Polizeigewalt in Ägypten Tödlicher Freund und Helfer

Bis vor sechs Wochen waren sie verhasst, jetzt sind Ägyptens Polizisten für viele zu "Helden" geworden, werden vom Mob gefeiert. Indem sie brutal gegen die Muslimbrüder vorgehen, befriedigen sie die Rachegelüste des Volkes.

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Aus Kairo berichtet


Wie schnell, wie absolut sich der Wind am Nil gedreht hat, zeigt am Samstagmorgen der Fernseher, der im Büro des Brigadegenerals läuft. Die Moderatorin des Senders al-Farain ("Die Pharaonen"), spricht mit tränenerstickter Stimme von den Märtyrern, die ihr Leben für Ägypten gelassen hätten. Sie wolle eine Koransure für die Toten rezitieren, sagt die Dame im Leoparden-Print und hebt die Hände zum Gebet. Sie wispert einen Segen für Ägyptens Polizei, dann geht es weiter im Programm: Die Reporter des Senders hätten neue Berichte über Gräueltaten der Muslimbrüder zusammengestellt, kündigt die Frontfrau des Senders an.

An der Szene sind gleich mehrere Dinge bemerkenswert: Erstens war der Sender al-Farain vor noch sechs Wochen verboten. Die damals noch regierenden Muslimbrüder hatten ihn abgeschaltet. Seinen Besitzer Taufik Okascha, ein langjähriger Vertrauter des abgesetzten Diktators Hosni Mubarak, hatte die Regierung Mohammed Mursis als Feind ausgemacht und ins Gefängnis gesteckt.

Vor allem aber hätte vor eineinhalb Monaten kein ägyptischer TV-Sender die hiesige Polizei gelobt: Viele Ägypter machten sie verantwortlich für die Toten der Revolution von 2011. Entsprechend verhasst war die Polizei. Um den Zorn nicht noch zu schüren, ließen sich Ägyptens Sicherheitskräfte nach der Absetzung Mubaraks kaum noch auf den Straßen blicken. Die Sicherheitslage in Ägypten wurde prompt spürbar schlechter. Das Volk machte die Regierung der Muslimbrüder für die sprunghaft ansteigende Kriminalität verantwortlich - ein beabsichtigter Nebeneffekt des Bummelstreiks. Denn die Polizeiführung verachtet die Islamisten.

Ultimatum an die Muslimbrüder

Nun hat sich das Blatt gewendet: Seit das Militär am 3. Juli der Herrschaft der Muslimbrüder ein Ende bereitete, sendet al-Farain wieder, und auch die Polizei ist zurück auf den Straßen. Inzwischen sind sie die neuen Volkshelden. Mehr als 700 Demonstranten starben bei den Ausschreitungen der vergangenen Tage, der Großteil wurde von der Polizei getötet. Die meisten Ägypter glauben, dass das richtig war. Sie sind überzeugt, dass die Schutzleute nur schossen, um sich selbst zu verteidigen. Die Truppe selbst verlor mindestens 54 Mann. Zeitungen und Fernsehen bejubeln sie als Helden und Märtyrer. Und das Volk feiert begeistert mit.

Unweit der Polizeiwache, in der Brigadegeneral Ehad Fausi an diesem Morgen Hof hält, skandieren Hunderte. "Die Polizei und das Volk sind eine Hand!", ruft die Menge. Nur eins bringt die Versammelten heute gegen die Uniformträger auf: Die Polizisten hindern den Mob, die Fatah-Moschee im Zentrum Kairos zu stürmen, in der sich seit Freitag mehrere hundert Demonstranten verschanzt haben. "Lasst sie uns töten!", ruft die Menge den Sicherheitskräften zu, die das Gotteshaus umringen. Es herrscht Pogromstimmung.

Doch Fausi, der 450 Mann kommandiert, hat andere Anweisungen gegeben: "Wir haben den Muslimbrüdern ein Ultimatum gestellt", sagt er. Sie hätten bis zum frühen Nachmittag Zeit, das Gotteshaus zu räumen, danach werde die Polizei einschreiten.

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Fausi hofft sehr, dass die Brüder freiwillig gehen werden: Er hat nach 2011 erlebt, wie unangenehm es ist, wenn die Polizei zum Ziel des Volkszorns wird. Auf keinen Fall will er die neue Liebe der Ägypter zu ihrer Polizei gefährden. Ein Sturm auf ein Gotteshaus könnte bei den mehrheitlich sehr frommen Ägyptern auf Kritik stoßen und den Islamisten Sympathien einbringen. Das will Fausi nicht riskieren. "Erst mal tun wir gar nichts", sagt der Offizier.

"Die Polizei hat keinen einzigen Revolutionär getötet"

Fausis Büro ist von den Kämpfen des Vortags gezeichnet. In den Fensterscheiben klaffen Einschusslöcher, die Kugeln stecken in der Wand gegenüber. Vor der Wache bietet sich ein Bild der Verwüstung: Die Straße ist übersät mit Pflastersteinen, Glas und Schrott, ein Gebäude ist ausgebrannt, eine Tankstelle komplett verwüstet. "Das war Krieg gestern", sagt Mohammed Reda, der als Oberstleutnant unter Fausi dient.

Unter Mubarak war die Polizei gefürchtet. Wer einmal in einer Polizeistation verschwand, wurde oft sehr lange nicht mehr gesehen. Folter und Todesfälle in Polizeigewahrsam waren an der Tagesordnung, daher auch der große Hass auf die Sicherheitskräfte nach der Revolution.

Dass das Volk ihnen jetzt applaudiert, ist für Fausi und seine Männer selbst überraschend. Das gibt ihnen nun die Möglichkeit, alle ihre alten Sünden anderen Leuten in die Schuhe zu schieben: "Die Menschen haben die Wahrheit erkannt", behauptet Fausi. All das Blut während der Revolution, all die Schüsse, die Toten, an allem seien die Muslimbrüder schuld gewesen. "Die Polizei hat keinen einzigen Revolutionär getötet."

Die Polizei, dein Freund und Helfer: Das widerspricht zwar der Erfahrung vieler Ägypter, die Zeugen der Polizeigewalt während des Aufstands gegen Mubarak waren. Doch kritische Stimmen werden in Ägypten bis auf weiteres von Propaganda-Sendern wie al-Farain übertönt.

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Beobachter123 17.08.2013
1. Polizei dein Freund und Helfer
Die Polizei wird aus allen Schichten des Volkes rekrutiert. Zweck der Polizei ist es ihren Bürgern zu dienen. Ich hoffe die Ägyptische Polizei wird mit den radikalen Islamisten fertig.
captain_dimpf 17.08.2013
2. ich weiss nicht,
woher Ulrike Putz das Recht nimmt, die Bevölkerung von Ägypten permanent als Mob oder Pöbel zu bezeichnen. Es zeugt für mich von einer Respektlosigkeit vor dem Land und den Leuten und ich schäme mich dafür. Bitte holt sie da raus. Danke
louisa1981 17.08.2013
3. Fakten
Live Stream aus der Moschee.
derletzteindividualist 17.08.2013
4. Die Verwendung des Wortes
für die Teile der Bevölkerung, die gegen die Islamisten sind, zeigt eindeutig den Standort des Journalisten.
louisa1981 17.08.2013
5. Fakten
Hier der live stream aus der Moschee: http://www.aljazeera.net/livestreaming/pages
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