Präsident Mubarak Ägypten rätselt über das Palastgespenst

Er soll endlich gehen: Millionen Ägypter verlangen Husni Mubaraks sofortigen Rücktritt. Aber der Diktator klammert sich an die Macht, auch nach Deutschland will er nicht. Palast-Insider glauben, der Präsident sei angeschlagen und nicht mehr richtig informiert. Was treibt er wirklich?
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Händeschütteln mit Husni: Mubarak und die Staatenlenker

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Kairo/Berlin - Der Palast des Präsidenten der Arabischen Republik Ägypten liegt im Kairoer Stadtteil Heliopolis, halben Weges zwischen Stadtzentrum und internationalem Flughafen. Das Gelände ist kaum einsehbar. Panzer bewachen die Einfahrten; Mauern und Bäume versperren den Blick. Einst diente der Bau als "Heliopolis Palace Hotel", dann ließ Husni Mubarak, 82 Jahre alt und seit 30 Jahren im Amt, ihn zu seiner Residenz umbauen.

Jeder weiß, wo er ist, aber keiner weiß, was in ihm vorgeht: Was für seinen Amtsitz gilt, trifft auch auf Mubarak selbst zu. Seit über zwei Wochen herrscht Ausnahmezustand in Ägypten, jeden Tag demonstrieren Zehntausende, manchmal auch Millionen, gegen seine Betonherrschaft. Sie wollen, dass Mubarak sich ins Ausland absetzt, zum Beispiel in eine Klinik nach Deutschland. Gespräche dazu wurden bereits geführt, unter anderem mit einer Klinik in Baden-Baden.

Doch der Präsident denkt nicht dran. Er werde in Ägypten sterben, beschied er trotzig. Er sei schließlich Soldat.

Zu einer möglichen Flucht in ein deutsches Krankenhaus erklärte sein Stellvertreter Omar Suleiman: "Wir bedanken uns für das Angebot aus Deutschland, aber der Präsident braucht keine medizinische Behandlung."

Palast im DDR-Charme

Husni Mubarak ist ein Rätsel. Was treibt diesen Mann an? Wie tickt er? Warum steht er so eisern jede Krise durch?

Wahrscheinlich ist es mehr als verletzter Stolz, der Mubarak im Land hält. Auch sein Ego steht ihm im Weg: Er hält sich für unverzichtbar.

Husni Mubarak war nie ein Populist, er scheut öffentliche Auftritte. Doch angesichts der Gewaltausbrüche im Land konnte er nicht einfach schweigen - es hätte ausgesehen, als habe er die Kontrolle schon verloren. Zwei Mal wandte er sich deshalb in den vergangenen Wochen per Staats-TV an sein Volk, zwei Mal versprach er Reformen, betonte seine persönlichen Verdienste und lehnte einen Rücktritt ab.

Der US-Journalistin Christiane Amanpour gewährte er in der vergangenen Woche ein Interview. Sie erhielt seltene Eindrücke in seine Trutzburg in Heliopolis.

Auf den Fluren des Palasts, ganz im DDR-Charme eingerichtet, herrschte gähnende Leere, beschrieb Amanpour die Atmosphäre. Ein paar Mitarbeiter blickten ab und an aus ihren Büros, doch vom ansonsten so geschäftigen Treiben im Inneren des Gebäudes sei diesmal nichts zu sehen gewesen. Nicht einmal Tee sei gereicht worden, berichtete Amanpour: "Die Stimmung schien angespannt, die Mitarbeiter verströmten ein Gefühl der Herrschaftsdämmerung." Der Machthaber habe "müde, aber gesund" gewirkt. Er habe nach Jahrzehnten im Staatsdienst die Nase voll, ließ er sie wissen. "Aber trete ich jetzt zurück, bricht Chaos aus."

"Immer vorsichtig und konservativ"

Chaos, Unsicherheit, Kontrollverlust: Das sind die Urängste des Husni Mubarak. Er gelangte 1981 nur ins Amt, weil der neben ihm stehende Präsident Anwar al-Sadat erschossen wurde. Mubarak zog daraus Konsequenzen: Stabilität um jeden Preis wurde zum Motto seiner Herrschaft. Er sieht sich als Mensch gewordenes Bollwerk gegen einen islamistischen Umsturz, als Garant des Friedens mit Israel, den er für strategisch unabdingbar hält, als eine Art Steuermann, der Ägypten noch sicher um jede Klippe geschifft hat. Zugeständnisse gelten ihm als Zeichen von Schwäche, sagen Beobachter in Kairo.

Der ehemalige Kampfjet-Pilot sei "immer vorsichtig und konservativ gewesen, immer habe er Stabilität dem Wandel vorgezogen", schreibt auch der ehemalige CIA-Analyst Bruce Riedel, der Mubarak schon bei dessen Machtantritt 1981 für den US-Geheimdienst interpretierte. Nur selten sei der Präsident ein Risiko eingegangen. Emotionalität sei ihm fremd. Mubaraks Kaltblütigkeit sei so sprichwörtlich, dass die israelische Armee sie in der Vergangenheit bei militärischen Entscheidungen in ihr Kalkül einbezogen habe. Seine Sturheit habe ihn zum begehrten Verbündeten gemacht.

"Wie Science Fiction"

Mira Tzoreff, Ägypten-Spezialistin am Mosche Dayan Center für Nahost-Studien der Tel Aviver Universität, glaubt indes, dass Mubarak gerade dieses enorme Beharrungsvermögen zum Verhängnis geworden ist: Wieder einmal habe der Ägypter bewiesen, dass er kein Mann sei, der vorausdenke oder Probleme proaktiv angehe: "Er hat zu spät zu wenig getan, um die Krise abzuwenden", so Tzoreff. Die Forderungen der Prostestierenden nach Reformen hätten seit Jahren auf dem Tisch gelegen. Doch Mubarak habe sich entschieden, sie zu ignorieren.

Entsprechend schockiert, berichten Palast-Insider, erlebte er den Ausbruch der Revolte. Die Rücktrittsforderungen, berichtet ein Mitglied seines innersten Zirkels, hätten ihn völlig aus der Fassung gebracht. Er sei "richtig ungläubig" gewesen und habe die Vorgänge "für eine Art Science Fiction" gehalten.

Mittlerweile, heißt es aus seiner Umgebung, habe Mubarak sich wieder erholt - anders als sein Sohn Gamal, der als möglicher Nachfahre gegolten hatte und jetzt "noch fahriger und verunsicherter wirkt als der Papa, der wieder ganz Luftwaffengeneral ist".

Doch auch Mubarak, so die Insider, nehme die Ereignisse in Ägypten derzeit nur selektiv wahr. Er sei nicht mehr rundum informiert. Seine Schranzen gaukelten ihm vor, bald werde wieder alles mehr oder weniger so sein wie vorher. Das allerdings, sagen die Quellen, glaube selbst Mubarak nicht mehr.

Der Gestus eines Patriarchen

Entsprechend muss es ihm derzeit vorkommen, als gehe sein Land vor die Hunde. Dass er einen Teil der Macht an einen neu bestallten Vizepräsidenten übergeben musste, der nun auch noch mit der Opposition verhandelt, widerspricht Mubaraks Vorstellung davon, wie ein Land wie Ägypten geführt werden muss.

Schon vor Jahren behauptete er laut vertraulichen Depeschen US-Diplomaten gegenüber: "Ich habe die Pforten der Freiheit so weit aufgesperrt wie nur möglich." Im April 2009 sagte er einer anderen US-Delegation mit Blick auf den Irak: "Meine lieben Freunde, Demokratie im Irak bedeutet Tote." Die Iraker bräuchten einen "sehr harten Führer", sie würden sich "einem demokratischen Führer nicht unterwerfen." Die Vermutung liegt nahe, dass er sein eigenes Volk nicht völlig wesensverschieden einschätzt.

Die Opposition und die Demonstranten betrachten diesen patriarchalischen Gestus wie eine Art professionelle Deformation des Langzeitautokraten. "Mubarak belügt das ägyptische Volk, solange ich denken kann. Jetzt tut er so, als sei er der Garant für Frieden und Stabilität. Als sei die einzige Alternative zu ihm Chaos", sagt zum Beispiel der Maschinenbaustudent Ahmad Salah.

Mubarak fühlt sich vom Volk verraten

Die meisten Ägypter haben nie ein anderes Staatsoberhaupt erlebt. Sie kennen Mubarak nur zu gut. Dass er ins Exil geht, halten viele, insbesondere nach den TV-Ansprachen, für unwahrscheinlich. Der Lebensmittelhändler Gamal Sallam etwa hat mitbekommen, dass deutsche Politiker darüber diskutierten, ob Mubarak nicht über den Umweg einer medizinischen Behandlung in Baden-Baden elegant aus dem Verkehr gezogen werden könnte - aber er hält es für eine Phantomdiskussion.

Mubarak bleibt eisern. Der Präsident behauptet, es sei ihm egal, was die Leute dächten, er denke nur an sein Land. Eine solche Aussage passt zu ihm. Sie deutet an, dass er sich von seinem eigenen Volk verraten fühlt.

Aber ein Ägypten ohne Mubarak kann und will Mubarak sich trotzdem nicht vorstellen. Vermutlich wird er versuchen, die kommenden Monate als eine Art Palastgespenst auszusitzen, bis ein neuer Präsident gewählt ist. Das tägliche Geschäft, das deutet sich an, geht unterdessen Stück für Stück in die Hände seines neuen Vize Omar Suleiman über. Die meisten Kontakte der US-Regierung in Ägypten, berichtet die "New York Times", laufen schon jetzt über den Ex-Geheimdienstchef.

Möglicherweise ist Husni Mubarak am Ende eher bereit, auf Macht zu verzichten als auf den Respekt, der ihm seiner Meinung nach zusteht.

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