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EM-Titel für Portugal: Kleines Land, ganz groß

Foto: Mario Cruz/ dpa

Portugal nach EM-Sieg Gott will, Ronaldo träumt, der Titel wird geboren

Es ist doch nur Fußball. Bitte, was? Nicht in Portugal! Der EM-Sieg stürzt das Land in einen Glückstaumel.

"Gott will, der Mensch träumt, das Werk wird geboren."

Zu Portugals Nationalheiligtümern gehört neben Cristiano Ronaldo auch der Dichter Fernando Pessoa. Die Bücher Pessoas kommen in Portugal gleich nach der Bibel, und weil seine jahrzehntealten Verse oft die Volksseele beschreiben, passen diese ersten Zeilen seines Seefahrergedichts auch für die Fußballernation.

Gott will, Ronaldo träumt, der Titel wird geboren.

Von dem "Spiel unseres Lebens" sprach Ronaldos Teamkollege João Mario vor dem Finale, und das wurde es, für die Nationalmannschaft, für Ronaldo, für das Land. Lissabon tobte. Und wer Ronaldo in Paris hat weinen, kämpfen, am Spielfeldrand wüten und seinen Trainer vor Glück fast umstoßen sehen, der ahnte, dass es hier nicht um irgendeinen Titel in irgendeiner Sportart namens Fußball geht.

Nicht in einem Land, das täglich drei Fußballzeitungen herausgibt. In dem drei Tage Staatstrauer angeordnet wurden, als Fußballheld Eusébio 2014 starb. In dem die Fußballarenen Estádio da Luz (Stadion des Lichts) und Estádio do Dragão (Stadion des Drachens) heißen. In dem die Abendnachrichten während der EM bisweilen mit einem Bericht aus dem Trainingslager starteten, wo die Profis nichts anderes taten als, nun ja, zu trainieren.

Fußball gehört in Portugal zu einem der drei berühmten F aus "Fußball, Fado, Fátima". Schon während der bis 1974 dauernden Diktatur entwickelte sich dieses Trio zum Politikersatz. Der omnipräsente Fußball, der Pilgerort Fátima und der Fado, Gesang gewordener Schmerz, der eigentlich in jeden Text über die portugiesische Seele gehört und somit auch hier erfolgreich untergebracht wurde. Schmerz gehört einfach dazu - warum sonst sollte man dem Foul an Ronaldo eine 16-teilige Bilderstrecke widmen ? So wie auch das Hadern mit vergangenem Glanz und die Sehnsucht nach Anerkennung dazu gehören.

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EM-Finale: Die großen Emotionen des Cristiano Ronaldo

Foto: Laurence Griffiths/ Getty Images

Portugal ist ein kleines, dem Meer zugewandtes Land am Rand Europas. Die Armut trieb die Menschen über viele Jahrzehnte in andere Staaten, die meisten Auswanderer leben heute in Frankreich. Als es 1986 der EU beitrat, war das ein großer und wichtiger Schritt, politisch wie wirtschaftlich. Genau wie die Spanier sind die Portugiesen bis heute überzeugte Europäer, was in diesen Zeiten nicht selbstverständlich ist.

Die Euro-Krise hat das Land hart getroffen, die Menschen haben gelitten, und trotz Reformen sind die Probleme nicht ganz überwunden. Noch immer kämpft man gegen das Stigma des Sorgenkinds. Vielleicht reagiert Lissabon auch deshalb empfindlich, wenn der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sich unbedacht über die Staatsfinanzen äußert - Ende Juni wurde der deutsche Botschafter ins Außenministerium einbestellt.

Nun ist immerhin eine Schmach getilgt - und wenn es nur die der Europameisterschaft 2004 ist. Damals verlor Portugal im eigenen Land das Finale gegen Griechenland. Ministerpräsident war zu der Zeit José Manuel Durão Barroso, der dann zur EU-Kommission weiterzog und dieser Tage ebenfalls einen neuen Titel errungen hat. Er wird "Präsident ohne Geschäftsbereich" bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Sieg bei der Europameisterschaft erfüllt ein ganzes Land mit Stolz. Dass die Seleção Spanien ablöst und damit die lauten Nachbarn übertrumpft, mag für die anderen Europäer nur eine Fußnote sein. Für Portugal macht es die Freude noch größer.

"Die Portugiesen sind ein Volk mit Seele", sagte Trainer Fernando Santos nach dem Spiel . "Leider glauben sie nicht immer an sich." Dieses Mal haben sie an sich geglaubt.

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