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Polen: Trauer um Mazowiecki

Foto: Sokolowski/ ASSOCIATED PRESS

Tadeusz Mazowiecki Ein Leben für ein freies Polen

Tadeusz Mazowiecki, Polens erster frei gewählter Premier nach dem Ende des Kommunismus, ist tot. Seine Verdienste um den friedlichen Umbruch im Osten Europas sind nicht hoch genug einzuschätzen. Zu Hause musste er sich jahrzehntelang dafür rechtfertigen.

Warschau - Irgendwann, wenn Tadeusz Mazowiecki in seinen letzten Lebensjahren öffentlich auftrat, kam die Frage immer. Seine Schultern schienen dann noch ein wenig mehr herabzusacken, die Ringe unter den Augen noch ein bisschen dunkler zu werden. Was hatte er mit der "dicken Linie" gemeint, die er in seiner Antrittsrede vor dem Sejm, dem polnischen Parlament, 1989 erwähnt hatte.

Als er an jenem 24. August vor das Parlament in Warschau trat, war das ein historischer Moment: Die Kommunisten hielten noch die Mehrheit - aber nur, weil eine Übergangsregelung ihnen so viele Sitze zusicherte. In Wirklichkeit waren sie politisch und moralisch bankrott. Mazowiecki, der neue Premier, kam aus der Opposition, er war der Sieger, aber er verkniff sich Triumphalismus: Die Polen - so seine Botschaft - müssten eine "dicke Linie" ziehen unter die Vergangenheit: Sie müssten das aufgezwungene Bündnis mit der Sowjetunion abschütteln, die uneffiziente sozialistische Wirtschaftsordnung aufmischen. Die Zeit der Propaganda und der Lügen sollte zu Ende gehen.

Später hat die Rechte Mazowiecki immer vorgeworfen, damit dem neuen polnischen Staat einen kranken Samen eingepflanzt zu haben. Es sei der Moment verpasst worden, mit den Kommunisten, den großen und kleinen Funktionären, den Mitläufern und den echten Verbrechern wirklich abzurechnen.

Aber im August, als Mazowiecki seine Linie zog, stand Moskaus Armee noch im Lande, niemand wusste, ob die alten Machthaber wirklich das Feld räumen würden - oder ob ein Bürgerkrieg bevorstünde, womöglich Blutvergießen. Das wollte Mazowiecki verhindern.

1927 in Plock bei Warschau geboren, hatte er Jura studiert. Der gläubige Katholik schloss sich der katholischen Opposition an, die zeitweise Freiheiten genoss. Mazowiecki saß gar im Sejm. Als 1980 Arbeiter in Danzig streikten, reiste er dort hin und diente sich ihnen als Berater an. Er wusste, dass den Kommunisten, so hinfällig ihr System auch war, die Macht niemals mit Gewalt oder durch Straßenproteste allein zu entreißen gewesen wäre.

Also drängte er auf Verhandlungen, forderte kleine Zugeständnisse, plädierte, das System in kleinen Schritten zu demontierten. Es gab Rückfälle: Als Warschau die freie Gewerkschaft Solidarnosc verbieten ließ, wurde auch Mazowiecki interniert.

Doch am Ende siegte seine Idee der herbeiverhandelten Revolution, wurde zum Muster für den Rest des Ostblocks. Am Runden Tisch überredeten er, Lech Walesa und viele andere aus der Opposition, die Kommunisten, teilweise freie Wahlen zuzulassen. Diese machten Mazowiecki zum Premier.

Und er ging sogleich daran, seine Linie zu ziehen. Er und sein Wirtschaftsminister Leszek Balcerowicz setzen einen radikalen Privatisierungsplan durch - die Polen verloren zu Tausenden ihre bis dahin garantierten Jobs. Heute glauben viele, dass damals der Grund für den heutigen Erfolg des Landes gelegt wurde. Mazowiecki steuerte das neue Polen konsequent nach Westen. Mit den Deutschen schloss er einen Vertrag über gute Nachbarschaft, entschärfte die bis dahin umstrittene Frage der Oder-Neiße-Grenze.

Das alles waren psychologische und materielle Zumutungen, die der eigentlich stille Intellektuelle seinen Landsleuten da aufbürdete. Deshalb verlor er 1990 auch die Wahl zum Präsidenten gegen den Volkstribunen Lech Walesa. Er machte nicht den Eindruck, als schmerze ihn die Niederlage sehr. Danach trat er noch als Mitgründer einer liberalen Partei in Erscheinung und als Uno-Menschenrechtsbeauftragter für den Bürgerkrieg auf dem Balkan. In Jugoslawien passierte damals genau das, was Mazowiecki für sein Land zu verhindern gesucht hatte: ein Aufwallen des Nationalismus, ein Bürgerkrieg zwischen alten Mächten und neuen Kräften.

Seine letzten Jahre verbrachte der gesundheitlich angeschlagene Mazowiecki zurückgezogen. Er starb am Montagmorgen in Warschau.

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