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Imran Khan: Sportstar, Playboy - Präsident?

Foto: Joe Mann/ Getty Images

Polit-Star Pakistans Verzweifelte hoffen auf den großen Khan

Jahrelang wurde Imran Khan wegen seiner politischen Ambitionen belächelt, jetzt feiern Hunderttausende Pakistans Ex-Cricket-Star als Retter des Landes. Mit seiner Religiosität, seinem Antiamerikanismus und dem gleichzeitig westlichen Lebensstil nimmt er vor allem die Jungen für sich ein.

Da ist dieses Bild, von dem Imran Khan bis heute zehrt: er im grünen Trikot, beide Arme nach oben gereckt, die Zeigefinger gen Himmel. Pakistan ist Cricket-Weltmeister, 1992, es ist eine Sensation, einmalig bisher. Eine Stimmung wie in Deutschland 1954 nach der gewonnenen Fußball-WM.

Imran Khan war damals Mannschaftskapitän. Das Foto wurde seither millionenfach gedruckt in Pakistan. In den Tagen und Wochen danach ist Khan umringt von Fans.

Heute, 20 Jahre später, jubeln ihm wieder Menschenmengen zu. Wenn Khan auftritt, strömen Hunderttausende zu ihm, quer aus allen Gesellschaftsschichten. Pakistanische Rockstars spielen auf, es sind Open-Air-Konzerte mit Politik. Khan, 59, so ahnt man spätestens seit seinen Wahlkampfveranstaltungen in Lahore und Karatschi in den vergangenen Wochen, könnte noch mächtig werden in Pakistan.

Khans Handy klingelt ständig, meist geht er nicht ran, mal schaltet er es aus oder gibt es einem seiner Helfer. Sein Sprecher hängt ständig am Telefon. "Hunderttausende rufen an", übertreibt Shafqat Mahmood. "Und alle wollen ein Treffen mit ihm. Das 'Wall Street Journal', die 'New York Times', auch indische Zeitungen." Er seufzt. "Ich weiß nicht, wie ich das organisieren soll." Dann lächelt er, es ist auch Koketterie dabei: Endlich kommt Imran Khan wieder das Interesse zu, das ihm gebührt.

"Imran, der Dämliche"

Es ist eine Genugtuung für Khan und seine Leute. Jahrelang haben sie ihn gedemütigt, sich lustig gemacht über ihn, ihm Größenwahn und Übereifer vorgeworfen. Die einflussreiche Wochenzeitung "Friday Times" veröffentlichte eine Kolumne, Titel: "Im the Dim", was heißen soll: "Imran, der Dämliche".

Doch plötzlich sind die kritischen Stimmen verstummt, denn Khan hat Aufwind, er begeistert die Massen. Viele Polit-Stars, wie zum Beispiel der im Frühjahr 2011 wegen antiamerikanischer Äußerungen geschasste Außenminister Schah Mahmud Qureshi, wechseln in sein Lager.

Wahlen sind zwar erst 2013, aber die Regierung ist in Bedrängnis. In den vergangenen Wochen kursierten vermehrt Gerüchte über einen bevorstehenden Militärputsch. Der wird wohl vorerst nicht stattfinden, doch die Verantwortlichen in Islamabad sind nach wie vor wegen der sogenannten Memogate-Affäre in Erklärungsnot: Angeblich hat der pakistanische Botschafter in Washington, Hussain Haqqani, über einen windigen Geschäftsmann die US-Militärführung gebeten, die Regierung vor einem Putsch zu schützen und die Macht der pakistanischen Generäle zu beschneiden. Überbringer des Memos soll der Geschäftsmann Mansoor Ijaz sein, ein amerikanischer Milliardär mit pakistanischen Wurzeln. Botschafter Haqqani bestreitet, jemals ein solches Memo verfasst oder Ijaz beauftragt zu haben, es zu schreiben und weiterzuleiten. Trotzdem verlor er seinen Posten - wohl auch, um Präsident Asif Ali Zardari zu schützen, der hinter der Bitte an die USA stecken soll.

Die Regierung in Islamabad spielt die Sache herunter, das Militär tobt. Der Oberste Gerichtshof mit dem machthungrigen Obersten Richter Ifthikar Chaudhry stützt die Generäle: Er hat vergangene Woche eine Kommission zur Untersuchung von "Memogate" eingesetzt, obwohl das Parlament die Sache selbst per Untersuchungskommission beleuchtet.

Auch in anderen Bereichen steht die Regierung unter gewaltigem Druck:

  • Weite Teile Pakistans entlang der Grenze zu Afghanistan sind Kriegsgebiet, beherrscht von Terroristen.

  • In der flächenmäßig größten Provinz Balutschistan gewinnt eine Unabhängigkeitsbewegung immer neue Anhänger, das Militär reagiert mit roher Gewalt gegen Aktivisten, Intellektuelle, Journalisten.

  • Religiöser Extremismus nimmt zu, vor allem wegen der Armut und miserabler Lebensbedingungen.

  • Gas ist knapp, täglich fällt für mehrere Stunden der Strom aus, die Lebensmittelpreise steigen.

  • Gleichzeitig zahlt kaum jemand Steuern. Die Mächtigen wehren sich nicht dagegen, weil sie selbst am meisten davon profitieren.

Hinzu kommt ein System, das sich zwar Demokratie nennt, aber keineswegs für alle offen ist. Pakistan wird vor allem von reichen Landbesitzerfamilien beherrscht. Politische Macht wird nur dem Anschein nach vom Volk auf Zeit vergeben, in Wahrheit aber unter diesen Familien aufgeteilt und vererbt. Die Kinder (meist die Söhne) übernehmen Wahlkreise, Regierungsämter, wichtige Beamtenposten von ihren Eltern (meist den Vätern).

Außerdem mischt auch das Militär kräftig mit, gemeinsam mit seinem Geheimdienst ISI. Gegen den Willen des Armeechefs geht nichts. Mit dem US-Schlag gegen Osama Bin Laden im vergangenen Mai hat das Ansehen der pakistanischen Streitkräfte enorm gelitten. Die Nerven liegen blank, und es ist klar: Die Armee will eine Veränderung im Land, was die Gerüchte über einen Putsch befeuert.

Als wollte Beckenbauer Bundeskanzler werden

In dieser Gemengelage forciert Imran Khan nun seine Polit-Ambitionen, er sieht seine Chance gekommen. Schon seit bald zwei Jahrzehnten will er mitreden - bisher stellte sich noch kein echter Erfolg ein. Er stammt zwar aus wohlhabendem Hause, besuchte das elitäre Aitchison College in Lahore und studierte in Oxford, aber seine Familie hat kein politisches Gewicht. Politiker aus Regierung und Opposition nennen Khan in Hintergrundgesprächen einen "Emporkömmling".

Khan war ein Cricket-Star, einer der erfolgreichsten Spieler aller Zeiten sogar. Einer, der sich den Erfolg hart erarbeitet hat, in einer Sportart, die in Pakistan quasi religiösen Status genießt. Aber taugt so einer für die Politik? Es muss so wirken, als wollte Beckenbauer Bundeskanzler werden.

Khan hat in Lahore in den neunziger Jahren ein Krebskrankenhaus gegründet, finanziert mit eigenem Geld und Spendengeldern, in Erinnerung an seine an Krebs gestorbene Mutter. "Alle haben mir gesagt, ich würde es nicht schaffen", sagt Khan. "Aber ich habe es geschafft: ein Krankenhaus mit modernster Medizin, in dem jeder unabhängig von seinen finanziellen Verhältnissen behandelt wird." Es ist ein kleines Wunder in einem Land, in dem Geld oft über Leben und Tod bestimmt. Khan sieht es als ein Beispiel dafür, was in einem Land wie Pakistan möglich ist, wenn man nur ausdauernd arbeitet. Er erwähnt das oft, und es soll demonstrieren, dass er nach der Sportler- und Wohltäterkarriere auch seinen Weg als Politiker mit einem Erfolg krönen will.

Die Ein-Mann-Partei im Aufwind

Bislang war es zäh. Seine Partei Tehrik-e-Insaf (PTI, "Bewegung für Gerechtigkeit") hat seit ihrer Gründung 1996 genau einen Parlamentssitz gewonnen: den von Khan selbst, und das auch erst im zweiten Anlauf im Jahr 2002. Die PTI war eine One-Man-Show.

Viele Pakistaner registrierten aufmerksam, dass Khan seit seinem sportlichen Aufstieg die Nächte gerne in Londoner Discotheken durchfeierte und diverse Liebschaften hatte. Er war mit der deutschen MTV-Moderatorin Kristiane Backer liiert, die später zum Islam konvertierte, ebenso mit der britischen Milliardärstochter Jemima Goldsmith, mit der er von 1995 bis 2004 verheiratet war, die sich ebenfalls zum Islam bekannte und mit der er zwei Söhne hat. Manche urdusprachigen Zeitungen kommentierten, immerhin habe er diese Frauen "vor der Hölle bewahrt". Geradezu entsetzt berichteten die Medien aber, als herauskam, dass er mit einer Britin eine uneheliche Tochter hat.

In London ein Playboy, in Lahore ein gläubiger Muslim, kaum ein Porträt in den vergangenen Jahren kam ohne diesen Hinweis aus. Khan gibt sich jetzt geläutert. "Ich hasse die Pubs in England, und ich habe nie einen Tropfen Alkohol getrunken", sagt er. Erst im Laufe der vergangenen Jahre habe er zur Religion gefunden, schreibt er in seiner zweiten Autobiografie, Titel: "Pakistan. A Personal History", die vor wenigen Wochen erschienen ist. Früher habe er nur an sich gedacht, erst die Arbeit an seinem Krankenhaus habe ihn gelehrt, wie wichtig soziale Verantwortung sei.

Khan bedient den Antiamerikanismus perfekt

Liberale Pakistaner werfen ihm nun Nähe zu den Taliban vor, weil er sie nicht bekämpfen, sondern mit ihnen reden will. Und weil er gegen die Abschaffung des Blasphemiegesetzes ist. "Das würde nur zu noch mehr Blutvergießen führen", sagt Khan. Stattdessen müsse man den Missbrauch dieses Gesetzes eindämmen.

Khan teilt lieber gegen die USA aus. Nach dem Schlag gegen Bin Laden kritisierte er die Amerikaner wegen des nicht mit Pakistan abgesprochenen Vorgehens - anstatt zu fragen, wie es sein konnte, dass der meistgesuchte Terrorist jahrelang unbehelligt in dem Land leben konnte. Terrorismus gebe es in Pakistan nur wegen der Amerikaner, behauptet er. Wäre Pakistan kein Anti-Terror-Partner der USA, hätten Extremisten keinen Grund, Pakistan anzugreifen. Aber er trifft eben auch einen Nerv, wenn er den US-Drohnenkrieg mit vielen zivilen Opfern verurteilt. Der antiamerikanische Reflex funktioniert gut in Pakistan, und Khan bedient ihn perfekt.

Es gibt Berichte, wonach Khan eine Koalition eingehen will mit dem früheren Militärdiktator General Pervez Musharraf, der derzeit im selbst auferlegten Exil in London und Dubai lebt, noch in diesem Monat aber seine Rückkehr nach Pakistan plant. Khan hatte Musharrafs Putsch 1999 begrüßt, ihn später aber wegen dessen Unwillen kritisiert, sich demokratisch legitimieren zu lassen.

Mit wem Khan zusammenarbeiten will, lässt er offen. Nur mit der jetzigen Regierung und der Opposition will er nichts zu tun haben. Die, sagt er, seien alle unfähig und korrupt. Käme er an die Macht, würde er die Korruption im Land und den Terrorismus "innerhalb von 90 Tagen beenden".

Die Lage ist verzweifelt genug, dass Menschen ihm das glauben.

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