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30. Dezember 2007, 17:51 Uhr

Politiker-Dynastie

Bhutto-Clan schickt Benazirs Erben in den Kampf

Aus Karatschi berichtet

Es ist eine gigantische Aufgabe für Bilawal Bhutto Zardari: Er wird das politische Erbe seiner ermordeten Mutter Benazir fortführen, übernimmt ihre Pakistanische Volkspartei - dabei ist er erst 19 Jahre alt. Die Fäden zieht allerdings der Witwer.

Karatschi - Immer wieder recken sie die Fäuste in die Höhe, ihren Gesichtern zeugen von Trauer aber auch Entschlossenheit: "Benazir Bhutto ist noch am Leben", skandieren die Männer. Es ist der emotionale Schlusspunkt einer kurzen Pressekonferenz, mit der die Pakistanischen Volkspartei (PPP) das politische Erbe ihrer ermordeten Chefin regelt.

Vier Stunden hat die PPP-Spitze in Naudero im Süden Pakistans getagt und dann entschieden: Bilawal Zardari, der älteste Sohn Benazir Bhuttos übernimmt den Vorsitz der Partei, die seine Mutter über Jahrzehnte geprägt hat. Um die politische Dynastie auch buchstäblich fortzusetzen, wird Bilawal künftig den Familiennamen Bhutto auch im eigenen Namen führen. Bilawal zur Seite steht als Stellvertreter und einer von drei Beratern sein Vater, Benazir Bhuttos Witwer, Asif Ali Zardari.

Während Bilawal nominell Vorsitzender ist, wird im Tagesgeschäft sein Vater die Fäden ziehen, bis der Sohn sein Studium an der Oxford University beendet hat. Und so wird schon bei der Pressekonferenz deutlich, wer künftig tatsächlich das Sagen hat: Jungenhaft schüchtern sitzt Bilawal Bhutto am Tagungsort in Naudero, schwarzer Anzug, schwarze Brille, das dunkle Haar zurückgegelt. Nur zwei Sätze sind von dem gerade 19-Jährigen zu hören: "Der lange Kampf für die Demokratie wird fortgeführt", sagt er in sehr britischem Englisch und schwört: Er werde für die Ermordung seiner Mutter Rache nehmen, in dem er diesen Kampf anführen werde. "Meine Mutter hat immer gesagt: Demokratie ist die beste Rache."

Bhuttos einziger Sohn stand politisch bisher nicht in der Öffentlichkeit. In den wenigen Interviews, die er gab, hatte er sich stets ür eine Demokratisierung seiner Heimat eingesetzt. Für seine Mutter hegte er nach Aussagen von Vertrauten größte Bewunderung. "Er spricht immer sehr liebevoll über sie", zitierte die indische Zeitung "The Telegraph" den früheren pakistanischen Justizminister Iqbal Haider. Am Freitag trug Bilawal mit anderen den Sarg mit dem Leichnam seiner Mutter zum Flugzeug in Islamabad.

Geboren wurde Bilawal am 21. September 1988, einen Monat bevor seine Mutter zur ersten weiblichen Premierministerin Pakistans gekürt wurde. 1999 ging er nach Korruptionsvorwürfen gegen Bhutto mit ihr und den Schwestern ins Exil, besuchte Schulen in London und Dubai. Wie sein Vater soll er sich für Pferde- und Schießsport interessieren. Körperlich hält sich der 19-Jährige mit Taekwondo fit - er hat den schwarzen Gürtel.

In diesem Herbst hat Bilawal ein Studium an der britischen Eliteschmiede in Oxford aufgenommen, die auch seine Mutter absolvierte. Zeitweise leitete sie hier den berühmten Debattierclub der "Oxford Union". Die Ausbildung in Großbritannien will der 19-Jährige offenbar unbedingt abschließen.

Der junge Mann ahnt die Bürde, die mit dem Antritt des politischen Erbes seiner Mutter auf ihm lasten wird. "Er ist nicht scharf darauf, hier die politische Bühne zu betreten", hatte Benazir Bhuttos Vertraute Sherry Rehman noch kurz vor der Entscheidung der PPP wissen lassen.

Wer in der Volkspartei die Zügel in der Hand hielt wird deutlich als Bilawals Vater Asif Ali Zardari das Wort übernimmt. Reporterfragen an seinen Sohn unterbindet er: "Er mag unser Vorsitzender sein, aber er ist mein Sohn und er ist in einem zarten Alter", sagte Zardari.

Dann spricht er in Urdu weiter: "Weder die Familie Bhutto noch die PPP werden sich vom Kampf für die Demokratie abbringen lassen." Er werde den Willen seiner verstorbenen Frau duchsetzen.

Zardari bedankt sich beim langjährigen Rivalen Benazir Bhuttos, dem früheren Ministerpräsidenten Nawaz Sharif und Führer der Muslimliga, für die Boykottdrohung anlässlich der anstehenden Parlamentswahl und die damit verbundene Solidarität. Die PPP werde an der Wahl teilnehmen, betont Zardari und ruft Sharif dazu auf, den Boykott aufzuheben. Ob die Wahl allerdings wie geplant am 8. Januar stattfinden kann, ist unklar. Die Regierung in Islamabad deutet heute bereits eine mögliche Verschiebung um drei bis vier Monate an.

Die neue Parteiführung entspricht nicht ganz dem letzten Willen Benazir Bhuttos. Handschriftlich hatte die populäre Politikerin, die zweimal Premierministerin war, am 16. Oktober unmittelbar vor ihrer Rückkehr aus dem Exil in Dubai ihr politisches Erbe für den Fall eines Attentats geregelt. Bilawal Bhutto hatte das Testament seiner Mutter heute beim Treffen der PPP verlesen. Darin hatte diese eigentlich gewünscht, dass ihr Mann die Parteispitze übernimmt. Faktisch wird dies so sein, der Vorstand einigte sich jedoch darauf, Bilawal das Amt nominell zu übertragen.

Benazir Bhutto äußerte in ihrem Testament auch eine Präferenz für den künftigen Spitzenkandidaten. Makhdum Amin Fahim, ihr langjähriger Statthalter in Pakistan während ihrer Zeit im Exil, soll demnach um das Amt des Regierungschefs kämpfen.

Bilawal selbst ist für dieses Amt noch zu jung. Und sein Vater ist selbst bei den PPP-Anhängern umstritten. Weil er sich während der Regierungszeit seiner Frau bei Staatsaufträgen großzügige Provisionen genehmigte, erhielt er einst den ironischen Spitznamen "Mister Zehn Prozent". Auch gilt er als nicht gerade zimperlich im Umgang mit anderen Familienmitgliedern. Sogar von Schlägen gegen seine Frau war in der Vergangenheit die Rede.

Die Bhutto-Dynastie lebt mit Benazirs Sohn weiter - obwohl sie ihre Kinder nie in die Politik gehen lassen wollte

Drei Autostunden von Naudero entfernt harren mehr als Tausend Bhutto-Anhänger in deren Familiensitz in Karatschi aus. Auf Monitoren verfolgen sie die ersten Worte ihres neuen Parteichefs. Das Haus, in dem sie auf Monitoren die Pressekonferenz verfolgen, es ist nach dem Jungen benannt: Bilawal-Haus. Die Stimmung hier im vornehmen Stadtteil Kahkashan ist angespannt.

Wie ein Befreiungsschlag wirkt die Kunde aus dem drei Autostunden entfernten Naudero dann auch nicht - zu groß sind noch die Trauer und der Schock über den Tod der großen Hoffnungsträgerin. Draußen, wo ebenfalls Hunderte auf Neuigkeiten warten, sind immer wieder Schüsse zu hören. Die Bewohner der umliegenden Hï¿user trauen sich kaum auf die Straße.

Bilawal Bhutto Zardari und Asif Ali Zardari werden eine einflussreiche politische Dynastie fortsetzen. Benazir Bhuttos Vater Zulfikar Ali Bhutto war bei den ersten freien Wahlen Pakistans 1970 Ministerpräsident geworden. Er hatte 1968 die PPP gegründet. 1977 wurde Zulfikar Ali Bhutto von General Zia u-l Haq gestürzt und trotz internationaler Proteste auf dessen Befehl 1979 hingerichtet. Er wird seither von seinen Anhängern als Märtyrer verehrt.

Während der Haft übernahm Zulfikars zweite Frau, Nusrat Bhutto, den Vorsitz der Partei. Sie wurde wiederholt unter Hausarrest gestellt und ging schließlich ins Exil. Sie ist heute schwer krank und bettlägerig. Zulfikar und Nusrat Bhutto hatten vier Kinder. Nach dem Tode Benazirs lebt davon nur noch ihre Schwester Sanam, die sich aus der Politik heraushällt.

Beide Brüder Benazirs sind unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Der jüngere, Shahnawaz, wurde 1985 tot in seiner Wohnung an der französischen Riviera aufgefunden. Benazir war überzeugt, dass er vergiftet wurde. Der ätere, Murtaza, wurde gemeinsam mit sechs Freunden bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei 1996 in Karatschi getötet. Seine Familie sprach von einem gezielten Angriff.

Benazir wurde neben ihrem Vater und ihren beiden Brüdern im Familienmausoleum in Ghari Khuda Bakhsh in der Nähe des Familiensitzes bei Larkana beigesetzt. Benazir berief ihren Mann Asif Ali Zardari 1993 als Industrieminister in ihr Kabinett. Der ehemalige Zementfabrikant gehörte bislang schon zur Führungsspitze der PPP.

Das Paar, das 1987 geheiratet hat, hat drei Kinder: neben Bilawal die 17-jährige Bakhtawar und die 14-jährige Aseefa. Die drei Geschwister lebten mit ihrer Mutter bis zu deren Rückkehr vor rund zwei Monaten im Exil in Dubai.

Benazir Bhutto selbst hatte Bilawal und ihre Töchter stets von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Als ein amerikanischer Reporter sie 1994 einmal fragte, ob ihre Kinder einmal in ihre Fußstapfen als Politikerin treten würden, war ihre Reaktion eindeutig.

"Nein", antwortete sie. "Niemals. Politik ist in Pakistan viel zu gefährlich."

Mitarbeit: Philipp Wittrock

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