Politkowskajas mutmaßlicher Killer Der dritte Mann

Mit der Festnahme des mutmaßlichen Killers der Journalistin Anna Politkowskaja ist den russischen Behörden endlich ein Fahndungserfolg gelungen. Rustam Machmudow flüchtete jahrelang durch Europa. Nun erhoffen sich die Ermittler von ihm Hinweise auf den Tathergang - und die Auftraggeber.

Gedenken an Anna Politkowskaja (Archivbild): Wer war der Killer mit der Kappe?
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Gedenken an Anna Politkowskaja (Archivbild): Wer war der Killer mit der Kappe?

Von , Moskau


Am 7. Oktober 2006 geht ein Mann mit einer Baseball-Kappe eilig aus einem Wohnhaus an der Moskauer Lesnaja-Straße. Er lässt eine tote Frau im Fahrstuhl zurück: Anna Politkowskaja. Er hat sie mit mehreren Schüssen getötet. Anna Politkowskaja hat sich einen Namen mit ihren Berichten über Menschenrechtsverletzungen in Russlands Unruheprovinz Tschetschenien und unverhohlener Kritik am Kreml gemacht.

Ist Rustam Machmudow der Killer mit der Kappe? Die Anwälte von Politkowskajas Kindern sind sich sicher, die ehemaligen Kollegen der "Nowaja Gaseta" sind es und auch die russischen Strafverfolgungsbehörden. Rustams Brüder Dschabrail und Ibrahim wurden bald nach dem Mord festgenommen. Rustam Machmudow aber war auf der Flucht, der mutmaßliche Todesschütze. Der dritte Mann.

Unter Berufung auf die Anwälte von Dschabrail und Ibrahim Machmudow melden mehrere russische Medien nun übereinstimmend die Festnahme des ältesten der Brüder. Rustam Machmudow sei festgenommen worden, bestätigte auch die Staatsanwaltschaft in Moskau am Dienstag nach Angaben der Agentur Interfax, er sei in der Nacht zum Dienstag in Atschchoi-Martan westlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny gefasst worden.

Müde von der langen Flucht?

Fast fünf Jahre nach dem Mord ist Russlands Justiz damit endlich jenes Mannes habhaft geworden, der seit langem als Hauptverdächtiger in dem Fall gilt. Theoretisch wächst damit die Chance, dass Moskau eines der aufsehenerregendsten Verbrechen der jüngeren russischen Geschichte endlich aufklären könnte. Wie sonst nur der Fall des inhaftierten Michail Chodorkowski belastet die Ermordung der Journalistin das Image von Wladimir Putin an. Russlands heutiger Premierminister war damals Präsident, Anna Politkowskaja zählte zu seinen schärfsten Gegnern.

Rustam Machmudow stand seit Jahren auf internationalen Fahndungslisten. Reporter der Moskauer Tageszeitung "Nowaja Gaseta" recherchierten, der Verdächtige bewege sich trotz internationalen Haftbefehls relativ frei im Ausland. "Man wird jetzt hoffentlich auch klären können, wer ihm dabei geholfen hat, an falsche Papiere zu kommen", sagte der stellvertretende Chefredakteur Sergej Sokolow SPIEGEL ONLINE.

Zuletzt wähnte man Machmudow sogar in Westeuropa: Im November 2010 fahndete unter anderem die Polizei im belgischen Lüttich nach dem Flüchtigen. Der wurde nun aber im Hause seiner Eltern in der Kaukasus-Republik Tschetschenien gefasst. Nach Angaben des tschetschenischen Star-Anwalts Murad Musajew hatte Machmudow ohnehin vorgehabt, sich zu stellen. Er sei der langen Flucht müde gewesen. "Die Ermittlungsbehörden haben schon lange gewusst, wo sich Machmudow versteckt hält", so der Jurist.

Blamierte Ankläger und immer neue Ungereimtheiten

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Machmudow-Brüder gemeinsam den Mord an Politkowskaja planten und durchführten. Die Brüder Dschabrail und Ibrahim Machmudow sollen die Reporterin ausgespäht haben. Dann lotsten sie ihren Bruder zum Haus der Opfers. Das aber konnte die Anklage nie beweisen. 2009 standen die beiden der Beihilfe beschuldigten Machmudow-Brüder schon einmal vor Gericht - und wurden von einem Geschworenengericht freigesprochen. Damals lobten sogar die Anwälte der Familie Politkowskajas den Freispruch: Zu schlampig hatten Polizisten und Staatsanwälte gearbeitet.

So blieb die Herkunft der Tatwaffe ungeklärt, der genaue Zeitpunkt des Todes ebenso. Dann wieder blamierten sich die Ankläger, als sie die Vorführung eines Beweisvideos ankündigten, aber die CD mit der Datei verlorenging.

Laut der russischen Staatsanwaltschaft ist die Ergreifung des mutmaßlichen Todesschützen die Voraussetzung für ein neues Verfahren. Auch der Chefredakteur der "Nowaja Gaseta", Dmitrij Muratow, hofft, die Festnahme Machmudows werde helfen, die Wahrheit im Mordfall ans Licht zu bringen. Sicher ist das jedoch nicht, denn die Ungereimtheiten aus dem ersten Verfahren werden in einem zweiten nicht einfach verschwinden. So erwähnte selbst die Staatsanwaltschaft im Plädoyer des ersten Prozesses nicht mehr den Vorwurf, Machmudow sei der Mörder, weil der Mann mit der Baseball-Kappe auf der Videoaufnahme vom 7. Oktober 2006 offensichtlich deutlich größer ist als die 1,65 Meter, von denen in Rustam Machmudows offiziellen Dokumenten die Rede ist.

Laut Medienberichten soll der Mörder zwei Millionen Dollar für die Tat kassiert haben. Wer jedoch die Hintermänner sind, ist völlig unklar. "In der Regel hat der Killer bei solchen Verbrechen nie direkten Kontakt mit dem Auftraggeber", sagt Sergej Sokolow von der "Nowaja Gaseta". Selbst wenn es gelingen sollte, Machmudow der Tat zu überführen - aufgeklärt oder gar gesühnt ist der Mord an Anna Politkowskaja dann noch lange nicht.

mit Material von AFP



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