SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

07. November 2013, 07:01 Uhr

Polonium-Fund

Israel kritisiert Untersuchung zu Arafats Tod

Schweizer Experten vermuten, dass Palästinenserführer Jassir Arafat vergiftet wurde. Die israelische Regierung reagiert mit scharfer Kritik auf die Untersuchung der Mediziner. Die Analyse sei lückenhaft, der Befund unseriös. Alles sei Teil einer Privatfehde von Arafats Witwe.

Tel Aviv/Ramallah - Starb der frühere Palästinenserführer Jassir Arafat nach einem Giftanschlag? Das legen Laborergebnisse von Schweizer Experten nahe, die bei einer Exhumierung der Leiche Gewebeproben entnommen hatten.

Als Hauptverdächtiger gilt vielen Palästinensern Israel. Die israelische Regierung weist diese Anschuldigungen jedoch zurück. Sie kritisiert das Vorgehen und die Erkenntnisse der Schweizer, die "mehr Seifenoper als Wissenschaft" seien.

Der Sprecher des Außenministeriums in Jerusalem, Jigal Palmor, sagte der "Jerusalem Post", die Experten hätten weder die früheren Arbeitsräume Arafats in Ramallah auf die radioaktive Substanz untersucht noch das französische Militärhospital, in dem Arafat 2004 im Alter von 75 Jahren gestorben war. "Alles ist sehr, sehr unklar", sagte Palmor. "Klar ist nur, dass die Theorie große Löcher aufweist, mehr Löcher als ein Schweizer Käse."

Der Befund diene dazu, die Privatfehde von Arafats Witwe Suha mit der Palästinenserbehörde zu befeuern, so Palmor. Die Schweizer hatten der Witwe den Untersuchungsbericht übergeben. "Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass er keines natürlichen Todes starb", sagte Suha Arafat am Mittwoch in Paris. "Wir decken ein echtes Verbrechen auf, ein politisches Attentat."

Der arabische TV-Sender Al-Dschasira und die britische Zeitung "Guardian" hatten am Mittwoch Details aus dem 108 Seiten umfassenden Bericht der Experten geliefert. In Gewebeproben Arafats sei eine Konzentration an Polonium 210 gefunden worden, die 18 Mal höher sei als der Normalwert, heißt es darin. Dies lasse "einigermaßen" sicher den Schluss zu, dass Arafat an einer Polonium-Vergiftung gestorben sei. Schon ein Millionstel Gramm des radioaktiven Schwermetalls kann einen Menschen töten.

Auch russische Experten hatten Proben entnommen, ein französisches Gutachten steht ebenfalls noch aus. Alle drei Expertenteams hatten die Gewebeproben - unter anderem aus einer Rippe und dem Beckenbereich Arafats - bei der Exhumierung der Leiche vor knapp einem Jahr entnommen.

Die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah wollte zunächst keine Stellung nehmen. Sie hatte am Vortag bekräftigt, dass sie die Ergebnisse der Untersuchungen erst öffentlich machen werde, wenn alle drei Gutachten vorlägen.

kgp/dpa

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung