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Osteuropa: Smog-Alarm in Polen

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Luftverschmutzung Polens schwarze Zukunft

Angela Merkel besucht Polen - ein Land, das seit Wochen unter verheerendem Smog leidet. Giftige Abgase aus der Verfeuerung von Kohle machen Zehntausende krank. Doch die Regierung Warschau verherrlicht den Brennstoff.

Angela Merkel hat Glück, dass sich das Wetter in Warschau geändert hat. So muss die Bundeskanzlerin nicht um ihre Gesundheit fürchten, wenn sie atmet an diesem Dienstag beim Staatsbesuch in Polens Hauptstadt. Gerade rechtzeitig vor ihrer Ankunft haben Neuschnee und eisige Ostwinde das meiste Gift aus der Luft vertrieben. Noch am Wochenende durchzogen nebelartige Schwaden den Großraum Warschau: Abgase von Kraftwerkschloten, Auspuffen, Kohleöfen.

Die Feinstaubbelastung war zeitweise mehr als fünfmal so hoch wie die europäischen Grenzwerte. So geht das seit Wochen. Denn dieser Winter ist noch versmogter als sonst. Und das will in Polen etwas heißen.

Polen hat ein Smogproblem. Genauer gesagt: ein Kohleproblem. Der dreckigste aller gängigen fossilen Brennstoffe ist Polens Stolz und Fluch zugleich. Kein Land in Europa verherrlicht die Kohle so sehr - und keines leidet so sehr unter ihr. Die Verbrennung von Stein- und Braunkohle in Kaminen oder Kesseln ist hauptverantwortlich dafür, dass sich 17 der 20 schmutzigsten Städte der EU auf polnischem Staatsgebiet ballen - und dass die lokale Luftverschmutzung bisweilen Dimensionen annimmt wie die berüchtigte "Airpocalypse" in der Volksrepublik China. Die Kohle macht Jahr für Jahr Zehntausende Polen krank oder bringt sie um.

Doch während Regierungen anderswo in der Welt zunehmend versuchen, Alternativen zum Klima- und Menschenkiller aufzubauen, ziehen die Mächtigen in Warschau nicht mal eine Energiewende in Betracht. Im Gegenteil.

"Die polnische Wirtschaft hat keine Zukunft ohne die polnische Kohle." Solche Sätze sagt Beata Szydlo wieder und wieder. Die Premierministerin von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ist selbst Tochter eines Kumpels, sie ist im schlesischen Revier aufgewachsen. Und seit ihrem Amtsantritt vor 15 Monaten lässt sie nichts unversucht, die seit Langem kriselnde Branche aufzupäppeln.

Szydlo hat eine Agentur zur Rettung der Bergbauindustrie gegründet. Sie hat veranlasst, dass der Staat einigen angeschlagenen Betrieben ihre Überproduktion abkauft. Sie hat die Gruben eines maroden Konzerns in ein neues, staatlich gestütztes Unternehmen überführen lassen. Sie hat sogar den Ausbau der Windenergie gebremst und den Bau neuer Kohlekraftwerke angekündigt - obwohl solche Meiler bereits mehr als vier Fünftel der heimischen Elektrizität erzeugen. Und sie setzt sich dafür ein, dass die Stromversorger ihre Kraftwerke mit heimischen Brennstoff füttern.

Seit Jahren ist die lokale Kohleförderung ein Verlustgeschäft, sind Importe aus Kolumbien oder Südafrika oft preiswerter als heimische Ware. Doch anders als in Deutschland, wo demnächst die letzten Untertage-Zechen dichtgemacht werden, ist ein Ausstieg aus dem Steinkohlebergbau für Warschau ein Tabu. "Die Kohle ist für viele Polen Teil ihrer nationalen Identität", sagt Oliver Geden, Experte für europäische Energiepolitik bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.

Zu kommunistischen Zeiten war sie der Brennstoff der heimischen Schwerindustrie und eines der wichtigsten Exportgüter des Landes. Rund eine halbe Million Menschen verdiente damals ihr tägliches Brot in dem von der Staatspropaganda verklärten Sektor, heute sind es noch immer etwa 100.000 Menschen. Polen ist der größte Kohleproduzent und -verbraucher der EU. Und seine Zukunft bleibt schwarz.

"Grubenarbeiter haben einen sehr hohen gesellschaftlichen Status, ihre Gewerkschaften sind mächtig, und die Bergbaukonzerne sowie die Energieversorger sind eng mit der Politik verflochten", sagt Pawe Szypulski, Energieexperte von Greenpeace in Warschau. "Niemand wagt es, wirklich die Strukturen zu verändern."

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Zudem betrachtet die Regierung die Kohle "als Pfeiler ihrer Energieunabhängigkeit", wie Geden sagt, als Alternative zu Strom aus russischem Erdgas. Und so kämpfen Warschaus Vertreter auch im vereinten Europa gegen den langsamen Abschied der EU von den fossilen Brocken.

"Poland is Coalland", spottet ein Brüsseler Insider. Immer wieder, erzählt er, bremsen die Polen progressive Staaten aus: etwa wenn sich die anderen Europäer gemeinsam zu niedrigeren CO2-Emissionen verpflichten oder die Abgasstandards für Kraftwerke verschärfen wollen. "Niemals werde ich dem zustimmen, dass uns durch irgendwelche EU-Rechtsvorschriften die Kohle weggenommen wird", hat Präsident Andrzej Duda erst kürzlich wieder gelobt.

Drastischer Anstieg von Atemwegserkrankungen

Den Smog nannte Polens Gesundheitsminister Konstantin Radziwill noch zu Jahresanfang "ein theoretisches Problem". Wer rauche, schädige seine Gesundheit viel mehr, behauptete der Politiker. Hierfür allerdings müsste man schon ordentlich qualmen: Nach Berechnungen der Nichtregierungsorganisation Krakow Smog Alarm atmet ein Einwohner Krakaus, der sich an einem Tag mit durchschnittlich hoher Luftverschmutzung vier Stunden lang draußen aufhält, mehr vom krebserregenden Schadstoff Benzo(a)pyren ein, als wenn er zehn Zigaretten raucht.

In den vergangenen Wochen war Einatmen noch viel gefährlicher. Als im Januar eine Kältewelle durch das Land zog, lag die Feinstaubbelastung in der südpolnischen Stadt Rybnik zeitweise um 3126 Prozent über dem Grenzwert, in Warschau wurde das Limit um das Zehnfache überschritten. Ärzte berichteten von einem drastischen Anstieg der Atemwegserkrankungen. Selbst im Wintersportmekka Zakopane zogen sich die Skifahrer Atemmasken vors Gesicht.

Je kälter es in Polen wird, desto dreckiger wird die Luft. Denn dann bullern in Millionen Wohnungen völlig überaltete Öfen auf Hochtouren. Mehr als 60 Prozent der Haushalte heizen noch mit Kohle und allem möglichen anderen Zeug, das brennt - bis hin zu Müll. Diese Abgase sind die Hauptquelle für den Smog. Das besonders gequälte Krakau hat vergangenen Winter als erste polnische Stadt angekündigt, diese Öfen bis 2019 abzuschaffen. Nachahmer hat Krakau bisher allerdings kaum gefunden: Das Verfeuern von Kohle ist kurzfristig konkurrenzlos billig. Aber auf Dauer bezahlen die Polen dafür mit ihrer Gesundheit.


Zusammengefasst: Kein Land in Europa verherrlicht die Kohle so sehr wie Polen - ist sie doch Teil der nationalen Identität. Grubenarbeiter haben einen hohen gesellschaftlichen Status, ihre Gewerkschaften sind mächtig. Eine Energiewende kommt daher für die Regierung nicht infrage - dabei leidet das Land erheblich unter der Verbrennung von Kohle. 17 der 20 schmutzigsten Städte der EU ballen sich auf polnischem Staatsgebiet, die Zahl der Atemwegserkrankungen ist drastisch angestiegen.