US-Republikaner in Florida Parade der Exzentriker

Sie verkleiden sich als Cowgirl, Bauarbeiter oder als Elefant: Beim Republikaner-Parteitag in Tampa lassen sich die Delegierten den Spaß nicht verderben - obwohl sie wissen, dass sie nur Statisten einer bis ins letzte Detail geplanten Politik-Show sind. Zu Besuch bei den konservativen Exoten.

Aus Tampa berichten , und Martin Heller


Die Geschenktüten sind enttäuschend. Eine billige Plastiksonnenbrille, Sonnencreme, ein Handventilator, ein Verfassungstraktat und Mitt Romneys Wahlkampfbuch "No Apology" - doch nur die erste Version, in der er noch von der Gesundheitsreform schwärmt. Das Magazin "Death & Taxes" resümiert: "Nutzloses Zeugs."

Die mehr als 4400 Parteitagsdelegierten der US-Republikaner, die diese Woche in Tampa zusammengekommen sind, müssen manche Widrigkeit auf sich nehmen. Es ist unerträglich schwül. Der Sturm "Isaac" brachte das Auftaktprogramm durcheinander. Viele Hotels sind meilenweit vom Kongresszentrum entfernt. Manchmal vergessen die Fahrer der Shuttle-Busse, sie abzuholen.

Auch wissen die Delegierten, das sie hier nur Statisten sind. An Mitt Romneys Nominierung zu ihrem Kandidaten bestand kein Zweifel, die Partei sorgt trotz sturmgestutztem Programm und zeitweisem Dissidentenprotest für stramme Disziplin. Jetzt kommt es nur noch drauf an, wie sich Romney an diesem Donnerstag mit der wichtigsten Rede seiner Karriere schlägt.

Trotzdem lassen die Delegierten sich den Spaß nicht nehmen. In den Pausen zwischen den Reden tanzen sie in den Gängen der Arena zu den Klängen einer Live-Band, sie singen und klatschen, viele haben sich patriotisch oder einfach nur seltsam verkleidet.

SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl der komischsten Kostüme und seltsamsten Ansichten in Tampa.

Der Bauarbeiter und Merkel-Fan

Für jede Session hat die Parteitagsregie ein Motto ausgegeben, das heutige lautet "We Built This" ("Das haben wir gebaut"). A.B. Cooper nimmt's wörtlich, er hat sich als Bauarbeiter ausstaffiert: Helm, Sonnenbrille, Shirt in Signalfarben. Das Hemd besteht aus der Flagge seines Staates Arizona, dessen Gouverneurin Jan Brewer auch hier ist, im Schlepptau den umstrittenen Law-and-Order-Sheriff Joe Arpaio, wie Cooper stolz meldet.

"We Built This" ist der jüngste Slogan der Republikaner - und einer der griffigsten bisher. Er entstammt einer aus dem Zusammenhang gerissenen Bemerkung Obamas, Unternehmer verdankten ihren Erfolg ja auch dem Staat. "Ich habe mein Geschäft gebaut", empört sich Bauunternehmer Cooper. "Ich stelle die Leute an, ich feuere die Leute, ich bezahle die Leute. Glaubt ja nicht, dass mir jemand geholfen hat."

Die Ironie: Cooper steht im Tampa Bay Times Forum, der Sportarena, in der der Parteitag stattfindet. Dessen Baukosten wurden 1996 zu 62 Prozent vom Staat getragen. Coopers Hass auf Obama schmälert das wenig: "Der ist ein Kommunist und ein Marxist, und er muss weg."

Die Ron-Paul-Rebellin

Jelena Worobjow kam als Kind mit ihrer Familie aus der Sowjetunion in die USA. "Ich wurde in der UdSSR geboren", sagt sie. "Wir hatten das Glück, von diesem Land" - Amerika - "gesegnet zu werden und für die Freiheit herzukommen." Doch nun fürchtet sie um eben diese Segnung. "Unsere Freiheiten sind in Gefahr", sagt sie, und ihre Stimme überschlägt sich. Es ist ein sehr persönliches Déjà-vu: "Das sieht mir ganz nach einem kommunistischen Regime aus!"

Damit meint sie ihre eigene Parteiführung. Denn Worobjow - die heute in Minnesota lebt, an der kalten kanadischen Grenze - ist nach Tampa gekommen, um für Ron Paul zu stimmen, den radikallibertären Rebellen, der Romney in den Vorwahlen unterlag. Doch die Parteispitze hat die Opposition mit einer Reihe von Geschäftsordnungsmanövern kaltgestellt.

Worobjow fühlt sich wie in der Sowjetunion. "Die machen das nur aus einem Grund, und das ist Ruhm und Macht", schimpft sie. "Sie wollen unsere Stimmen unterdrücken." Das gelingt ihnen auch: Die Proteste der Paul-Fans führen nur kurz zum Eklat. Worobjow gibt nicht auf: "Wir werden die Partei revolutionieren."

Das verrückte Huhn
Randy Duncan stammt von einem Bauerndorf in Kansas. Er ist als Huhn kostümiert. Genauer gesagt: Er trägt einen Schaumstoffhut in Form eines rot-blauen Hühnchens. Was aber mit seinem Dorf nichts zu tun hat. Das Hühnchen, so erläutert Duncan nämlich, ist das Maskottchen der Jayhawks, der Sportdivision der University of Kansas, die vor allem durch ihr erfolgreiches Basketballteam bekannt ist.

Es war nicht seine Idee. "Wir bekamen ein Memo", sagt Duncan. "An einem Tag sollten wir uns verkleiden." Motto: Komme als etwas, das aus Kansas kommt. Andere Delegierte wählten Figuren aus dem Kultfilm "Der Zauberer von Oz", der in Kansas beginnt und endet: "Dorothy", "Glinda, die gute Hexe des Nordens", "die böse Hexe des Westens". Weitere Outfits hier: Luftfahrtpionierin Amelia Earhart (in Kansas geboren) und der schießwütige Sheriff Wyatt Earp (in Kansas berüchtigt geworden). Kein Wunder, dass die bunte Delegation von Fotografen umlagert ist.

"Wir haben gerne Spaß in Kansas", sagt Duncan und grinst, bevor sich die Kostümierten zur Rede der Kandidatengattin Ann Romney hinsetzen. Doch am Ende sei dies natürlich eine ernste Sache - es gehe darum, Mitt Romney auf den Weg zu bringen. Warum Romney und kein anderer? "Weil er der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein wird", sagt das Huhn.

Das Cowgirl
"Howdy!", trällert Jody Rushton aus Dallas. "How y'all doing?" Ihre schrille Singsang-Stimme, die die Vokale dehnt, verrät ihre Herkunft: "Texas ist bereit, einen neuen Präsidenten zu wählen!" Man hätte es auch so gemerkt. Rushton ("Mutter, Ehefrau, politische Aktivistin") trägt die Traditionsuniform der Texas-Delegation, wie sie alle vier Jahre im Plenum hervorsticht: Jeans, Cowboyhut, rot-weiß-blaues Hemd mit dem Texas-Stern.

Texas rühmt sich seiner Unabhängigkeit. In Tampa protestieren die Vertreter gegen neue Regeln der Parteispitze, mit denen die Chancen unterlegener Kandidaten geschmälert werden sollen. Und als es zur Nominierung Romneys kommt, geben sie ihm demonstrativ nur 130 ihrer 155 Stimmen. Den Rest verteilen sie auf Ron Paul (20), Michele Bachmann, Jon Huntsman, Buddy Roemer und "unentschlossen" (je eine).

"Mitt Romney ist ein fabelhafter Führer", sagt Rushton trotzdem. Ob er aber nicht ein "Frauenproblem" habe, wie die US-Medien oft schreiben? "Nein, nein, nein!", versichert sie. "Auch Frauen wollen eine starke Wirtschaft. Frauen wollen Jobs. Frauen wollen Geld, um ihre Familie zu versorgen. Frauenfragen unterscheiden sich nicht von anderen Fragen."

Das Lincoln-Double

Auch George Engelbach aus Missouri hat sich verkleidet, und zwar als berühmtester Vorvater seines Staates. Er trägt schwarze Rockschöße, einen schwarzen Zylinder, eine schwarze Fliege, eine schmale Brille und einen schmalen Bart. Kein Zweifel: Er ist Abraham Lincoln.

"Das habe ich bei jedem Parteitag an", sagt er. Der legendäre US-Präsident - der erste, den die Republikanische Partei stellte - sei sein Idol, und er findet, dass die heutigen Zeiten den alten ähneln, als Amerika zerbrach und im Bürgerkrieg versank. "Wir wissen, was im 19. Jahrhundert geschah", sagt er. "Jetzt haben wir das 21. Jahrhundert, und Mr. Romney muss das Land einen und nach vorne bringen."

Im Vorwahl-Rennen um die Kandidatur hat Engelbach einen nach dem anderen abgehakt. Erst war er für Newt Gingrich, dann für Rick Perry, dann für Herman Cain, dann für Rick Santorum. Jetzt ist er eben für Romney. Welche Charaktereigenschaften der denn als ein Lincoln 2.0 besitzen müsse? Da stutzt er und lacht etwas verlegen: "Mit jedem Mal, das ich das mache, werden diese Fragen härter."

Die Sonnenblumenkönigin
Beverly Caleys Lieblingswort ist "sehr". Sie bezeichnet sich als "sehr konservativ", "sehr pro-Leben" (Code für: gegen Abtreibung), "sehr pro-Ehe" (Code für: gegen die Homo-Ehe) und "sehr pro-Romney" (Code für: gegen Barack Obama). Romneys Chancen, die November-Wahl zu gewinnen? "Sehr gut!"

Caley kommt aus Kansas, ihre Vorfahren kommen aus Deutschland, ihr Mädchenname ist Pfitzenmeyer. Kansas, mitten im Mittleren Westen, ist der Staat der Sonnenblumen, die Sonnenblume ist auch das Staatsmaskottchen, und der höchste Punkt von Kansas ist der Mount Sunflower. Caley trägt einen Strohhut mit Sonnenblumen aus Plastik und lacht viel.

Doch ihr sonniges Gemüt erstreckt sich nicht auf die politischen Gegner. "Die Demokraten sind auf der Flucht", jubelt sie. "Sie haben kein Programm." Wer sich aber nach ihrem eigenen Programm erkundigt, sprich der Abtreibung, verscherzt es sich. "Hört endlich auf, uns nach der Abtreibung zu fragen!", bellt Caley da auf einmal und wendet sich ab. "Okay, das war's."

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
maliperica 30.08.2012
1. Es sind keine Exzentriker, sondern glänzende (Polit)Darsteller
Zitat von sysopAFPSie verkleiden sich als Cowgirl, Bauarbeiter oder als Elefant: Beim Republikaner-Parteitag in Tampa lassen sich die Delegierten den Spaß nicht verderben - obwohl sie wissen, dass sie nur Statisten einer bis ins letzte Detail geplanten Politik-Show sind. Zu Besuch bei den konservativen Exoten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852846,00.html
Übrigens die Kosten der Politik-Show bezahlt die halbe Welt, schaut gerne zu und macht stillschweigend mit! So lange man mit dem Erfolg D-D doppelte Defizite, bei Budgetpolitik und Außenhandel erfolgreich mit QE finanzieren kann, ist es es die beste und meist verkaufte Show aller Zeiten.
links_rechts 30.08.2012
2. Bei Obamas Auftritten
würden solche Kostüme als Kreativität der Anhänger bejubelt werden. Bei den Republikanern ist es maximal Exzentrik. Ich finde es immer wieder wunderbar, das ich in der "DDR" lernen durfte zwischen den Zeilen zu lesen.
Leeuw 30.08.2012
3. Jayhawks, go!
Als Alumni der University of Kansas muss ich hier mal etwas richtig stellen. Das Kostüm ist kein "Huhn", sondern ein Jayhawk. Der Begriff geht wahrscheinlich zurück auf die "Jayhawkers", Banden von recht entschlossenen Männern, die für ein freies Kansas und gegen die Sklaverei kämpften. Übrigens heisst das Basketballteam der KU natürlich Jayhawks, und Basketball wurde bekanntlich von Naismith, einem langjährigen Mitglied des Lehrkörpers der KU, erfunden. Kansas - the land of ah's...
jan.lolling 31.08.2012
4. ist doch immer verrückt dass die Hühner ihrern Schlächter wählen...
Die Republikaner waren es doch die mit ihrer Finanzmarktpolitik die Kriese herrauf beschworen hatten und nun schimpfen die auf Obama der mit den Folgen klar kommen muss. Immer das gleiche....
spon-facebook-1425926487 31.08.2012
5.
Zitat von links_rechtswürden solche Kostüme als Kreativität der Anhänger bejubelt werden. Bei den Republikanern ist es maximal Exzentrik. Ich finde es immer wieder wunderbar, das ich in der "DDR" lernen durfte zwischen den Zeilen zu lesen.
Wenn Sie den Polizei- und Unterdrückungsstaat der SED noch selbst miterlebt haben, wissen Sie ja dann auch, dass nicht überall, wo Demokratisch drauf steht auch Menschenrechte drin sind. Wie bei den Republikanern. Guantanamo darf nicht vergessen werden- und auch nicht, dass die Reps bis heute erfolgreich die längst überfällige Schließung auf dem völkerrechtswidrig okkupierten Stück Land verhindern.
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