Polens Botschafter "Deutschland ist uns näher gekommen"

Die Polen trauern - aber ihr Staat funktioniert: Nach der Flugzeugtragödie vertraut der polnische Botschafter Marek Prawda auf die Institutionen seines Heimatlandes und lobt Russlands Reaktion. Auch über die deutsche Anteilnahme zeigt er sich im SPIEGEL-ONLINE-Interview hoch erfreut.

Polen trauert um Staatspräsident Kaczynski: "Zeit der Anteilnahme"
dpa

Polen trauert um Staatspräsident Kaczynski: "Zeit der Anteilnahme"


SPIEGEL ONLINE: Wie sehr ist Polen aus dem Takt geworfen durch die Flugzeugkatastrophe vom Wochenende?

Prawda: Es gibt da eine institutionelle und eine emotionale Wirklichkeit. Was die erste betrifft: Da versuchen wir, trotz der Verzweiflung und Erschütterung, unsere Aufgaben zu erfüllen - der Staat und seine Institutionen müssen funktionieren. Wir hatten einiges, was uns die Verfassung gebietet, beispielsweise die Geschäftsübernahme des Parlamentspräsidenten nach dem Tod des Staatschefs und dass wir in absehbarer Zeit einen neuen Präsidenten wählen müssen. Auf der anderen Seite haben wir diese emotionale Komponente - und das wird uns noch lange beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: In der emotionalen Wirklichkeit, von der Sie sprechen - ist Polen da noch in einer Art Schockstarre?

Prawda: Es ist immer noch die Zeit des Gebets und des Nachdenkens und die Zeit der Anteilnahme - übrigens auch von der, die man von außen bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn der unglaubliche personelle Aderlass durch den Flugzeugabsturz für Ihr Land überhaupt zu verkraften?

Prawda: Sicherlich sind diese Menschen mit ihren Erfahrungen und Kenntnissen nicht einfach zu ersetzen. Deshalb ist das ein unglaublicher Verlust. Andererseits ist der Staat durch die Strukturen stark - das ist jetzt auch ein Test für die polnischen Institutionen.

SPIEGEL ONLINE: Das Flugzeug mit Präsident Lech Kaczynski stürzte gerade in einer Phase über russischem Boden ab, in der sich die zerrütteten Beziehungen zum Nachbarn Russland zu entspannen schienen. Eine neue Belastung für das Verhältnis Warschau-Moskau?

Prawda: Auch das wird ein Test sein. Aber wir haben zuletzt wirklich eine positive Dynamik erlebt, insbesondere mit der ersten gemeinsamen Gedenkveranstaltung für die polnischen Opfer von Katyn von 1940 - deshalb wäre es wirklich nicht klug und gut, in dieser Katastrophe eine Fortsetzung der polnischen Opfergeschichte zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: In Polen soll es allerdings schon entsprechende Verschwörungstheorien geben…

Prawda: …von denen ich bisher kaum etwas gehört habe. Ich sehe eine andere Form des Kommentierens: Weil es gerade diese positive Erfahrung im Verhältnis zu unseren russischen Nachbarn gibt, kann die Tragödie auch etwas Verbindendes haben. Vor dem, was Russland in den vergangenen 24 Stunden gezeigt hat, haben wir jedenfalls großen Respekt.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten das so nicht erwartet?

Prawda: Man war beispielsweise in Polen überrascht, dass im russischen Fernsehen nach dem Absturz zur besten Sendezeit der Spielfilm über den Massenmord von Katyn gezeigt wurde. Das wurde als sehr überzeugender Beleg dafür interpretiert, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit - auch innerhalb der russischen Gesellschaft - weitergekommen ist. Das war eine klare Geste gegenüber uns Polen.

SPIEGEL ONLINE: Zählen Sie dazu auch die Szene an der Unglücksstelle, als Russlands Premier Wladimir Putin Ihren Ministerpräsidenten Donald Tusk umarmte?

Prawda: Diese Szene wurde im polnischen Fernsehen immer wieder gezeigt. Und es wurde eindeutig als natürliche und spontane Geste gewertet.

SPIEGEL ONLINE: Ministerpräsident Tusk scheint ein Garant für das Ende der Eiszeit zwischen Warschau und Moskau zu sein. Wird er nach dem Tod von Präsident Kaczynski die zentrale Figur der polnischen Politik?

Prawda: Donald Tusk war ein großer Favorit für die Präsidentschaftswahlen, bevor er seinen Verzicht erklärte. Er hat als Vorsitzender der größten Partei eine ausgesprochen starke Position im Lande. Und Tusk steht heute noch mehr für einen emotionalen Durchbruch im Verhältnis mit Russland. Der Prozess ist noch nicht zu Ende - und ich glaube, dass seine politische Statur dadurch noch gestärkt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wird ein noch stärkerer Ministerpräsident Tusk auch positiv für das nicht immer einfache Verhältnis zwischen Polen und Deutschland sein?

Prawda: Ich glaube, dass die Tragödie vom Wochenende ohnehin auch eine deutsch-polnische Angelegenheit ist: Wir erfahren in Berlin wirklich eine riesige Anteilnahme - das hat unsere Vorstellungen überstiegen. Auch dieser Nachbar ist uns in den vergangenen Stunden nähergekommen.

Das Interview führte Florian Gathmann

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