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Marina Silva: Grüne Kämpferin

Foto: PAUL SAKUMA/ ASSOCIATED PRESS

Präsidentenwahl in Brasilien Kampf um Lulas Erbe

Lula da Silva ist der Held der Armen - darf bei der Präsidentenwahl in Brasilien aber nicht mehr antreten. Von den Kandidaten der großen Parteien hat jedoch niemand so viel Charisma wie er. Die Abstimmung könnte deshalb mit einer Überraschung enden.

Die Mitglieder des Yachtclubs von Rio de Janeiro sind kein leichtes Publikum für Ex-Guerilleros und Ökologen. Auf der Veranda mit Blick auf Zuckerhut und Guanabara-Bucht sitzen gut situierte Ehepaare zumeist älteren Semesters, die meisten stehen den Konservativen näher als Brasiliens bunter Grünen-Partei und ihrer Kandidatin Marina Silva.

Doch an diesem sonnigen Vormittag entdeckt der Geldadel der früheren Hauptstadt sein Herz für die einstige Umweltministerin. Damen in teuren Kostümen erheben sich von ihren Plätzen, zücken ihre Handys und lassen sich mit der Kandidatin fotografieren. "Sie sieht viel besser aus als im Fernsehen", flüstert eine.

Marina Silva ist eine zarte, schmale Frau mit großen Augen, die tief in dunkel umrandeten Höhlen liegen. Ihre Stimme ist heiser vom Wahlkampf, sie trägt ein schlichtes weißes Kostüm und einen bunten Schal. Sie stammt aus einer armen Familie aus dem fernen Amazonas-Bundesstaat Acre, vor ihrer Politikkarriere schlug sie sich als Hausmädchen und Gummisammlerin durch. Nonnen retteten sie vor dem Tuberkulosetod.

Brasiliens Präsidentschaftswahlkampf

Bis zu ihrem Wechsel zu den Grünen war Silva die wichtigste Vertreterin des basisdemokratischen, linken und ökologischen Flügels der Arbeiterpartei PT, der auch Präsident Lula angehört. Jetzt fordert sie die Regierung heraus: Ihr Aufstieg ist das interessanteste Phänomen in .

Vom Aushängeschild zur Konkurrentin

Kommt es am kommenden Sonntag womöglich zu einem Duell der Frauen? In Rio hat Silva in Umfragen bereits den ehemaligen Gouverneur von Sao Paulo, José Serra, abgehängt, der bislang an zweiter Stelle lag. Jetzt hofft sie, dass Lulas Favoritin Dilma Rousseff die absolute Mehrheit verfehlt und in vier Wochen zur Stichwahl antreten muss.

In den letzten Umfragen fällt Rousseff zurück, der Sieg im ersten Wahlgang scheint nicht mehr sicher. Bei einer Stichwahl würde ihr Gegner wahrscheinlich Serra heißen, aber die heimliche Siegerin wäre Marina Silva: Die Stimmen der grünen Wählerschaft wären entscheidend, beide Kandidaten müssten die Ökologin umwerben.

Präsident Lula da Silva

Vor zwei Jahren war Marina Silva vom Amt der Umweltministerin zurückgetreten. gebrauchte sie gern als grünes Aushängeschild auf internationalen Konferenzen, in der Sache konnte sie jedoch kaum etwas bewegen: Der Präsident hatte ihre Kompetenzen systematisch ausgehöhlt. Seine Lieblingsfrau in der Regierung war die damalige Kabinettschefin Rousseff, eine energische Technokratin, die bislang nicht durch besonderes Interesse für Umweltfragen aufgefallen ist.

Rousseff hat all jene Großprojekte der Regierung Lula angeschoben, die Ökologen kritisieren: Staudämme, Kraftwerke, Straßenbau und den Ausbau von Biokraftstoffen. Sie war die mächtigste Politikerin im Regierungspalast, nur Lulas Ehefrau hat mehr Einfluss auf den Präsidenten. Aber Rousseff saß auch an der Schnittstelle von Staat und Wirtschaft, einer ewigen Quelle von Intrigen und Skandalen. Vor einer Woche wurde bekannt, dass ihre engste Mitarbeiterin Freunde und Verwandte mit wichtigen Posten versorgt hat. Einige aus der Sippschaft sollen bei der Vergabe von Staatsaufträgen mitkassiert haben.

Filz im riesigen Staatsapparat

Korruption und Nepotismus gelten als das größte Handicap der Regierung Lula. Der riesige brasilianische Staatsapparat ist kaum noch zu überblicken. Lula hat Zehntausende Funktionäre der Arbeiterpartei PT mit Ämtern und Pöstchen bedacht, sie sind zum Teil für Milliardenetats verantwortlich. Der Filz gedeiht, immer undurchsichtiger wird das Geflecht aus öffentlichen, politischen und privaten Interessen.

Brasiliens

Für die Kandidatur von Rousseff hat Lula zudem das Regierungsbündnis mit der Zentrumspartei PMDB ausgebaut. Ein Pakt mit dem Teufel: Die größte Partei hat keinerlei ideologische Grundlagen, aber sie ist berüchtigt für Vetternwirtschaft und Ämtergier, viele ihrer Politiker sind in Korruptionsskandale verwickelt. Lula gilt zwar als Teflon-Präsident, alle Skandale prallen an ihm ab. Doch Rousseff fehlt dieser Schutzmantel, sie ist angreifbar. Brasiliens Medien durchforsten seit Wochen die Vergangenheit der Ex-Ministerin auf potentielle Skandale.

Je mehr Schmutz die Presse aufdeckt, desto heller strahlt der Stern von Marina Silva. Sie ist der Darling der Medien, eine Mutter Teresa der brasilianischen Politik. Ihr Lebenslauf ist makellos, weltweit wird sie wegen ihres unermüdlichen Kampfes gegen Abholzung und Umweltverschmutzung verehrt. In einem geschickten Schachzug hat sie einen bekannten Unternehmer als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten gewonnen, so hat sie Zugang zu Bankern und Managern. Künstler und Intellektuelle unterstützen sie; es gilt als schick, für Marina zu sein. Gerade hat Supermodel Gisele Bündchen verkündet, dass sie für die Grüne stimmen wird.

In Lulas Partei werden bereits die Messer gewetzt

Fernando Henrique Cardoso

Neben der smarten Ökokandidatin wirken Rousseff und Oppositionskandidat Serra wie Figuren der Vergangenheit. Beide haben ähnliche Biografien, sie sind geprägt vom Kampf gegen die Militärdiktatur in den sechziger und siebziger Jahren. Serra war in den sechziger Jahren Führer der brasilianischen Studentenbewegung, er lebte jahrelang im Exil in Chile. Nach seiner Rückkehr trat er der sozialdemokratischen Partei PSDB bei, der auch Lulas Vorgänger angehört.

Als Wahlkämpfer ist der Ex-Gouverneur von Sao Paulo jedoch ein Desaster: Er wirkt ewig schlecht gelaunt, besitzt keinerlei Charisma und giftet gern Journalisten an. Monatelang zögerte er, bis er seine Kandidatur bekanntgab, gleichzeitig blockierte er aussichtsreichere Anwärter. Bislang hat er nicht deutlich gemacht, was er anders machen will als der gefeierte Lula.

Immer wieder beteuert Serra, dass er an den Sozialprogrammen der Regierung nicht rütteln wird, auch die Wirtschaftspolitik kritisiert er kaum. In ihrer Verzweiflung ließen seine Wahlkampfmanager Videos mit Auftritten des Präsidenten ausstrahlen: Sie hoffen, dass etwas von Lulas Charisma auf ihren Kandidaten abfärbt.

Nach acht Jahren im Amt ist Lula so beliebt wie nie zuvor, über 80 Prozent der Brasilianer sind mit seiner Amtsführung zufrieden. Millionen Habenichtse sind unter seiner Regierung aus der Armut aufgestiegen. Der ehemalige Schuhputzer und Metallarbeiter hat den Ausgeschlossenen ein Gesicht und eine Stimme verliehen. Sie sind stolz auf ihren Präsidenten, sie würden für ihn durchs Feuer gehen.

Lula braucht an seinem Denkmal nicht zu feilen, sein Platz in der Geschichte ist sicher, er steht wie ein Monument in der politischen Landschaft Lateinamerikas. Jetzt will er sicherstellen, dass sein politisches Erbe auch nach seiner Amtszeit erhalten bleibt. Sein Wunsch-Nachfolger war der ehemalige Wirtschaftsminister Antonio Palocci, doch der ist in einen Korruptionsskandal in seiner Heimatstadt verstrickt.

Das Manko der zweiten Wahl

Rousseff war Lulas zweite Wahl, dieses Manko haftet ihr immer noch an. Er hat sie gegen erbitterten Widerstand in seiner Partei durchgesetzt, sie ist der Arbeiterpartei PT erst vor wenigen Jahren beigetreten. Neben dem begnadeten Redner Lula wirkt sie blass und verkrampft. Sie verheddert sich gern in langen Sätzen, ihr fehlen Verve und Charisma. Bei ihren Mitarbeitern gilt sie als schwierig und autoritär, Widerspruch kann sie nicht ertragen.

Marketingexperten, Medienberater und Schönheitschirurgen haben in den vergangenen Monaten versucht, aus der eisernen Lady eine Mutter der Nation zu formen. Lula ist monatelang mit ihr kreuz und quer durchs Land gereist, um sie dem Wahlvolk vorzustellen. Anfangs hielten viele sie für seine Frau, jetzt ist sie als "Lulas Kandidatin" bekannt. Wie ein Mantra wiederholt sie bei jedem Auftritt den Namen des Präsidenten.

Doch wie wird sie das Riesenland führen, wenn ihr Übervater nicht mehr die schützende Hand über sie hält? In den Hinterzimmern der PT werden schon die Messer gewetzt, es gibt viele offene Rechnungen zu begleichen. Vor allem der linke Parteiflügel drängt an die Macht. Unter Lula mussten sie zurückstecken, Rousseff werden sie es nicht so leicht machen. Einen weiteren Aderlass frustrierter Basispolitiker will die Partei um jeden Preis vermeiden - zumal die meisten Dissidenten nicht lange heimatlos bleiben.

Die Grünen um Marina Silva sind zu einem Auffangbecken für all diejenigen geworden, die von dem Wachstumsfetischismus der Lula-Jahre enttäuscht sind. Die einstige Gummisammlerin aus dem Amazonas-Gebiet hat eine ähnlich faszinierende Biografie wie der Präsident, aber sie steht auch für das junge, moderne Brasilien, das sich in Lula nicht wiedererkennt.

Im Yachtclub von Rio hat sie es sogar geschafft, die Elite des alten Brasiliens für sich zu gewinnen. Die Kandidatin wird mit Applaus verabschiedet. Eine Dame faltet sorgfältig ein grünes Flugblatt zusammen und verwahrt es in ihrer Handtasche. Eigentlich wollte sie am Sonntag Serra wählen, aber nach Marina Silvas Auftritt will sie es sich noch einmal überlegen: "Ich bin auch Mitglied im Tierschutzverein", sagt sie. "Das passt doch ganz gut zu den Grünen."