Polit-Krise in der Ukraine "Janukowitsch muss gehen, dann gehen wir"

Wie geht es weiter in der Ukraine? Es gibt Hoffnungen auf Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien. Doch in den Trümmern des tagelangen Straßenkampfs rüsten sich die Demonstranten für die nächsten Schlachten mit der Polizei.

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Aus Kiew berichtet


Für einen, der dauernd von einem Waffenstillstand redet, sieht Wladimir ziemlich martialisch aus. Mit einem Stahlhelm auf dem Kopf und Gasmaske vor dem Gesicht steht der 37-Jährige vor dem ausgebrannten Gerippe eines Busses am Ende der Gruschewski-Straße, mitten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew.

Seine Militärjacke ist komplett schwarz vom Ruß. Am Boden zeugen die Stahlringe aus den Hunderten abgefackelten Autoreifen von dem Feuer, das hier an der Frontlinie zwischen den Spezialeinheiten der Polizei und den Vorkämpfern der Opposition tagelang brannte.

"Wir haben Befehle bekommen, dass wir die Polizei nicht mehr provozieren sollen", sagt Wladimir, "wir werden versuchen, uns daran zu halten." Hinter ihm tragen andere Vermummte gerade eine Kiste mit Molotow-Cocktails und dann weitere Kisten mit Ziegelsteinen nach vorne. Sergej aber winkt ab. "Reine Vorsichtsmaßnahme, falls sie sich nicht an den Deal halten", meint er. Geht es nach ihm, halten er und seine Kameraden sich zurück, wenn sie nicht angegriffen werden. "Klappt es nicht, kämpfen wir Mann gegen Mann", sagt er.

In der Nacht zu Donnerstag hatten sich Demonstranten und Polizei genau an dieser Stelle unbarmherzig bekämpft. Steine und Molotow-Cocktails flogen unablässig auf die Polizeilinie, die Spezialeinheiten reagierten mit Tränengas und Blendgranaten. "Es war ein richtiger Straßenkrieg", sagt Wladimir. Seit einem Monat lebt er mehr oder minder auf dem zentralen Maidan-Platz und seinen Seitenstraßen, Ende Dezember war er aus der Westukraine angereist. Abfahren will er erst, wenn die Regierung einschließlich Präsident Wiktor Janukowitsch zurücktritt und es Neuwahlen gibt.

Die Kämpfe in der Gruschewski-Straße, an deren Ende das ukrainische Parlament liegt, ebbten erst am Morgen ab. Oppositionsführer Vitali Klitschko hatte seine Anhänger, vor allem aber die dazugestoßenen Hooligans, dringlich zu einem Waffenstillstand aufgefordert.

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Kleine Zugeständnisse werden nicht reichen

Die Anhänger des Boxstars tun viel, um die aufgehetzte Menge bei Laune zu halten und neue Eskalationen zu verhindern. Mit ihren roten Westen kommen sie immer wieder nach vorne an die Barrikaden, teilen Brötchen und warmen Tee, aber vor allem Beruhigungsparolen aus.

"Wenn wir die Polizei noch einmal angreifen, wird es wieder Tote geben", sagt Sergej. Der 43-Jährige steht in der Mitte einer Gruppe von vermummten jungen Männern, bewaffnet sind sie mit Schlagstöcken und Steinschleudern. Immer wieder sagt er, man müsse neue Kämpfe verhindern. Die Zuhörer nicken müde, überzeugt wirken sie nicht.

Ob die Konfrontation nach den Todesopfern vom Dienstag auch nur zeitweise weniger gefährlich wird, scheint unwahrscheinlich zu sein. Am Nachmittag kündigte das Präsidentenbüro zwar an, das Parlament solle kommende Woche über einen Rücktritt der Regierung entscheiden, ein Rücktritt des Präsidenten allerdings sei ausgeschlossen. Den Demonstranten in Kiews Innenstadt, die trotz eisiger Kälte und der exzessiven Gewalt dort seit Monaten ausharren, wird das kaum reichen. Wladimir jedenfalls zuckt nur mit den Schultern, als sich die Nachricht an der Frontlinie verbreitet. "Janukowitsch muss gehen, dann erst gehen wir", sagt er.

Seit Dienstag werden im Internet abscheuliche Videos von Gewaltexzessen der Berkut-Spezialeinheiten verbreitet. Sie zeigen, wie die schwarz gekleideten Polizisten mit dem goldenen Adler auf dem Arm festgenommene Demonstranten zusammentreten, sie nackt im Schnee knien lassen und sich dabei amüsieren. Zudem kursieren Gerüchte, verletzte Aktivisten seien aus Krankenhäusern entführt, misshandelt oder gar getötet worden.

Unter den radikalen Demonstranten schürt die Mund-zu-Mund-Propaganda erwartungsgemäß Rachegelüste, die ganze Zeit gehen an der vordersten Barrikade iPads und Mobiltelefone mit neuen Bildern herum. Wie lange sich die vermummten Männer mit den Stahlhelmen und den gepolsterten Gliedmaßen noch von Appellen wie denen Vitali Klitschkos zurückhalten lassen, weiß niemand in der Gruschewski-Straße.

Wenn sie einmal losschlagen, wird sie wohl niemand aufhalten. "Die Jungs sind brutal, aber sie riskieren für uns ihr Leben", sagt eine ältere Frau mit einer Kiste voller Marmeladenbrote, "wir müssen sie unterstützen, bis zum Ende."

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
frieda74 23.01.2014
1. Ich bin entsetzt!
Ich rufe hiermit alle Politiker, ob Regierungsgegner oder -anhänger in der Ukraine und der ganzen Welt auf: Bitte lassen Sie es nicht zu, das in Europa ein Bürgerkrieg ausbricht! Keiner weiss, was sich daraus alles entwickeln kann. Ich hoffe, dass dies alles, sich noch zum Guten wendet.
abraxas63 23.01.2014
2.
Zitat von sysopDPAWie geht es weiter in der Ukraine? Es gibt Hoffnungen auf Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien. Doch in den Trümmern des tagelangen Straßenkampfs rüsten sich die Demonstranten für die nächsten Schlachten mit der Polizei. http://www.spiegel.de/politik/ausland/polit-krise-in-der-ukraine-aufruesten-in-der-kampfpause-a-945242.html
Der Spiegel arbeitet mal wieder kräftig mit am Sturz einer demokratisch gewählten Regierung. Man könnte doch auch warten bis zum nächsten Wahltermin, oder? Nein, denn es ist beschlossene Sache, die Ukraine in die Einflusssphäre des Westens einzugliedern, da darf man sich mit solchen Dingen, wie Demokratie nicht aufhalten, die muss dann schon mal kürzertreten, damit die Demokratie...äh, halt, geht nicht. Naja, im alten Rom war es irgendwie besser, da wurde nicht so viel geheuchelt.
frieda74 23.01.2014
3. @abraxas63
Sorry, aber sie sind einer dieser D...schwätzer, die in diesen Foren leider viel zuoft, ihr d...iches Geschwätz von einer demokratisch gewählten Regierung in der Ukraine anbringen. Hauptsache gegen den Strom schwimmen, Oder?
sagittarius1 23.01.2014
4. @Abraxas63
Was ist denn das für ein Unsinn. Warum soll das Volk auf auf den nächsten Wahltermin warten nachdem Janukowitsch seinen Kritikern mit sozusagen mit Krieg gedroht hat. Seine Truppen prügeln, demütigen in seinem Namen. Die Bevölkerung der Ukraine wollen Kontakt zur EU und stehen positiv zum Asoziierungsabkommen welches der russische Pate Putin torpediert. Putin denkt immer noch in den Kategorien des Kalten Krieges. Die Ukraine ist in sich gespalten, denn man darf nicht die historische Komponente außer Acht lassen. Der westliche Teil war vor dem Krieg polnisch und daher tendieren die Menschen verständlicherweise zu Europa bzw. EU, der andere Teil tendiert nach Russland. Ein Rücktritt des Präsidenten Würde den Weg freimachen für eine Verständigung. Janukowitsch hat es in der Hand welchen Weg dieses Land geht.
frieda74 23.01.2014
5.
Und bevor hier wieder Vergleiche mit Deutschland kommen. In Deutschland schießt kein Polizist mit scharfer Munition auf Demonstranten! Jeder der hier etwas anderes behauptet: LÜGT.
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