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28. August 2011, 16:36 Uhr

Politkowskaja-Mord

Gangster in Uniform jagen Russen Angst ein

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Was Wunder, dass Russlands Bürger Polizei und Geheimdiensten nicht vertrauen: Die Untersuchung im Mordfall Anna Politkowskaja zeigt erneut, dass Beamte vielfach mit denen paktierten, die sie eigentlich jagen sollten. Wie groß ist die Macht der "Werwölfe mit Schulterklappen"?

Die Männer, die mutmaßlich die Journalistin Anna Politkowskaja ermordeten, trafen sich gern in einem Moskauer Café, um Geschäftliches zu bereden. Der Treffpunkt auf der Swertschkow-Gasse liegt im Herzen der russischen Hauptstadt. Der Inlandsgeheimdienst FSB residiert hier gleich um die Ecke, und auch Moskaus Polizeipräsidium an der Petrowka-Straße liegt in fußläufiger Entfernung. Sie hatten es also nicht weit.

Dmitrij Pawljutschenkow, 43, gilt russischen Ermittlern als mutmaßlicher Kopf der Gruppe. Der Oberstleutnant der Miliz soll die Pistole besorgt haben, mit der Politkowskaja am 7. Oktober 2006 erschossen wurde, und den Todesschützen angeheuert haben. Als Fahnder Mitte der Woche den mutmaßlichen "Organisator" des Mordes verhafteten, ließ sich die Staatsanwaltschaft für den vermeintlichen Durchbruch feiern.

In Wahrheit ist es ein Debakel. Der Fall zeigt, dass Russlands Geheimdienste und Polizei Hand in Hand mit dem organisierten Verbrechen operierten. So konnte Pawljutschenkow jahrelang im Rang eines Milizoberst offenbar ungestört ein kriminelles Netz spinnen. Seine Komplizen rekrutierte er gleich in Russlands Rechtsschutzorganen: den ehemaligen Oberstleutnant Pawel Rjagusow vom FSB etwa, der sein Büro in direkter Nachbarschaft von Politkowskajas Arbeitsplatz hatte. Oder den ehemaligen Kriminalbeamten Sergej Chadschikurbanow, Spezialgebiet "Organisiertes Verbrechen".

Angst vor der eigenen Polizei

Statt Jagd auf Kriminelle zu machen, paktierten die Beamten mit ihnen: Regelmäßig trafen sie sich mit Rustam Machmudow, einem Tschetschenen, der dringend verdächtigt wird, die tödlichen Schüsse auf Politkowskaja abgegeben zu haben. Machmudow wurde seit 13 Jahren wegen Entführung gesucht, lebte aber jahrelang unbehelligt in Moskau. Drohte er bei Verkehrskontrollen aufzufliegen sprang ihm Pawljutschenkow bei. FSB-Mann Rjagusow nahm Machmudow sogar auf einem Flug nach Südrussland mit.

Dass russische Ordnungshüter und Ermittler mit Gangstern gemeinsame Sache machen, ist kein Einzelfall. Im Moskauer Umland verdienten Staatsanwälte bis vor kurzem kräftig an illegalen Spielhöllen mit und kassierten bis zu 80 Prozent Provision. Im April kam dann einer der wichtigsten Zeugen in dem Fall ums Leben: Er wurde bei einem Angelausflug erdrosselt. In Russland gibt es sogar einen eigenen Begriff für die Verbrecher in Uniform: "Werwölfe mit Schulterklappen" nennt man sie. Sie halten die Bürger in Furcht und Schrecken und sind einer der Gründe, warum die Bevölkerung kein Vertrauen in Polizei, Justiz und Geheimdienste hat. 2010 sagten fast 70 Prozent der vom angesehenen Lewada-Zentrum Befragten, sie hätten Angst vor den eigenen Polizeikräften.

Im Politkowskaja-Mord wirft unterdessen auch die Rolle des Geheimdienstes FSB weiter Fragen auf. Politkowskaja hatte kurz vor ihrem Tod Angehörige islamistischer Terroristen getroffen, die 2005 bei einem Angriff auf die Stadt Naltschik getötet wurden. Wegen der brisanten Recherchen wurde die Journalistin ab Sommer 2006 monatelang von Russlands Geheimdienst beschattet. Bis heute aber ist unklar, wie lange die Observierung dauerte.

Enttäuschte Ankläger, glückliche Gangster

Mit solchen Überwachungsaktionen kannte sich auch Dmitrij Pawljutschenkow aus. Bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung kommandierte er eine Sondereinheit von Moskaus Miliz für Beschattungen und Abhöreinsätze. Nebenbei verdingte er sich offenbar auch als Organisator von Auftragsmorden. Laut Recherchen von Politkowskajas Kollegen der Zeitung "Nowaja gaseta" gehen weitere Morde und Attentatsversuche auf das Konto der Pawljutschenkow-Bande. Für die Dienste seiner Observationsspezialisten stellte der Oberst Auftraggebern 100 Dollar pro Stunde in Rechnung.

Der Staatsanwaltschaft galt er dennoch als so vertrauenswürdig, dass Pawljutschenkow im ersten Prozess um den Politkowskaja-Mord sogar als Hauptbelastungszeuge firmierte. Die Justiz legte sich sogar ins Zeug, um ihn in ein Zeugenschutzprogramm aufzunehmen. Als Pawljutschenkow dann im Herbst 2008 vor einem Moskauer Militärgericht seine Ex-Kumpane ans Messer liefern sollte, verwies der Richter Pressevertreter aus dem Saal. Dort sagte der Ex-Polizist dann gegen Chadschikurbanow, Rjagusow sowie zwei Brüder von Rustam Machmudow aus. Nach der Vernehmung aber zeigte sich Enttäuschung auf den Gesichtern der Staatsanwältinnen Julija Safina und Wera Paschkowskaja, so wenig überzeugend war Pawljutschenkows Aussage, Chadschikurbanow habe ihm angeboten sich um "eine Journalistin zu kümmern", er habe aber abgelehnt. Die Geschworenen sprachen die Angeklagten später frei.

Chadschikurbanow aber rief beim Verlassen des Saales den Anwälten von Politkowskajas Kindern zu, sie sollten sich Pawljutschenkow lieber noch einmal genauer ansehen. Das haben sie getan. Anna Stawitskaja, die Anwältin der Kinder Politkowskajas, und die "Nowaja gaseta" haben Zeugen aufgetrieben. Sie sind nun bereit, gegen Pawljutschenkow auszusagen.

Die Behörden dagegen hätten den Fall am liebsten längst zu den Akten gelegt.

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