Präsidentenkür Nigeria hofft auf "beste Wahl aller Zeiten"

Die Wahllokale konnten schließen, ohne dass schon ein Sieger feststand: Bei ihrer Präsidentenwahl freuen sich die Nigerianer über ungewohnte Normalität - und wollen Vorbild für den Rest des Kontinents werden.


Abuja/Hamburg - Er kam durch Zufall an die Macht - und hat gute Chancen, sie zu behalten: Goodluck Jonathan gilt als Favorit bei den Präsidentenwahlen in Nigeria. Rund 73,5 Millionen Wähler waren am Samstag in Afrikas bevölkerungreichstem Land zur Stimmabgabe aufgerufen. Der frühere Vize-Präsident Jonathan war erst vor einem knappen Jahr als Staatschef vereidigt worden, nachdem er den schwer erkrankten Präsidenten Umaru Yar'Adua bis zu dessen Tod zunächst kommissarisch vertreten hatte.

Überschattet wurde die Abstimmung - wie schon die Parlamentswahlen in der vergangenen Woche - von mehreren Bombenanschlägen. Dabei kamen aber offenbar keine Menschen zu Schaden. Nachdem frühere Wahlen regelmäßig von Korruptionsvorwürfen überschattet worden waren, bewerteten Beobachter und Bürger den Wahlverlauf überwiegend positiv.

"Es gibt mittlerweile keine Manipulationsversuche mehr", sagte ein 46 Jahre alter Kaufmann vor einem Wahllokal in der Hauptstadt Abuja. "Immer mehr Menschen sind sich ihrer Rechte bewusst." Im Vorfeld der Abstimmung hatte vor allem die Ernennung des Wissenschaftlers Attahiru Jega zum Chef der Wahlkommission für zunehmendes Vertrauen in einen ordnungsgemäßen Ablauf des Urnengangs gesorgt.

Vertrauen in die Wahlleiter

Williams Beacher, ein Wähler in der nördlich gelegenen Stadt Kano, sagte der BBC, er vertraue den neuen Wahlleitern. "Bei früheren Wahlen wurde schon das Ergebnis verkündet, bevor wir mit der Stimmabgabe fertig waren."

"Alles läuft gut", sagte auch ein Wahlleiter in der armen Region Borno dem britischen Sender. "Die Menschen kooperieren, es gibt Sicherheitskräfte, es gibt Wahlunterlagen. Ich glaube, das sind die besten Wahlen aller Zeiten."

Der Leiter einer Beobachtermission der Afrikanischen Union, Ghanas früherer Präsident John Kufuor, sagte, es habe zwar einige Problem gegeben. Er hoffe jedoch, dass diese von der Wahlkommission gelöst werden könnten. "Wenn Nigeria es hinbekommt, wird das für den gesamten Kontinent ein Vorbild sein und dem Rest der Welt zeigen, dass Afrika seine Wahlprozesse steuern kann."

Präsident Jonathan, dessen Wahl zum Vizepräsidenten ebenfalls umstritten gewesen war, präsentierte sich nach der Stimmabgabe als überzeugter Demokrat. Das Land erlebe nun "eine wahre Demokratie, in der die Politiker auf die Menschen zugehen". Er wolle den Ausgang der Wahl "nicht beeinflussen" und werde im Falle einer Niederlage abtreten. Zwar hoffe er auf eine Entscheidung in der ersten Runde - aber nur, weil Wahlen eine "kolossale Summe" verschlingen würden.

Vorwürfe vom Herausforderer

Jonathans aussichtsreichster Herausforderer, der frühere Militärmachthaber Muhammadu Buhari, warf ihm jedoch Manipulation vor. Er beklagte Fälschungsversuche in vielen Wahllokalen, über die sich die Menschen direkt vor Ort beschwert hätten. Zudem habe das gegnerische Lager vorab zahlreiche Stimmzettel zu Gunsten Jonathans ausgefüllt.

Jonathan ist ein Christ aus dem Süden des Landes, während sein Herausforderer Buhari vor allem im muslimischen Norden zahlreiche Anhänger hat. Ein weiterer Kandidat ist der frühere Anti-Korruptions-Aktivist Nuhu Ribadu, der für die Oppositionspartei Action Congress ins Rennen geht. Beobachter erwarteten jeoch, dass keiner der Bewerber in der ersten Runde eine ausreichende Mehrheit erhält und eine Stichwahl nötig wird.

Ganz ohne Manipulationsversuche lief die Wahl offenbar tatsächlich nicht ab: Im Norden des Landes versuchten nach Informationen der Nachrichtenagentur AP auch Kinder in Erwachsenenkleidung, ihre Stimme abzugeben. Die örtlichen Führer hätten die Kinder in der lokalen Sprache Hausa aufgefordert, zurück in die Schule zu gehen - aber nur bis der AP-Reporter verschwunden sei.

dab/dapd/AP/AFP

insgesamt 6 Beiträge
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Rockker, 16.04.2011
1. ...
Mit der Demokratie und politischen Stabilität wird es in Nigeria nie klappen. Die Spannungen und Konflikte zwischen der muslimischen und der christlichen Hälfte des Landes sind zu groß. Früher oder später wird es zu einer Spaltung des Landes kommen, und zwei Staaten sollen entstehen, das ist die einzige Lösung.
Ambermoon 16.04.2011
2. Willkommen, Ambermoon.
Ohne Sachkenntnis, nur ausgehend von diversen Artikeln über Nigeria während der letzten Jahre, bin ich da auch eher skeptisch. In Nigeria gilt m.E. das "Big Man"-Prinzip - mächtige Männer werden samt ihrer Macht und ihrer Mauscheleien akzeptiert, wie so oft in West- und Südafrika.
alaxa 16.04.2011
3. Afrika: Spielball internationaler Interessen.
Afrika ist Spielball der internationalen Interessen. Bei Veröffentlichung mehr dazu. MfG!
alaxa 16.04.2011
4. Nun denn.
Zitat von alaxaAfrika ist Spielball der internationalen Interessen. Bei Veröffentlichung mehr dazu. MfG!
Nun denn. Afrika ist im Visier anderer Staaten bzw. Interessenvertreter: "Der Westen", China, Russland und die muslimische Gemeinschaft. Überall dort, wo Interessen aufeinander stoßen, gibt es erfahrungsgemäß "Stress", siehe auch Kongo, Somalia, Sudan, Elfenbeinküste usw. Daher hatte ich geschrieben, dass es auch in Nigeria, trotz der "besten Wahl aller Zeiten" so einen "Stress" geben wird. Auch wenn ich das natürlich nicht begrüßen würde. Es lässt sich aber wohl kaum vermeiden, denn schon im SPON-Artikel ist von gewissen Interessen gewisser Leute zu lesen.
mardas 16.04.2011
5. Besser ist schon gut
Zitat von sysopDie Wahllokale konnten schließen, ohne dass schon ein Sieger feststand: Bei ihrer Präsidentenwahl freuen sich die Nigerianer über ungewohnte Normalität - und wollen*Vorbild für den Rest des Kontinents werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757517,00.html
Man kann nichts weiter tun als hoffen, allzuviel erwarte ich nicht, vor allem, wenn Jonathan die Kosten der Wahl hervorhebt, als seien sie unnötig oder schlecht. Doch selbst bei nur geringen Manipulationen und einer hoffentlichen Akzeptanz des Wahlsiegers trotz religiöser Separationen wäre schon ein großer Schritt getan und ich denke, das ist durchaus möglich.
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