Präsidentschaftskandidat Badnarik Der vierte Mann

Der Demokrat John Kerry fürchtet, im November wahlentscheidende Stimmen an den alternativen Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader zu verlieren. Doch auch Amtsinhaber George W. Bush muss sich Sorgen machen - der libertäre Regierungshasser und Waffennarr Michael Badnarik könnte im konservativen Lager wildern.


US-Präsidentschaftskandidat Michael Badnarik: Ich will, dass sich die Regierung aus meinem Leben heraushält
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US-Präsidentschaftskandidat Michael Badnarik: Ich will, dass sich die Regierung aus meinem Leben heraushält

New York - Wenn Michael Badnarik über die amerikanische Verfassung spricht, dann fangen seine Augen an zu leuchten. "Wir, das Volk, sind die Quelle aller politischen Macht", deklamiert der Präsidentschaftskandidat der Libertären Partei. "Und unsere Regierung", fügt der 49-jährige erregt hinzu, "bricht andauernd die Verfassung". "Man könnte meinen, dass wir der Regierung dienen, dabei verdankt sie uns ihre Privilegien, uns dem Volk".

Badnariks Sichtweise, die von einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Staat gekennzeichnet ist, stimmt mit der vieler amerikanischer Konservativer überein. "Ich will, dass sich die Regierung aus meinem Leben heraushält", ruft der Kandidat und haut dabei mit der Faust auf den Tisch, dass die Wasserflaschen vibrieren. "Die Gründerväter wären entsetzt, wenn sie sähen, wie aufgebläht unsere Regierung ist". Die Republikaner, sagt er, behaupteten, die Partei des small government zu sein. "Sie lügen", keift Badnarik.

"Republikaner sind betrunkene Seeleute"

Unabhängiger Kandidat Nader: Mann mit gewissem Kultstatus
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Unabhängiger Kandidat Nader: Mann mit gewissem Kultstatus

Jeder, der in den USA außerhalb der beiden großen Plattformen Politik macht, gilt als Sektierer. Aber während sich der grün-alternative Präsidentschaftskandidat Ralph Nader dank drei erfolgloser Kandidaturen zumindest einen gewissen Kultstatus erarbeitet hat, ist der Computerprogrammierer Badnarik bisher ein völliger Nobody. In den US-Medien taucht er kaum auf.

Auch diesmal wird es wieder nichts - Badnarik ist eigentlich nach New York gekommen, um in der Show des konservativen Talkmasters Bill O'Reilly aufzutreten. Doch der hat ihn kurz vor Aufzeichnung der Sendung wieder ausgeladen. Dennoch könnte der in Austin lebende Badnarik, seinem Mit-Texaner George Bush bei den Präsidentschaftswahlen einiges Kopfzerbrechen bereiten.

Politikwissenschaftler wie Lawrence Jacobs von der Universität Minnesota glauben, dass die Libertären den Republikanern deutlich mehr zusetzen werden als die Nader-Fraktion den Demokraten. Viele Konservative seien wütend auf Bush, weil der die Staatsfinanzen nicht mehr im Griff habe. Der libertäre Radiomoderator Gary Noaln formuliert das so: "Bisher haben die Konservativen (zu den Libertären) gesagt, ihr seid okay ... aber wenn ich nicht Bush wähle, dann kommen die Demokraten an die Macht und werden das Geld ausgeben wie betrunkene Seeleute." "Aber neuerdings", höhnt Nolan "verhalten sich die Republikaner ja auch wie betrunkene Seeleute."

Ein Punkt für Badnarik, der die Staatsausgaben drastisch senken will. Manch andere Position des Libertären dürfte dem Durchschnittsrepublikaner hingegen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Badnarik möchte den Fiskus (IRS) ebenso abschaffen wie die US-Notenbank Federal Reserve, weil er deren Existenz nicht von der Verfassung gedeckt sieht. Außerdem ist er für die totale Freigabe von Drogen, da deren Konsum jedermanns Privatangelegenheit sei. Unter Verweis auf die Freiheit des Individuums ist Badnarik außerdem für die Schwulenehe und für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche.

Waffen gegen die Tyrannei der Regierung

Badnarik: Fiskus und Notenbank abschaffen
SPIEGEL ONLINE

Badnarik: Fiskus und Notenbank abschaffen

Gefallen dürfte der konservativen gun lobby hingegen, dass sich der libertäre Kandidat kategorisch gegen jedwede Schusswaffenbeschränkung ausspricht. Badnarik, der aus Indiana stammt, ist unter anderem der laxen Waffengesetze wegen nach Texas gezogen. "Wer mir meine Waffen wegnehmen will, ist entweder böse oder irre", knurrt er. In Diktaturen, sagt Badnarik, würden immer zuerst die Waffen verboten. "Was wäre im Dritten Reich gewesen, wenn alle Juden bewaffnet gewesen wären? Denken sie an den Aufstand im Warschauer Ghetto!" Auch Maschinenpistolen und Sturmgewehre will Badnarik wieder zulassen. Ihr Verbot sei nicht durch die Konstitution gedeckt. Dazu zitiert er Thomas Jefferson: "Der wichtigste Grund, warum das Volk Waffen besitzen sollte, ist um sich gegen die Tyrannei der Regierung zu schützen."

Badnarik hat seine Verfassung oft und gründlich gelesen. In Austin lehrt er derzeit einen Kurs in Verfassungstheorie. Zu jedem politischen Thema kann er den entsprechenden Artikel präsentieren. Der Irak-Krieg? Dass der Kongress der Regierung einen Blankoscheck für den Feldzug ausgestellt habe, sei illegal. "Die Legislative hat nicht das Recht, der Exekutive die Entscheidung über Krieg und Frieden zu übertragen." Der Patriot Act? "Eliminiert teilweise die Bill of Rights." Neben Passagen aus der Konstitution hat er zudem stets ein Arsenal an klugen Sprüchen George Washingtons, John Lockes oder Frédéric Bastiats parat. Zum Beispiel, wenn es um Importzölle geht: "Wenn Güter die Grenzen nicht überqueren dürfen, dann werden es Soldaten tun."

Kandidat für Politologen

Im politologischen Seminar wäre Badnarik sicherlich ein Einserkandidat, aber kann er mit seinen Verfassungsdiskursen die Wähler mobilisieren? Badnarik macht sich nicht allzu viele Illusionen. "Die meisten Menschen interessiert das nicht", seufzt er und der Glanz in seinen Augen erlischt. "Wenn beim Superbowl ein Spieler sechs Zoll vor dem Ziel gestoppt würde und der Schiedsrichter trotzdem einen Touchdown gäbe, dann würden die Leute durchdrehen", sagt Badnarik, "sie würden die Stadt anzünden." Aber wenn jemand die Spielregeln der Verfassung breche, "dann regt sich leider niemand auf".

Deshalb will sich Badnarik im Wahlkampf auf Themen konzentrieren, die das Wahlvolk mehr umtreiben als die Feinheiten des fourth amendment. Er hat sich fest vorgenommen, die Öffentlichkeit nicht mit rechtswissenschaftlichen Vorträgen zu langweilen. Stattdessen will er zum Beispiel Gegner des von ihm abgelehnten Irak-Kriegs ansprechen. "Der Irak ist nicht das Land, das uns angegriffen hat. Afghanistan ist nicht das Land, das uns angegriffen hat, höchstens eine Gruppe in Afghanistan, wahrscheinlich Osama Bin Laden."

Selbst das hält Badnarik für nicht erwiesen. "Wir bekommen es immer und immer wieder im Fernsehen gesagt, dass Osama für 9/11 verantwortlich ist, aber wo sind eigentlich die Beweise?". Die Washingtoner Regierung habe bisher nichts vorgelegt. Wenn man aber jemanden anklage, selbst einen Terroristen, dann müsse man stichhaltige Beweise vorlegen und ein Gerichtsverfahren anstrengen, "nach Recht und Gesetz". Womit Michael Badnarik dann doch wieder bei der Verfassung angelangt ist.



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