Polnische Reaktionen auf SPIEGEL-Titel Welle der Empörung

Heftig ereifern sich polnische Medien und Politiker über den SPIEGEL-Titel zu Hitlers europäischen Komplizen beim Holocaust. Sie sehen darin einen Versuch, die deutsche Schuld an den Verbrechen der Nazis zu relativieren.

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Hamburg - Jaroslaw Kaczynski, der rechtskonservative Ex-Premier, wirkte zuletzt matt. Selten nur trat er im Wahlkampf zum Europa-Parlament auf. Statt Tiraden gegen die Europäische Union zu feuern, rief er seine Landsleute brav auf, am 6. Juni auch wirklich an die Urne zu treten. Dem begnadeten Polemiker schienen die Themen abhanden gekommen zu sein.

Doch in den vergangenen Tagen hat Kaczynski wieder zu alter Form gefunden - und ausgerechnet der SPIEGEL hat ihm dazu verholfen: "Die Deutschen versuchen, die Schuld für ein gigantisches Verbrechen abzuschütteln", kommentierte Kaczynski den SPIEGEL-Titel "Die Komplizen - Hitlers europäische Helfer beim Judenmord".

Darin wird beschrieben, wie Ausländer den Deutschen im Zweiten Weltkrieg halfen, sechs Millionen Juden umzubringen. Die Helfer - in ihren jeweiligen Ländern eine kleine Minderheit - taten das gezwungenermaßen, andere denunzierten Juden gegen Geld. Einige teilten den Antisemitismus der Nazis und taten es aus Überzeugung.

Der Hinweis auf diesen Aspekt des Holocaust wird in Polen als Versuch "der Deutschen" verstanden, die Verantwortung für den Massenmord wenigstens zum Teil auf fremde Schultern zu laden. Wenn Polen den Deutschen "solche Praktiken" durchgehen lasse, so sagte Kaczynski weiter, müsse sich sein Land nicht wundern, wenn Berlin eines Tages Entschädigungen fordere für die deutschen Soldaten, die bei der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes gefallen sind.

"Sie suchen Komplizen beim Holocaust"

Der Ausbruch des Jaroslaw Kaczynski ist nur die Schaumkrone einer Welle der Kritik, die der SPIEGEL-Titel in den Warschauer Medien ausgelöst hat. "Sie suchen Komplizen beim Holocaust" titelt die konservative "Rzeczpospolita".

"Der SPIEGEL klagt die Polen und andere Nationen an, am Holocaust mitgewirkt zu haben", erregt sich die Tageszeitung "Polska". In Zukunft - so die Polemik weiter - könne der SPIEGEL gar zu dem Schluss kommen, dass auch die Juden mitgemacht hätten, schließlich habe es in den Ghettos jüdische Polizisten gegeben, die von den Nazis gezwungen worden seien, Männer, Frauen und Kinder für die Transporte in die Vernichtungslager zusammen zu treiben.

Besonders schmerzt die Polen, dass im SPIEGEL auch über die sogenannten "Szmalcownicy" berichtet wird, Polen die jüdische Nachbarn an die Nazis verrieten, oder von versteckten Judenfamilien Geld gegen Stillschweigen erpressten, und manchmal sogar beides taten.

Wladyslaw Bartoszewski, Auschwitz-Überlebender und derzeit Sonderbeauftragter für das deutsch-polnische Verhältnis, weist trocken daraufhin, dass in der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem 7000 Polen als Judenretter aufgeführt sind, aber nur hundert Deutsche.

"Der Artikel bestätigt die schlimmsten Befürchtungen über den Wandel, der sich im deutschen Denken über den Zweiten Weltkrieg abzeichnet", schreibt der konservative Publizist Piotr Semka. Seit Jahren schon diagnostizieren viele Polen, dass die Deutschen langsam ihr Geschichtsbild verändern, sich in ihrem Bewusstsein vom Täter zum Opfer wandeln.

Erika Steinbach als Hassfigur Nummer eins

Indizien dafür seien, dass westlich von Oder und Neiße immer mehr Filme und Bücher auftauchen, die sich beispielsweise mit den Bombennächten oder den Vertreibungen befassen. Zuletzt zum Beispiel der Film über die "Wilhelm Gustloff". Das ehemalige Passagierschiff hatte mit deutschen Flüchtlingen überladen Danzig im Januar 1945 verlassen und war dann von einem russischen U-Boot torpediert worden. Mehr als 9000 überwiegend Frauen und Kinder starben.

Zur Hassfigur Nummer eins war die Chefin der Vertriebenenverbände, Erika Steinbach, avanciert. Deren Projekt eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin in Sichtweite des Holocaust-Denkmals hatte Warschau besonders erzürnt. In ein paar Jahren - so die Befürchtung - könnte die Mehrheit in der Bundesrepublik der Meinung sein, dass Juden und Deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs sein.

"Die Deutschen", unterstellen polnische Medien, treibe ein kollektives Bedürfnis, sich der Geschichte zu entledigen, oder zumindest "ihre" Schuld mildern zu wollen. Deshalb träfen SPIEGEL-Titel wie "Die Komplizen" auf offene Ohren.

Die Deutschen - so scheint man an der Weichsel zu glauben - beugten sich dieser Tage über den SPIEGEL, um sich nach der Lektüre mit einem Seufzer der Erleichterung zurückfallen zu lassen. Doch das Magazin ist kaum geeignet, Linderung zu spenden: Seit Jahrzehnten befasst sich der SPIEGEL mit der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen. Allein in den vergangenen eineinhalb Jahren erschienen drei Titel-Stücke und etliche Artikel zu dem Thema, zum Beispiel im November vergangenen Jahres über Heinrich Himmler, den "Vollstrecker" Hitlers, oder im März 2008 "Die Täter - Warum so viele Deutsche zu Mördern wurden".



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