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03. April 2003, 20:13 Uhr

Powell in Europa

Führende Rolle für die Uno - aber wann?

Von Sylvia Schreiber, Brüssel

Bei der Charme-Offensive von US-Außenminister Colin Powell in Europa wurde deutlich, dass britische und amerikanische Truppen auch nach Kriegsende noch lange im Irak bleiben werden. Erst wenn das Terrain sicher ist, soll die Uno eine führende Rolle einnehmen. Die Franzosen - bislang die härtesten Kriegsgegner - schwenken dabei auf US-Linie ein, die Deutschen zieren sich noch.

Will die Nato einbeziehen: Colin Powell
AP

Will die Nato einbeziehen: Colin Powell

Ein ehemaliges Krankenhaus am Rande der Stadt, das ist der Sitz des Nato-Hauptquartiers in Brüssel. Dass die Zentrale des nordatlantischen Militärbündnisses auch zum Symbol für die Heilung gebrochener Beziehungen taugen könnte, zeigte sich am Donnerstag. In einer Atmosphäre "offener und nach vorn gewandter Diskussion", so floskelte der deutsche Außenminister Joschka Fischer diplomatisch, trafen sich hier am 15. Tag der Wüstenschlacht im Irak die 23 Außenminister der EU und Nato-Länder mit dem Chef der amerikanischen Diplomatie. Zu "Konsultationen", wie Colin Powell sagte.

"Wir sind durch das Schlimmste durch", bilanzierte Nato-Generalsekretär Lord Robertson den Tag und meint die bittere und frostige Phase des Streits über Krieg oder Frieden. Powell, der sich selbst nach Brüssel eingeladen hatte, signalisierte damit auch an die Falken in Washington: Die Amerikaner müssen weiter mit der internationalen Gemeinschaft reden und rechnen, sie müssen zurück an den Verhandlungstisch.

Eine Einigung über die Friedensordnung und den Wiederaufbau im Irak ist zwar noch lange nicht in Sicht; aber es werden bereits drei verschiedene Varianten gehandelt:

Neben den Differenzen über das Uno-Patronat für die Post-Saddam-Phase bestand auf dem Brüsseler Treffen auch Unklarheit über die neue Aufgabe der Nato. Während der deutsche Außenminister Fischer über ihre neue Rolle am liebsten nichts gesagt hätte und lediglich knurrte: "Haben theoretisch darüber diskutiert", wurden sowohl Powell als auch Nato-Generalsekretär Robertson deutlicher: Sie könnten sich Nato-Truppen am ehesten als friedenssichernde Truppe für die erste Zivilregierung vorstellen. Dies ähnelt einem Modell, das die Nato derzeit für einen Einsatz in Afghanistan diskutiert, als Ablösung für die schwer zu führenden Isaf-Truppen. Sie stehen im Moment unter deutsch-niederländischem Kommando.

Für die Überraschung des Tages sorgten in Brüssel die Franzosen. Gebärdeten sie sich vor dem Krieg noch als verbissene Anti-Amerikaner, scheinen sie jetzt auf Schmusekurs zur Regierung in Washington zu gehen. Die anfängliche Sicherungsrolle der anglo-amerikanischen Koalition im Irak für die direkte Nachkriegsphase ist ihnen willkommen. Hatte doch der französische Premierminister Pierre Raffarin noch einen Tag zuvor gesagt: "Bei allem Krach dürfen wir nicht vergessen, wer der eigentliche Feind ist." Es seien auf jeden Fall "nicht die Amerikaner".

Und auch die Briten scheinen im Begriff der Wandlung zu sein: Anders als Washington drängt London auf eine frühe und entscheidende Rolle der internationalen Gemeinschaft, der Uno und der EU beim Wiederaufbau. An der Seite der groben US-Cowboys im Krieg haben sie offenbar gemerkt, welchen Hass sie in der gesamten arabischen Welt durch dieses Auftreten säten. Jetzt wollen sie zurück zum europäisch-arabischen "Dialog der Zivilisationen, nicht zum Clash der Kulturen".

Bleibt abzuwarten, welchen Einfluss Colin Powell mit seinem soft-diplomatischen Annäherungskurs bei den Falken in der US-Regierung hat. "Diplomatie braucht die Unterstützung durch Macht", lautete sein versöhnliches Leitmotto in Brüssel. Süffisant bemerkte der britische EU-Außenkommissar Chris Patten dazu: "Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA gibt es mehr als eine Telefonnummer." Die Anspielung zielt auf die Bemerkung des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger, der angesichts der Vielstimmigkeit jenseits des Atlantik einmal bissig fragte: "Welche Hausnummer hat Europa?"

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