Präsidentenwahl in Brasilien Grüner Shootingstar vermasselt Lula-Erbin den Durchmarsch

Die Entscheidung über die Nachfolge von Brasiliens Präsident Lula fällt erst im zweiten Wahlgang: Favoritin Rousseff hat in der ersten Runde die absolute Mehrheit verpasst und muss in die Stichwahl gegen Ex-Gouverneur Serra. Doch die wahre Gewinnerin ist schon jetzt Grünen-Kandidatin Silva.
Präsidentenwahl in Brasilien: Grüner Shootingstar vermasselt Lula-Erbin den Durchmarsch

Präsidentenwahl in Brasilien: Grüner Shootingstar vermasselt Lula-Erbin den Durchmarsch

Foto: Thays Cabette/ AP

Luiz Inácio Lula da Silva

Die heimliche Siegerin der brasilianischen Präsidentschaftswahlen heißt Marina Silva. Knapp 20 Prozent holte die Kandidatin der Grünen in ihrem ersten Anlauf auf das höchste Amt im Staat, mehr als sie in ihren kühnsten Träumen zu hoffen gewagt hatte. Ihre Wähler sind dafür verantwortlich, dass es in vier Wochen zur Stichwahl kommt. Silvas Anhänger werden darüber entscheiden, ob Dilma Rousseff, die Favoritin von Präsident , oder der Sozialdemokrat José Serra Anfang Januar in den Palácio do Planalto einzieht.

Rousseff hat knapp 47 Prozent erreicht, Serra knapp 33 Prozent. Beide Kandidaten werden jetzt die Grünen umwerben. Das Rennen ist offen: Marina Silva will ihre Wahlempfehlung von einer Abstimmung der Parteimitglieder abhängig machen.

Der politische Gegner habe so getan, als ginge es "bei dieser Wahl allein um eine Volksabstimmung" für oder gegen Präsident Lula, rief die ehemalige Umweltministerin ihren jubelnden oder vor Freude weinenden Anhängern in Sao Paulo zu: "Das haben wir nun durchbrochen. Im 21. Jahrhundert kann man keine Wahl ohne Programm gewinnen!"

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Brasilien: Kampf ums Präsidentenamt

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Das war eine Ohrfeige für Rousseff und Serra, die ihre Kampagne allein an der alles überragenden Figur Lulas ausgerichtet hatten. Als einzige Kandidatin führte Marina Silva einen programmatischen Diskurs mit den Wählern und griff ihre Gegner mit Argumenten an. In den letzten Tagen vor der Wahl, als zu spüren war, dass die grüne Sympathiewelle zu einer Lawine anschwellen würde, schlug sie schärfere Töne an. Sie wies darauf hin, dass Lula nicht alles ist in Brasilien, dass Millionen von Brasilianern vom neuen Präsidenten mehr erwarten als Armutsbekämpfung und Wirtschaftswachstum.

Marina Silva verkörpert die Träume der jungen, urbanen Wähler

"Marina Presidente!", skandierten ihre Anhänger in dem überfüllten Saal in Sao Paulo. Sie strahlte über das ganze Gesicht und spreizte die Finger zum Sieges-V. Ihre schmale, zierliche Gestalt steckte in einem weißen Hosenanzug, die Haare hatte sie straff zum Knoten gerafft, bevor sie sprach, setzte sie eine elegante Designerbrille auf.

Die ehemalige Gummisammlerin aus dem Amazonas-Gebiet ist das Gesicht des modernen, jungen Brasiliens. Sie verkörpert die Träume, Wünsche und Forderungen von rund 20 Millionen zumeist jungen, gut ausgebildeten und urbanen Wählern, die sich in Rousseff und Serra nicht wiedererkennen. In Rio de Janeiro, das immer schon ein Herz für Rebellen und Außenseiter hatte, überrundete sie Serra und schaffte sogar den zweiten Platz nach Rousseff. In Sao Paulo, Belo Horizonte und den meisten anderen Millionenmetropolen des brasilianischen Südostens, der dichtbesiedeltsten und reichsten Region des Landes, erreichte sie zum Teil weit über 20 Prozent.

Für Dilma Rousseff dagegen bedeuten 47 Prozent in Wahrheit eine Niederlage. War es ihr ungeschicktes Verhalten in einem Korruptionsskandal um eine ehemalige enge Mitarbeiterin, das sie Stimmen kostete? Oder waren die Wähler den Hochmut leid, den nicht nur Rousseff, sondern auch ihr Schöpfer und Übervater Lula in den vergangenen Tagen zeigten?

Die Schlacht um Brasilien wird nicht im armen Nordosten entschieden, wo Rousseff dank Lula in einigen Regionen über 80 Prozent einfahren konnte. Das Herz Brasiliens schlägt im entwickelten Südosten, in Sao Paulo, Rio und Minas Gerais, wo Lulas Arbeiterpartei sich traditionell schwer tut. Sao Paulo und Minas Gerais sind in der Hand der sozialdemokratischen Opposition PSDB geblieben, ihre Kandidaten haben die Gouverneurswahlen gestern im ersten Anlauf gewonnen.

Als Merkel Lula besuchte, trat Marina Silva zurück

Spät in der Nacht trat Dilma Rousseff in Brasília vor die Presse, die Phalanx der Regierungspolitiker, die sie eskortierten, machte bedrückte Gesichter, ihre Enttäuschung war nicht zu übersehen. Rousseff versprach mehr Konsum, weniger Armut und ein besseres Gesundheitssystem, es ist das Leitmotiv ihres Wahlkampfs. Umweltschutz, Klimawandel und andere grüne Themen kommen bei ihr nicht vor, sie hat keinen Sinn für Ökologie. Sie wirkte müde und abgespannt, der Wahlkampf hat sie geschlaucht, die nächsten vier Wochen werden eine physische und psychische Härteprobe für die Kandidatin.

Doch der eigentliche Verlierer dieser Wahl heißt Lula. Womöglich hat er sich von seiner eigenen Hybris blenden lassen: Brasiliens Wähler sind eben doch kein Stimmvieh, das bedingungslos dem Leitbullen folgt. Lulas größte Hoffnung ist jetzt das schwache Abschneiden José Serras: Der Sozialdemokrat ist für die Grünen nicht viel attraktiver als die Technokratin Rousseff. Auch er verlor kein Wort über Ökologie, als er nach Mitternacht vor die Presse trat. "Leichten Herzens" marschiere er jetzt auf den Sieg zu, versicherte er. Doch vorher muss er die Herzen der Anhänger Marina Silvas gewinnen.

Lulas Erbe, so zeigt sich jetzt, wurde womöglich an einem sonnigen Maientag im Jahr 2008 in Brasília entschieden, als der Präsident Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Staatsbesuch begrüßte. Vor dem Treffen mit Merkel rief ihn seine Umweltministerin Marina Silva an und kündigte ihren Rücktritt an.

Sie war des ewigen Streits mit der damaligen Kabinettschefin Dilma Rousseff überdrüssig. Lula hatte Rousseff die Verantwortung für zahlreiche Großprojekte im Amazonas-Gebiet übertragen, ökologische Bedenken schob er beiseite. Zuvor hatte er bereits die strategische Planung für die Nutzung des Regenwalds einem neuen Strategieminister anvertraut, der wollte das empfindliche Ökosystem am liebsten industrialisieren und dem Militär unterstellen.

Mehrmals schon hatte Marina Silva mit Rücktritt gedroht, doch Lula überredete seine alte Weggefährtin zu bleiben. Er brauchte sie, sie verlieh seiner Regierung Glanz und umweltpolitische Kompetenz. Doch in der Sache blieb er unnachgiebig. Wachstum ging ihm immer vor Umweltschutz, die Agrarlobby liebt ihn dafür.

Während Lula Merkel empfing, mühten sich seine Mitarbeiter, die Grüne noch einmal umzustimmen. Doch es war zu spät, sie hatte jede Hoffnung verloren, dass sie in der Regierung noch etwas erreichen könnte. Damals reifte in ihr der Entschluss, einen Alleingang zu wagen, selbst das Präsidentenamt anzustreben.

Gestern ist sie ihrem Traum von einem grünen Brasilien einen großen Schritt näher gekommen.