Polens Präsident Kaczynski Tragisches Ende einer nationalen Mission

Lech Kaczynski prägte mit seinem Zwillingsbruder Jaroslaw über Jahre die polnische Politik, hielt die Europäische Union in Atem. Jetzt stürzte das Flugzeug des Präsidenten ab - ausgerechnet auf dem Weg zur Gedenkfeier in Katyn.

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Hamburg - Lech Kaczynski bildete mit seinem Zwillingsbruder Jaroslaw ein skurriles Polit-Gespann: Machtbewusst, mit viel Gespür für die Gefühlslagen ihrer Landsleute und Lust am politischen Streit hielten sie jahrelang die Europäische Union in Atem. Besonders das Verhältnis zu den Deutschen litt. Doch zuletzt hatten die Brüder den Bogen überspannt. Lech wäre im Herbst wohl kaum als Präsident wiedergewählt worden.

Lech Kaczynski ist tot. Er starb an diesem Samstag auf dem Weg nach Katyn - ausgerechnet. Dort und in der Umgebung hatte der sowjetische Geheimdienst 1940 um die 20.000 polnische Offiziere ermordet, die ihm nach dem deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen in die Hände gefallen waren. Per Genickschuss ließ Stalin die Führungsschicht, darunter Militärs, Ingenieure, Lehrer, Priester, ausrotten.

Am Samstagmorgen verbrannten in der Präsidentenmaschine Dutzende andere Würdenträger Polens: Die Gattin des Staatsoberhauptes, etliche Bischöfe, der Chef der Nationalbank, Vizeminister, der Chef der polnischen Behörde für die Geheimdienstunterlagen der kommunistischen Ära. "Es starb die Elite unseres Landes", sagte Kaczynskis Amtsvorgänger Lech Walesa.

Kaczynskis Leiche soll wenige Stunden nach dem Absturz geborgen worden sein, berichtete die Nachrichtenagentur RIA Nowosti unter Berufung auf Sicherheitskräfte vor Ort. Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin ordnete an, Kaczynskis Leiche und die der anderen Absturzopfer zur Identifikation nach Moskau zu bringen.

Gestorben im Dienst der Nation - so hätte Lech Kaczynski andere polnische Politiker gewürdigt, wenn ihr Flugzeug auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung in Katyn havariert wäre. Lech Kaczynski und sein Bruder Jaroslaw, der nicht mit an Bord der Maschine war, hatten Dienst an der Nation immer vor allem als Geschichtspolitik verstanden: Polen sei am besten gedient, wenn es sich auf seine Leidensgeschichte, vor allem die in und nach dem Zweiten Weltkrieg, besinne. Und wenn es den Tätern - den kommunistischen Machthabern, den Russen und den Deutschen - die Verbrechen an den Polen immer wieder in Erinnerung rufe. Polens Martyrium, reich an Opfern, reich an Glorie, war für die Kaczynski-Brüder der Treibstoff der Politik.

Nach Angaben aus Jaroslaw Kaczynskis Umfeld ist dieser "niedergeschmettert" von der Nachricht des Unfalltodes seines Bruders.

Als Jacek und Placek spielten die Kaczynskis im Kinderfilm

Lech Kaczynski wurde am 18. Juni 1949, etwa eine Dreiviertelstunde nach seinem Bruder Jaroslaw, in Warschau geboren. Vater Raimund, ein Ingenieur und Mutter Jadwiga, eine Philologin, hatten noch gegen die deutschen Besatzer gekämpft. Schon als Kinder gelangten die beiden selbst für Zwillinge erstaunlich ähnlichen Geschwister zu Berühmtheit. Im Kinderfilm "Von zweien, die den Mond stahlen" spielten sie als Jacek und Placek die Hauptrollen. Schon damals war die Gestalt ihrer Symbiose sichtbar: Lech, der Freundliche, der Zugängliche, der Außenminister des Gespanns. Jaroslaw, der zynische Stratege, der Vordenker. Noch als Lech 2005 Präsident wurde, knallte er vor seinem Bruder die Hacken zusammen und sagte: "Auftrag ausgeführt."

Als Studenten der Rechtswissenschaften schlossen sie sich in den siebziger Jahren der antikommunistischen Opposition an. Dass Polen 1945 in den Machtbereich der Sowjetunion gefallen war, verstanden sie nach den Teilungen des Landes im 18. Jahrhundert, nach dem opferreichen Krieg gegen Hitler-Deutschland als eine weitere Station auf Polens historischem Leidensweg. Der Kampf gegen die Sowjet-Hegemonie war ihnen nationale Mission - und so blieb es.

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Lech Kaczynski: Vom Kinderstar zum polnischen Staatschef

Nach dem Fall der Mauer gehörten sie kurz verschiedenen Regierungen an. Doch zerstritten sie sich mit den Dissidenten um Lech Walesa. Die hatten sich 1989 mit den Kommunisten an einen Runden Tisch gesetzt, und die Wende, den schrittweisen Abgang der Machthaber, herbeiverhandelt. Danach, so formulierte es einmal Polens erster nicht-kommunistischer Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki, sollte ein "dicker Strich" unter die kommunistische Vergangenheit gezogen werden. Die Geheimdienst-Verstrickungen der Polen sollten den Neuanfang nicht überschatten - eine Haltung, die für die Kaczynskis nicht zu akzeptieren war.

2002 waren die Kaczynskis und ihre Partei Recht und Gerechtigkeit zur stärksten Kraft auf der politischen Rechten geworden. Lech gewann das Amt des Warschauer Oberbürgermeisters. Sein Hauptanliegen war es, ein Museum für den Warschauer Aufstand zu bauen. 1944 hatte sich die Bevölkerung der Hauptstadt gegen die deutschen Besatzer erhoben. Sie lieferten sich wochenlange Kämpfe - während sich auf dem östlichen Weichselufer in Schussweite die Rote Armee eingrub. Stalin verriet die Polen und ließ zu, dass Hitlers Truppen Warschau bis auf die Grundmauern zerstörten und unter den Polen ein beispielloses Massaker anrichteten.

Die Ausstellung an der Grzybowska-Straße wurde zum zentralen geschichtspolitischen Projekt der Kaczynski-Ära. Die modernen Polen sollten - so das erklärte Ziel - aus dem Wissen über die Heldentaten ihrer Vorfahren neue nationale Solidarität schöpfen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das viele brauchten in der verwirrenden Nachwende-Zeit.



insgesamt 844 Beiträge
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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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