Politischer Mord Der ungelöste Fall Olof Palme

Der Tod der schwedischen Außenministerin Anna Lindh nach einem Messerattentat weckt Erinnerungen an die Ermordung Sven Olof Palmes. Der schwedische Ministerpräsident wurde am 28. Februar 1986 hinterrücks erschossen. Der Täter wurde bis heute nicht gefasst.

Beide Politiker, Lindh und Palme, gehörten der Sozialdemokratischen Partei an. Beide wurden getötet, als sie persönlichen Interessen nachgingen: Lindhs Mörder stach mit einem Messer zu, während sie in einem Kaufhaus der schwedischen Hauptstadt auf Shopping-Tour war; Palme wurde auf offener Straße hinterrücks erschossen, als er mit seiner Frau in der Stockholmer Innenstadt ein Kino verließ.

"Schweden hat seine Unschuld verloren", kommentierte das Fernsehen die Ermordung Palmes damals. Er hatte es abgelehnt, Bodyguards um sich zu haben. In seiner Freizeit wollte er ein freies und unbeobachtetes Privatleben führen.

Nun ein ähnliches Bild: In ersten Medienkommentaren wurde der schwedische Geheimdienst Säpo heftig kritisiert, weil Lindh trotz der politisch angespannten Lage kurz vor der Euro-Volksabstimmung keine Leibwächter bekommen habe.

"Schweden hat sein Gesicht nach außen verloren", sagte Schwedens Ministerpräsident Göran Persson nach dem Tod seiner Außenministerin. Ob Schweden sein Gesicht nach innen wahren kann, wird maßgeblich davon abhängen, ob es der Polizei gelingen wird, den Mörder Anna Lindhs zu fassen.

Palmes Mörder wurde bisher nicht dingfest gemacht - ein Umstand, der den Verdacht nie ausräumen konnte, dass es sich bei den tödlichen Schüssen um eine politisch motivierte Tat handelte. Schlimmer noch: Dass es sich um ein Komplott handelte, über das die obersten Fahnder Bescheid wussten. "Die Polizei weiß alles über die Mörderliga", schrieb die sozialdemokratische Stockholmer Zeitung "Aftonbladet" wenige Monate nach Palmes Tod.

In der linken Presse war von Konspiration die Rede. Die Verschwörer gehörten einem verdeckten politischen Zirkel an. Die Hintermänner der Tat seien Schweden und Ausländer aus dem rechtsradikalen Milieu. Der liberale "Expressen" sprach etwas vorsichtiger von einer "internationalen Bande".

Dilettantismus bei Spurensicherung und Fahndung

Sowohl bei der Spurensicherung als auch bei Zeugenvernehmungen gab es nach dem Palme-Mord jede Menge Pannen. Ein Taxifahrer, der später als einer der wichtigsten Zeugen galt, weil er gesehen haben wollte, wie der mutmaßliche Mörder in ein Fluchtauto stieg, musste sich dreimal bei der Polizei melden, bis er endlich Gehör fand.

Auch die Fahndung nach dem oder den Tätern lief dilettantisch an. Statt die Stockholmer Innenstadt abzusperren und alle verfügbaren Einheiten auf die Suche nach dem Mörder zu konzentrieren, verrichteten Streifen ihren Routinedienst und hielten sich mit Bagatelleinsätzen auf. Bei der Spurensuche am Tatort fand nicht die Polizei die beiden Kugeln, die Palme getötet und seine Frau verletzt hatten, sondern Passanten.

Als Fahndungserfolge ausblieben, gerieten die Ermittler ins Kreuzfeuer der Kritik. Führende Regierungsmitglieder forderten den Rücktritt von Cheffahnder Hans Holmer. Es war zu Konflikten zwischen Holmer und der Staatsanwaltschaft gekommen und zwischen ihm und seiner eigenen Sonderkommission, die aus 145 Personen bestand.

Führt die Spur nach Teheran?

Holmer und der Stockholmer Regierung wurde vorgeworfen, Ermittlungen über das Privatleben Palmes blockiert und damit wichtige Spuren verdeckt zu haben. Möglicherweise hätten abgehörte Telefongespräche Palmes einen Hinweis auf den Mörder bringen können.

Ein Jahr nach dem Mord an Palme erschien im "New York Times Magazine" ein Artikel, der die schwedische Regierung scharf angriff. Diese, so der ungeheure Vorwurf, wolle die Wahrheit über den Mord gar nicht herausfinden. Daher seien Polizei und Staatsanwaltschaft möglicherweise die Hände gebunden, ja sie seien von ihrer eigenen Regierung in die Irre geführt worden.

Der Autor des Artikels brachte ein neues Motiv für die Beseitigung Palmes in die Diskussion. Palme sei der schwedischen Rüstungsindustrie im Weg gewesen, die illegal Waffen an die Ajatollahs in Teheran lieferten, während Palme versuchte, im iranisch-irakischen Krieg zu vermitteln. Als Palme geplante Rüstungslieferungen stoppte, sei er möglicherweise Opfer iranischer Agenten geworden oder der schwedischen Rüstungsindustrie.

1989 wurde der Kleinkriminelle Christer Pettersson des Mordes für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Kurz danach kam er in zweiter Instanz frei. Die Glaubwürdigkeit der Aussage von Palmes Witwe, die Pettersson als den Mörder ihres Mannes identifiziert hatte, war von Psychologen und Augenzeugen in Zweifel gezogen worden.

Ob der Mordauftrag von den Mullahs kam, ob ein Einzeltäter, die Rüstungsindustrie oder Rechtsradikale dahinter stecken, wer der Mörder ist und wer die Hintermänner der Tat - alles liegt weiterhin im Reich der Spekulation. Keine Vermutung, keine Ermittlung hat bisher Erfolg gezeitigt.

Alexander Schwabe