am Samstagabend vor einer imposanten Bücherwand eine Rede an die Nation, er sah mitgenommen aus. Die Tragödie saß ihm in den Knochen. "Heute gibt es kein links und rechts mehr, heute zählen unterschiedliche Weltanschauungen nicht. Wir stehen zusammen vor der Trauer um Lech Kaczynski und all die anderen Opfer der Katastrophe."

Komorowski und Kaczynski kannten sich seit Jahrzehnten aus der gemeinsamen Zeit in der Opposition. Der ruhige, sachliche Intellektuelle Komorowski ist ein Pragmatiker, den Deutschen gegenüber aufgeschlossen. Einer, der sorgsam seine Worte wählt. Kaczynski dagegen war ein Polterer, beseelt von der Sorge um das Polentum, leicht kränkbar und empfindlich. Komorowski wollte Kaczynski aus dem Präsidentenpalast vertreiben. Die Katastrophe hat ihn nun vorzeitig dorthin gebracht, kommissarisch bis zur vorgezogenen Wahl vermutlich am 20. Juni, aber so will doch keiner ein Amt gewinnen - schon gar nicht Komorowski.

Das politische Warschau, die Polemiker, die Analysten, die Propagandisten der Parteien: Sie alle sind noch benommen von der Trauer. Keiner wagt sich an politische Bewertungen. Wie wird der Tod Dutzender führender Politiker aus Kaczynskis Lager Polen verändern? Das rechtsnationale Lager, geeint durch den Widerstand gegen den liberalen Ministerpräsidenten Donald Tusk und seine europa- und wirtschaftsfreundliche Politik, muss sich nach der Katastrophe neu formieren. Tusks und Komorowskis Lager war nicht mitgereist im Unglücksflieger - so zynisch das klingt, mit der Tragödie hat sich das Machtgefüge im Land verschoben. Ist die nationalkonservative Ära Kaczynski jetzt endgültig vorüber?

Eher nicht. Schon am Samstag machten Spekulationen die Runde, Jaroslaw Kaczynski, der Ex-Premierminister und Zwillingsbruder von Lech, könnte das politische Erbe seines Bruders antreten und gegen Komorowski kandidieren. Zuzutrauen wäre ihm das.

"Wie ein guter Mensch, wie ein guter Katholik"

Jaroslaw Kaczynski verband ein symbiotisches Verhältnis zu seinem Bruder. Er ist der schratigere der beiden, wohnte bis vor kurzem noch bei seiner Mutter. Er hat Lech immer die größeren Ämter überlassen - er war der Ideologe und Stratege der beiden. Der Tod seines 45 Minuten jüngeren Bruders muss die größte denkbare Katastrophe für ihn sein. Aber er ist hart im Nehmen. Stunden nach dem Unglück stand er erst seiner kranken Mutter bei, dann flog er nach Smolensk, wo er die Leiche seines Bruders und seiner Schwägerin identifizierte. Er sei gefasst gewesen - "wie ein guter Mensch, wie ein guter Katholik", berichtet ein Vertrauter.

Es ist dieses stoische Beharrungsvermögen, das ihm bei einer Präsidentschaftskandidatur sogar zum Sieg verhelfen könnte. Eigentlich waren seine Landsleute seine Tiraden zuletzt leid geworden - aber wie er da im dunklen Mantel die Trauer der ganzen Nation trug, flogen ihm die Sympathien zu. Vielleicht wird er versuchen, das Mitgefühl umzumünzen in einen Sieg bei den vorgezogenen Wahlen.

Die Regierung in Warschau hat eine einwöchige Staatstrauer angeordnet. Der Sarg des Präsidenten kamen am Nachmittag in Warschau an, noch am Flughafen gab es eine Zeremonie mit dem Bruder, anderen Angehörigen und Funktionären - danach folgte eine Prozession des Sarges zum Präsidentenpalast, wo die vielen Tausenden Trauernden warteten.

Es dürfte der Anfang eines langen Abschieds sein.

Mit Material von Reuters, AFP

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung