Polizeiausbildung für den Irak Auszeit vom gefährlichsten Job der Welt

Mit deutschem Know-how werden in den Vereinigten Arabischen Emiraten irakische Bodyguards für Politiker ausgebildet. Deutschland leistet damit seinen Beitrag zum Wiederaufbau, ohne selbst in der Kampfzone aktiv zu sein. Die Polizisten aus den Ausbildungstruppen hingegen kehren nach einigen Wochen in den gefährlichsten Job der Welt zurück.

Aus Al Ain berichtet


Irakische Polizisten bei der Ausbildung in Al Ain: Eis in Dubai statt Bomben in Bagdad
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Irakische Polizisten bei der Ausbildung in Al Ain: Eis in Dubai statt Bomben in Bagdad

Gefahr gehört für Mahmoud zum Alltag. Präzise erinnert sich der 27-jährige Iraker an den September 2004. In einer Kolonne begleitete der Polizist den irakischen Innenminister Falah al-Nakib durch die Straßen von Bagdad. Plötzlich stellte sich ein Auto vor dem Konvoi quer. Mahmoud und seine Männer sprangen aus ihren Jeeps. Der Fahrer des anderen Wagens eröffnete das Feuer. Mit Salven aus ihren Maschinengewehren töteten die Bodyguards den Angreifer. Der Innenminister blieb unverletzt. "Mit solchen Attacken müssen wir im Irak jede Sekunde an jedem Tag rechnen, denn die Terroristen haben es auf unsere Regierung abgesehen", beschreibt Mahmoud seinen Terror-Alltag in Bagdad.

Fünf Monate später. Ein anderer Ort, die gleiche Situation. Ganz plötzlich bremsen die zwei schweren Limousinen auf einem Parkplatz. Ruckartig setzen die Fahrer mit quietschenden Reifen zurück. Eine weitere Vollbremsung und die Autos drehen sich um die eigene Achse und rasen mit Vollgas davon. In diesem Moment gellt ein lauter Pfiff. "Gut gemacht", schreit ein bulliger Mann, "jetzt die Nächsten". Auf seiner Kappe prangt ein Bundesadler. Darunter die Initialen des Bundeskriminalamts (BKA). Als Trainer der Iraker hat er die Gefahrensituation einer Straßensperre nur simuliert - statt irgendwo im terrorgeschüttelten Irak steht die Straßensperre auf einer schwer bewachten Militärbasis in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Mahmoud ist einer der 30 irakischen Polizisten, die zurzeit an dem deutschen Trainings-Projekt für irakische Polizisten teilnehmen. Seit drei Wochen ist er mit seinen Kollegen in der Wüste in den Emiraten jeden Tag im Trainings-Einsatz. Deutschen Polizisten vom BKA haben in den vergangenen Monaten bereits mehr als 400 irakische Polizisten mit dem Wissen ausgestattet, das sie für ihren Job im Irak brauchen. Zuerst bildeten die BKA-Trainer einige hundert Männer in Spurensicherung und Kriminaltechnik aus. Seit einigen Wochen trainieren die acht Experten des BKA die Politiker-Bodyguards, die nach ihrer Rückkehr in den Irak wohl den gefährlichsten Job der Welt ausüben. "Beneiden kann man wohl keinen dieser Männer", sagt der BKA-Ausbilder Jörg Kerschek, "doch wir versuchen, ihnen die bestmögliche Ausbildung zum Überleben zu geben."

Einsatz für den Irak ohne Präsenz im Land

Am Montag haben die irakischen Personenschützer und die deutschen Elitepolizisten hohen Besuch. Innenminister Otto Schily ist mit einer Delegation aus Berlin angereist, um das Training der irakischen Polizei zu inspizieren. Nicht ganz zufällig hat Schily, eigentlich bei seinen Auslands-Missionen lieber unbeobachtet, auch einen Tross Journalisten mitgenommen. Denn der Einsatz der Deutschen für den Irak ist politisch wichtig. Für die Bundesregierung symbolisiert er den deutschen Teil an den Wiederaufbaubemühungen für das geschundene Land, das fast zwei Jahre nach der ersten Bombennacht weiter denn je vom Frieden entfernt ist. Ohne eigene Männer in die Terror-Zone zwischen Kirkuk und Basra zu entsenden, zeigt Deutschland mit dem Training guten Willen. Trotz des Zerwürfnisses mit den USA vor dem Kriegszug will man helfen, so gut man kann, lautet die Botschaft.

Innenminister Schily in Al Ain: Zusagen für die deutsch-amerikanische Freundschaft
DPA

Innenminister Schily in Al Ain: Zusagen für die deutsch-amerikanische Freundschaft

Wie wichtig solche Zeichen sind, hat Schily kürzlich selbst erlebt. Beim Besuch in Washington bekam er als erster deutscher Regierungsvertreter überraschend eine Kurz-Audienz beim gerade erst wieder gewählten US-Präsident George W. Busch im Weißen Haus. Ganze 25 Minuten nahm sich Bush, um Schily persönlich zu begrüßen und ihm für das Training zu danken. Die USA schätzten die Leistung der Deutschen und akzeptierten, dass keine Deutschen in den Irak gehen, hatte Schily am Abend vor dem Besuch in Al Ain gesagt. Ein bisschen stolz auf seinen Kurz-Besuch beim mächtigsten Mann der Welt ist der Innenminister schon, schließlich hat er sich stets kompromisslos als Partner im Kampf gegen den Terror gezeigt. Mit der Ausbildung leiste das BKA einen kleinen Teil zur Überbrückung der transatlantischen Konflikte nach dem US-Feldzug im Irak, sagt er nun.

Was das BKA den irakischen Personenschützern beibringt, konnte sich der Herr der deutschen Bundespolizisten fast eine Stunde lang ansehen. Auf dicken Matten in der Turnhalle in der sonst streng geheimen Militär-Schule "Zayed II" übten sie vor den Augen des Ministers. Ein bisschen Karate haben die Kampftrainer des BKA den Irakern für den Nahkampf schon beigebracht. Dass sie beim Training auch Teile aus der israelischen Kampftechnik Krav Maga eingeschleust haben, sagen sie den muslimischen Irakern nicht. Was sie nicht wissen, kann sie auch nicht aufregen. "Wir bringen den Männern alles bei, was sie für einen vernünftigen Einsatz als Personenschützer brauchen", sagt Kriminalhauptkommissar Kerschek. Dazu gehört Kampftechnik, Einsatz-Taktik für Geiselbefreiungen, Schießtraining und konkrete Übungen für mögliche Überfälle.

Iraker sollen Iraker schützen

Draußen vor der Halle stellen die Männer eine Szene nach, die sich im Irak fast jeden Tag abspielt. Kaum sind die Personenschützer aus ihren Wagen gestiegen, eröffnet ein Unbekannter das Feuer auf die Schutzperson in der Mitte der Bodyguards. Sofort reißen die Iraker den Mann aus der Schusslinie, decken ihn mit dem eigenen Körper ab. Drei der Männer feuern aus ihren Platzpatronen-Gewehren auf den Angreifer. Die anderen drängen den Politiker-Darsteller in den Wagen zurück und rasen mit durchdrehenden Reifen davon. Viele Politiker sind bei solchen oder ähnlichen Anschlägen im Irak schon gestorben. Mit dem Know-how des BKA soll dies in Zukunft zumindest ab und an verhindert werden - auch wenn es gegen die mittlerweile fast perfektionierten Bombenattacken der Terror-Truppen kaum noch einen menschlichen Schutz gibt.

Trotzdem ist der Aufbau einer Bodyguard-Truppe wichtig. Aus der Erfahrung in Afghanistan ist bekannt, wie schädlich eine Bewachung der Top-Politiker durch Ausländer innenpolitisch sein kann. Am Hindukusch wird Präsident Hamid Karzai noch heute von US-Amerikanern der Firma Blackwater geschützt. Seine kampfgewöhnten Landsleute lachen deshalb über einen vermeintlich schwachen Präsidenten, der Ausländer fürs Überleben braucht.

Entwaffnungstraining in den Emiraten: Gefahr lauert jede Sekunde
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Um dies zu vermeiden, wollen die Deutschen lieber Iraker für den Personenschutz ausbilden - auch wenn es schwierig ist. Viele der Männer hatten weder eine Schießausbildung, geschweige denn einen Führerschein. "Wir machen hier einen Grundkurs im Personenschutz", sagt einer der BKA-Ausbilder, "doch in den sechs Wochen bekommen sie zumindest etwas Know-how für den täglichen Kampf." Danach sollen die Männer auch noch einige Woche von Spezialkräften aus den Emiraten trainiert werden.

Die große Weltpolitik über die Irak-Frage oder die Interessen zwischen Deutschland und den USA spielt für die Iraker bei ihrer Ausbildung kaum eine Rolle. "Wir wollen, dass unser Land endlich Frieden findet", sagt Mahmoud. Er ist seit sieben Jahren bei der irakischen Polizei und seit dem Sturz des Saddam-Regimes für den Schutz von Politikern zuständig.

Meist werden bei Attacken auf diese nur die Bodyguards getötet. Das Wort Angst findet sich im Vokabular eines Irakers trotzdem selten, bei Männern wie Mahmoud schon gar nicht. "Wir sind gut ausgebildet nach diesem Training", sagt er und schaut zu seinem nickenden Team-Chef, "jetzt müssen wir zurück und unseren Job machen." Gegenüber den Dolmetschern hört sich das an so manchem Abend schon mal anders an. "Wir versuchen das Thema weitgehend auszublenden", sagt der BKA-Trainer Kerschek, "sonst würden wir wahrscheinlich nur noch darüber reden."

Eis in Dubai statt Bomben in Bagdad

Für die Iraker ist das Training in Al Ain fast eine Art Urlaub vom täglichen Terror. Zum ersten Mal seit Jahren hat auch Mahmoud in den letzten drei Woche wieder wirklich ruhig geschlafen, sagt er. Auch wenn vieles in dem staubigen Militärcamp an seine Heimat erinnert, ist alles anders. Erst vor einigen Tagen war er mit einigen seiner Kollegen im glitzernden Dubai, das nur eine gute Stunde Autofahrt von dem Camp entfernt ist. Gemeinsam fuhren sie mit offenen Fenstern und bei Popmusik durch die Stadt. Eisessen, Kino, Normalität - das alles ist für Männer wie Mahmoud seit langem kein Teil ihres Lebens mehr. "Es war wie ein Traum", sagt der ernste junge Mann, "irgendwann sollte der Irak auch mal so aussehen."

Die tägliche Gefahr zwei Flugstunden nördlich von Al Ain aber holt Mahmoud und seine Kollegen selbst im sicheren Al Ain schnell ein. Als die ersten Fernsehkameras auf dem Gelände aufgebaut werden, ziehen er und seine Kollegen hastig schwarze Masken über die Gesichter. Interviews werden vom BKA-Teamleiter ruppig unterbunden. Niemand soll sehen, wer im Irak die Politiker schützt. Polizisten und ihre Familien sind beliebte Terror-Ziele. Fast jeden Tag explodieren vor den Rekrutierungs-Stationen der Behörde Bomben. Viele Iraker werden bei diesen Anschlägen getötet, bevor sie überhaupt eine Uniform anprobiert haben.

Minister Schily ist nach dem kurzen Besuch zufrieden. Er spricht dem BKA und auch den Emiraten seinen Dank aus. Gleichzeitig kündigt der Minister auch die Ausweitung des Trainings-Programms und der deutschen Hilfe für den Irak an. Das hat er auch George W. Bush in Washington versprochen. Dieses Jahr sollen auf jeden Fall noch mehr Polizisten geschult werden als 2004. Daneben denkt Schily laut über eine Beteiligung der Deutschen beim Aufbau der Verwaltung des Innenministeriums und der Justiz nach - immer mit der Voraussetzung, dass keine Deutschen in den Irak gesandt werden müssen. Dieses Limit ist und bleibt ein Axiom der deutschen Irak-Arbeit.

"Wir alle müssen einen Beitrag leisten, dass im Irak eine freiheitliche Grundordnung wieder hergestellt wird", sagt Schily, kurz bevor sein Konvoi vom Gelände fährt. Mahmoud und seine Kollegen werden für dieses Projekt schon in wenigen Wochen auf den Straßen Bagdads wieder ihr Leben riskieren. Bis dahin genießen sie noch einige Nächte der Ruhe in der Wüste von Al Ain.



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