Präsidenten-Vermächtnis Republikaner rechnen mit Bush ab

Die Republikaner in Angst: Sie fürchten am Wahltag nicht nur den K.o. ihres Kandidaten John McCain, sondern auch ein Debakel im Kongress. Die Schuld geben sie dem unpopulären Noch-Präsidenten. Die Abrechnung mit den Fehlern der Ära George W. Bush erfasst auch die eigene Partei.

Von , Washington


Washington - Es kann nicht gut um einen republikanischen Präsidenten bestellt sein, wenn Oliver Stone sein bester Freund zu sein scheint. In den US-Kinos läuft derzeit "W.", das neueste Werk des linken Filmregisseurs. Stone schildert George W. Bush als erstaunlich komplexe Persönlichkeit: getrieben von der Suche nach Anerkennung durch den übermächtigen Vater, unterschätzt von vielen. In zahlreichen Szenen zeigt sich Sympathie: Ist Bush vielleicht doch ein ganz netter Kerl?, scheint Stone zu fragen.

Noch-Präsident George W. Bush (Ende Oktober in Washington): "Wie sind wir in diesen Schlamassel geraten?"
AP

Noch-Präsident George W. Bush (Ende Oktober in Washington): "Wie sind wir in diesen Schlamassel geraten?"

Auf soviel Sympathie trifft der Präsident in diesen Tagen sonst kaum noch - eine Woche vor der Abstimmung über seinen Nachfolger im Weißen Haus.

Die Anhänger von Barack Obama jubeln am lautesten, wenn ihr Kandidat ruft: "Wir können uns vier weitere Jahre George-W.-Bush-Politik einfach nicht leisten." Die Republikaner-Veranstaltungen klingen ähnlich verheerend für den Präsidenten. "Ich bin nicht George W. Bush", lautet McCains Kampf-Slogan für den Schlussspurt. In einem neuen Werbespot spricht er direkt in die Kamera: "Die vergangenen acht Jahre haben nicht so gut geklappt." Im Interview mit der "Washington Times" leiert McCain eine Litanei der Kritik herunter: "Wir haben die Dinge völlig aus dem Ruder laufen lassen."

Dass der Republikaner-Bewerber sich von einem Vorgänger abgrenzt, dessen Negativwerte nur noch mit dem Watergate-Schurken Richard Nixon konkurrieren, mag noch verständlich erscheinen - zumal McCain Bush 2000 in einem schmutzigen Vorwahl-Duell unterlag. Doch er ist längst nicht mehr alleine in seiner Partei.

Die Republikaner fürchten neben der Niederlage im Präsidenten-Duell auch ein Debakel bei den Kongresswahlen. Diese Aussicht treibt viele zur Abrechnung mit dem unpopulären Präsidenten. Zu alarmierend sind die Zahlen: Die Demokraten könnten neben einer klaren Mehrheit im US-Repräsentantenhaus auch mehr als 60 von 100 Senatssitzen gewinnen, was ihnen weitgehend freie Hand ließe. Manche Republikaner machen für das drohende Desaster zwar McCains Zickzack-Wahlkampf verantwortlich, doch sie wissen auch: McCains größtes Problem heißt Bush.

"Wie sind wir in diesen Schlamassel geraten?", fragt Rechten-Vordenker Newt Gingrich. "McCain könnte so deutlich verlieren, dass er die ganze Republikanische Partei mit in den Abgrund nimmt", unkt Ex-Bush-Redenschreiber David Frum in der "Washington Post".

Konservative Wortführer fragen: Sind die Republikaner für moderate Amerikaner unwählbar geworden, weil sich Bush und sein Wahlkampfguru Karl Rove auf die evangelikalen Rechten fixiert haben? Sind diese Vertreter des erzkonservativen Flügels wie Vize-Kandidatin Sarah Palin ein "Krebsgeschwür" der Republikaner, wie der konservative "New York Times"-Kolumnist David Brooks zürnt? Hinterlässt Bush nach acht Regierungsjahren eine zerstörte Partei?

Woodward: Fallbeispiel für einen lausigen Staatschef

Mancher Frust-Protest mag Wahlkampftaktik der Republikaner sein. Sie wollen Wähler daran erinnern, dass ein Demokraten-Triumph auf der ganzen Linie das System der "checks and balances", der gegenseitigen Kontrolle, in Washington aushebeln könnte - das Amerikanern so am Herzen liegt. Einige Kritiker wie Gingrich bringen sich einfach schon in Stellung für den nächsten Wahlkampf. Übrigens wohl auch Sarah Palin, die zum Frust des McCain-Teams schon kräftig an ihrer eigenen politischen Zukunft zu werkeln scheint.

Nicht-Republikaner rechnen noch härter mit der Hinterlassenschaft Bushs ab: Star-Staatsanwalt Vincent Bugliosi hat eine Anklageschrift gegen Bush wegen vielfachen Mordes vorgelegt. "Watergate"-Enthüller Bob Woodward, der Bush zu ausführlichen Interviews für sein neuestes Buch traf, nennt ihn ein Fallbeispiel für einen lausigen Staatschef.

Wie werden Historiker in zehn Jahren urteilen? In 20 oder 50? Einige US-Intellektuelle stellen Bush ein erstaunlich gnädiges Zeugnis aus. Fareed Zakaria von "Newsweek" schrieb vor kurzem eine Titelgeschichte: "What Bush Got Right". Dessen Außenpolitik sei in der zweiten Amtszeit pragmatisch und vernünftig gewesen: Etwa im Umgang mit Nordkorea oder Iran, in der Reaktion auf die jüngste Georgien-Krise - inzwischen sind die USA in Afghanistan sogar zu Gesprächen mit den Taliban bereit.

Auch die europäischen Verbündeten erlebten seit der Wiederwahl eine Charme-Offensive - obwohl die laut Meinungsumfragen Europas Bürger wenig beeindruckte. Für weitsichtige Asienpolitik oder Milliardenprogramme zur HIV- und Armutsbekämpfung in Afrika erhielt der umstrittene Präsident wenig Lob.

Andere Verteidiger Bushs glauben, er habe die USA vor einer weiteren Großattacke wie am 11. September 2001 bewahrt. Selbst ein Präsident Obama dürfte an Bushs Grundsatzentscheidung für massive Erhöhungen des Militärbudgets und einen weltweiten Kampf gegen Terroristen kaum rütteln. US-Historiker Edward Luttwak sieht in Bush gar einen "Truman unserer Zeit". Truman, aus einfachen Verhältnissen stammend und oft ungelenk auf der Weltbühne, gilt Historikern heute als ein großer Präsident. Den Truman-Vergleich mag Bush selber.

Truman aber half anderem mit dem Bretton-Woods-Abkommen, eine neue Nachkriegswirtschaftsordnung zu schmieden. In Bushs Amtszeit aber fällt die schlimmste Finanzkrise der USA seit der Großen Depression. Auch ein Wahldebakel für die Republikanische Partei dürfte sein Vermächtnis belasten. Schon vergleichen ihn Republikaner mit Rechtsaußen-Kandidat Barry Goldwater, der 1964 moderate Wähler in Scharen zu den Demokraten trieb (was allerdings auch eine Neuausrichtung der Konservativen auslöste).

Ob Bush die Furcht vor dieser Art Erbe umtreibt? Wird er sich nach dem Auszug aus dem Weißen Haus um Rehabilitierung bemühen wie manche seiner Vorgänger? Watergate-Buhmann Nixon buhlte über Jahrzehnte um Abbitte, in Büchern, Vorträgen, Diskussionsbeiträgen. Demokrat Jimmy Carter, auch als enttäuschender Präsident in Erinnerung, organisierte Friedensmissionen in aller Welt, für die er den Nobelpreis gewann.

Bush wiederholt in Interviews meist nur, die Geschichte werde ihr Urteil fällen. Vor rund einem Jahr gewährte er aber dem Journalisten Robert Draper ungewohnt offene Einblicke in seine Zukunftspläne. Bei den Vereinten Nationen, beteuerte Bush, werde man ihn bestimmt nicht sehen. Seine Pläne stattdessen: "Ich kann mir einfach vorstellen, das Auto zu nehmen, mich ein bisschen zu langweilen - und zur Ranch zu fahren." Ach, ja und: Reden halten, gegen stolzes Honorar. "Um die Geldkoffer aufzufüllen."



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