Polen trauert um Lech Kaczynski "Er war unser aller Präsident"

Fassungslosigkeit, Trauer, Ratlosigkeit - das öffentliche Leben in Polen steht still. Der plötzliche Tod des Präsidenten Lech Kaczynski hat das Land tief getroffen. Die Menschen fragen: "Warum immer wir?"

Von Elisabeth Lehmann, Warschau


Es sollte der glücklichste Tag in ihrem Leben werden. Doch nun traut sich das Hochzeitspaar nicht so recht, Freude zu zeigen. Hier am Samstagabend, vor der Kirche der Heiligen Anna auf Warschaus Prachtstraße Krakowskie Przedmiescie, wenige Meter vom polnischen Präsidentenpalast entfernt, auf dessen Dach die weiß-rote Flagge auf Halbmast weht.

"Wir konnten es doch nicht beeinflussen. Wir versuchen jetzt das Beste daraus zu machen", sagt die Braut, umringt von Fotografen. Sie wirkt, als sei es ihr unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Ihren Namen möchten die frisch Vermählten nicht nennen. Überhaupt möchten sie jetzt nicht mehr auf den Flugzeugabsturz und den Tod von Lech Kaczynski angesprochen werden. Sie müssten jetzt gehen, in wenigen Minuten beginne schließlich der Gedenkgottesdienst für die Opfer der Katastrophe.

Die Glocken läuten, eindringlich, mahnend. Chorgesang dringt aus den Lautsprechern, die rechts und links vom Eingang zur Kathedrale aufgestellt wurden. Alle Gotteshäuser der Innenstadt sind überfüllt, daher haben sich die Menschen auf den Straßen versammelt und folgen der Messe.

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Lech Kaczynskis Tod: Trauer um den verstorbenen Präsidenten
Namen werden verlesen. Jedes Opfer wird einzeln genannt. Minutenlang. Und bei jedem dieser Namen zucken die Menschen zusammen, wird ihnen doch bewusst, dass das Land an diesem 10. April 2010 einen schweren Schlag verkraften muss.

Kaczynski war mit einer ranghohen Delegation auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Ermordung polnischer Soldaten durch den sowjetischen Geheimdienst vor 70 Jahren im russischen Katyn. Schon sprechen einige von "Katyn 2".

"Ich mochte Kaczynski nicht besonders"

Warschau trägt nun Trauer. Die Stadt ist erleuchtet von unzähligen Kerzen, Blumen stapeln sich unter jedem Baum, schwarze Flaggen prägen das Stadtbild. Ein junges Pärchen hält die Sonderausgabe der "Gazeta Wyborcza" in der Hand. Aufgelistet sind die Namen der Passagiere an Bord. Sie füllen die gesamte Seite.

"Nein, ich mochte Kaczynski nicht besonders. Ich war nicht einverstanden mit seiner Politik", sagt der junge Mann und schaut nachdenklich auf das Lichtermeer vor dem Präsidentenpalast. "Doch in so einem Moment ist das nicht mehr wichtig. Er war unser aller Präsident, jetzt müssen wir zusammenstehen."

Die Stimmung in der Stadt erinnert an die Zeit, in der Papst Johannes Paul II starb. Es ist genau fünf Jahre her und in diesen Tagen sollten die Gedenkfeiern für das Kirchenoberhaupt stattfinden - ein weiteres tragisches Detail.

Immer wieder sind Stimmen zu hören, die fragen, wie viel Polen noch ertragen kann. "Warum immer wir?", klagt eine ältere Frau und wischt sich mit einem weißen Spitzentaschentuch die Tränen von der Wange. "Er war ein phantastischer Mensch", schwärmt ein älterer Herr von Kaczynski. "Aber solche Menschen haben in unserem Land keine Chance, lange zu überleben." Es klingt bitter und spiegelt doch das wider, was vielen Menschen in diesen Minuten durch den Kopf geht.

Vor dem Präsidentenpalast wurden Kondolenzbücher ausgelegt, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Vielen fällt es noch immer schwer, zu realisieren, was passiert ist. Sie winken ab, wollen nicht angesprochen werden.

Für Sonntag sind alle Warschauer zu einem gemeinsamen Gedenkgottesdienst eingeladen. Ansonsten steht die Stadt still. Kinos, Museen, Theater bleiben geschlossen. Ein Land im Schockzustand.

insgesamt 844 Beiträge
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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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