Polen Wo der Papst ewig jung ist

In diesem Jahr feiert der Papst sein 27. Weihnachten auf dem Heiligen Stuhl. Darauf sind die Polen besonders stolz, denn Johannes Paul II. kommt aus Krakau. In Polen grenzt es an Häresie, an das Ableben des schwer kranken Heiligen Vaters auch nur zu denken. In seinem Heimatland ist Karol Wojtyla längst kanonisiert.

Aus Krakau berichtet Alexander Schwabe


Papst Johannes Paul II.: Himmelweit vorn
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Papst Johannes Paul II.: Himmelweit vorn

Jeden Abend ist das alte Gestühl der Marienkirche in Krakau voller Menschen. Ein warmes Licht erfüllt den Raum. Im Gang zum Chor flackern Hunderte Teelichter. An der Seite des Hauptschiffes kniet ein Priester vor einem hell erleuchteten Altar mit goldenen Ornaten. Auch seine weite Stola glänzt in Gold. Mit dem Rücken zum Glaubensvolk betet er wieder und wieder den Rosenkranz. Die Beichtstühle in den Seitenschiffen sind belegt. Die Geistlichen warten auf die Gläubigen, die nach dem Gebet zum Bereuen ihrer Sünden kommen.

In Polen ist die Glaubenswelt noch in Ordnung. Junge Priester und Brüder in langer Soutane und Kollar sind unter den Betenden. Nonnen mit nach vorne gezogenen Hauben sitzen in den Bänken. Hausfrauen, Studenten, Geschäftsmänner knien wie selbstverständlich auf dem blanken Steinboden vor einer der Apsiden und beten zur Muttergottes oder einem Heiligen. Sie alle klinken sich für einen Moment aus dem Alltag aus. Wenn sie auf dem Nachhauseweg über den großen Marktplatz mit den gotischen Tuchhallen und dem Denkmal des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz eilen, tauchen sie für eine Weile in einen Raum voller Feierlichkeit.

Papstbildnis in der Basilika von Wadowice: Auf einer Stufe mit Jesus und Maria
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Nur neun Prozent aller Polen ignorieren die Kirche gänzlich. Fast 60 Prozent geben an, mindestens einmal pro Woche zur Messe zu gehen. Doch für die meisten reduziert sich Katholizismus auf ein Gefühl. Die Krakauer Religionssoziologin Irena Borowik sagt, die große Mehrzahl der praktizierenden Katholiken pflege eine Lebensart, ohne die Glaubensinhalte zu kennen oder zu teilen.

Wojtyla vor Pilsudski und Walesa

Große Theologen, die über die Natur Gottes spekulieren, hat das Land nicht hervorgebracht, dafür viele Fromme, die zur Eucharistiefeier gehen, wallfahren und viel beten. Ein Witz charakterisiert die Fülle polnischer Geistlichkeit und den Mangel an allgemeiner Geistigkeit: Nach den Personen der Trinität gefragt, antworte der durchschnittliche Pole, diese setze sich zusammen aus Maria, Josef und dem Papst.

Es ist, als säße Johannes Paul II. zur Rechten Gottes - ein Platz, der ihm in den Augen vieler Polen durchaus gebührt. "Der Papst ist der höchste Repräsentant der polnischen Nation in der Vergangenheit und wohl für alle Zukunft", sagt Borowik. Auch in Umfragen liegt der Pontifex Maximus himmelweit vorn. 43 Prozent aller Polen stimmen für ihn, wenn sie gefragt werden, auf wen sie besonders stolz sind. Er liegt weit vor den folgenden Plätzen, Marschall Pilsudski (23 Prozent) und Arbeiterführer Lech Walesa (16 Prozent).

Sanktuarium in Lagiewniki: Der Pilgerstrom wächst
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"Es ist eine wahre Liebe und Verehrung", sagt Borowik. Die Gründe für die Verherrlichung Wojtylas liegen in einer Melange von nationalem Stolz und geistiger Huldigung. Bestenfalls in der Republik Irland sind Nationalismus und Spiritualität so verwoben wie in Polen. In der schmerzhaften Geschichte der Nation war der Katholizismus identitätsstiftend. Bedroht von den protestantischen Preußen im Westen und den orthodoxen Russen im Osten wurde der katholische Glaube zum inneren Bollwerk einer von umgebenden Großmächten geschundenen und später vom Kommunismus gefesselten Nation.

Ein Born frischen Wassers

Johannes Paul II., der noch täglich die Litaneien der polnischen Nation betet, hat seit dem Antritt seines Amtes vor 26 Jahren zur Befreiung vom Kommunismus wesentlich beigetragen. Michail Gorbatschow schrieb in seinen Memoiren: "Alles, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen." Und noch immer ist er seinem Heimatland ein Born frischen Wassers, mag er auch noch so gebrechlich und schwach erscheinen. Dass er mehrere Landsleute selig oder heilig gesprochen hat, stärkte die Volksfrömmigkeit weiter.

Lagewniki: Die Heilige Faustina neben der Darstellung ihrer Vision der Barmherzigkeit
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In der Kirche "Zur lieben Frau von Jerusalem" in Wadowice, dem Geburtsort Karol Wojtylas, knien fast immer eine Hand voll Frauen vor dem "Heiligen-Kreuz-Schrein". In ihm befindet sich das "wundertätige Bild der Mutter Gottes von der immerwährenden Hilfe". Die frommen Frauen kommen einer Aufforderung des Papstes nach, die an einer kleinen Inschrift festgehalten ist: "Ich bitte Euch alle, vor dem Bild dieser Mutter Gottes ständig für mich zu beten" - wie auch er selbst vor der Ikone gebetet hat als Junge, als junger Mann, als Priester, Bischof, Kardinal und dreimal als Papst bei seinen Polenbesuchen.

Die Heimatkirche Johannes Pauls II. - 1992 von ihm zur Basilika ernannt - ist zu einem Wallfahrtsort geworden. Schulklassen besuchen das Gebäude, über dessen Portal sein Konterfei unter einer Marienfigur prangt und zwischen Adalbert und Stanislaw, den Schutzheiligen Polens.

Wiederkehr des Heiligen Geistes nach Europa

Auch das Heer der Gläubigen, das jährlich nach Lagiewniki pilgert, wächst ständig an. Seit dem zweiten Besuch des Papstes 2002 am Grab der im April 2000 kanonisierten Heiligen Faustyna hat es sich verdoppelt. Seither strömen jährlich zwei Millionen Menschen ins supermoderne "Sanktuarium der Göttlichen Barmherzigkeit" wenige Kilometer südlich von Krakau, wo die fromme Schwester am 22. Februar 1931 ihre Visionen hatte.

Schwester Elzbieta: Heiße Verehrerin der Heiligen Faustyna
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Schwester Elzbieta, Vorsitzende des Vereins der Apostel der Barmherzigkeit Gottes im Faustinum, hält den Papst für ein "Zeichen der göttlichen Wahrheit" in einer "moralisch ungeordneten Welt". "Ich erwarte einen Frühling in der Kirche", sagt die Nonne, "das heißt die Wiedergeburt des Glaubens an Gott und an die christlichen Werte in zwischenmenschlichen Beziehungen".

Gänzlich erfüllt von der Mission, die Botschaft der Barmherzigkeit in die Welt zu tragen, hofft sie, dass Europa von Polen aus neu evangelisiert werden wird. Diese Hoffnung teilt sie mit ihrem Oberhirten. Von Anfang an hat der Papst daher den EU-Beitritt Polens unterstützt - gegen den Willen des langjährigen polnischen Primas', Kardinal Josef Glemp.

Zu liberal, zu konservativ

Ob sich die Hoffnung des Papstes erfüllen wird, scheint fraglich. Trotz seiner Omnipräsenz durch Bildnisse aller Art an nahezu allen kirchlichen Orten, greift die Säkularisierung auch in Polen um sich. Das Charisma des Heiligen Vaters bezaubert zwar viele Gläubige, doch der Glorifizierung seiner Person folgt keineswegs die Befolgung seiner Lehre. Selbst unter den Geistlichen lässt die Gefolgschaft zu wünschen übrig.

Heiligenverehrung in Polen: eine Fülle an Geistlichkeit und ein Mangel an Geistigkeit
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Nicht nur den nationalistischen und bisweilen antisemitischen Machern des populären Frommen-Senders "Radio Maryja", sondern auch weiten Teilen des Klerus ist der Papst zu liberal, sagt Professorin Borowik. Viele Priester akzeptierten etwa seine Versöhnungsgesten zum Judentum und Islam hin nicht.

Dem Durchschnittspolen jedoch ist er - wie vielen Westeuropäern - zu konservativ. Die meisten befolgen seine Soziallehre nicht, die Scheidungen, künstliche Geburtenkontrolle und Abtreibung verbietet. Jeder Dritte gibt gar an, die päpstliche Lehre nicht zu kennen - das ist keineswegs verwunderlich in einem Land, in dem Kinder christliche Choräle mitsummen, bevor sie sprechen können.



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