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Präsidentschaftskandidat Prochorow Pokerface gegen Putin

Michail Prochorow ist der Shootingstar des russischen Wahlkampfs. In Internetumfragen kommt der kühle Milliardär knapp an Wladimir Putin heran. Doch wie stehen seine Chancen am Sonntag wirklich?
Von Anastasia Offenberg und Matthias Schepp

Michail Prochorow ist sonst eher für kühle Auftritte bekannt. Als der Künstler Pjotr Schagin jedoch das Tuch herunterreißt, das sein neuestes Gemälde verhüllt, huscht ein Lächeln über das Gesicht des Milliardärs. Das Bild im Art-Zentr, einer Galerie in St. Petersburg, zeigt den 46-jährigen neben Peter dem Großen, einem der bedeutendsten Zaren Russlands. Der Herrscher maß mehr als zwei Meter, auch Prochorow ist ein Zwei-Meter-Mann. Auf dem Gemälde trägt der Milliardär eine "Telnjaschka", ein weiß-blau gestreiftes Matrosenhemd. Er ist auf Augenhöhe mit dem russischen Herrscher dargestellt. Prochorow ist geehrt und gerührt.

Noch wenige Minuten zuvor hatte der Kandidat emotionslos von der Wichtigkeit der Kunst gesprochen: "Weder der Inlandsgeheimdienst FSB noch Panzer und Raketen ermöglichen die Integrität eines Staates", sagte er. Das könne nur die Kunst, befand Prochorow vor den versammelten Künstlern. Er wirkte kühl und abgehoben. Er zeigte das Pokerface, wie bei all seinen Auftritten. Seine Worte klangen wie auswendig gelernt - so als würde er immer noch für seine neue Rolle als Politiker üben.

Dennoch gilt Prochorow als Shootingstar im Wahlkampf. Anders als seine Rivalen ist der Milliardär unverbraucht und erst seit wenigen Monaten in der Politik. Der Rechtspopulist Wladimir Schirinowski, 66, tritt bereits zum fünften Mal bei Präsidentenwahlen an, Kommunistenführer Gennadij Sjuganow, 68, zum vierten Mal. Prochorow setzt deshalb auf sein jugendliches Image. Er spielt Basketball im Wahlkampf. Putin sieht neben ihm nicht nur klein aus, sondern alt. Und weniger durchtrainiert ist Russlands nicht mehr ganz so starker Mann auch.

In einer Internet-Wahlumfrage des größten russischen sozialen Netzwerks vkontakte.ru, an der eine halbe Million Menschen teilnahmen, kommt der Neu-Politiker sogar bis auf zwei Prozent an Putin heran: Putin erreicht 25,8 Prozent, Prochorow 23,8 Prozent. Auch unter den Zehntausenden, die auf den Straßen der russischen Hauptstadt gegen Putin und Wahlfälschungen demonstrieren, hat er Sympathisanten. Anderen gilt er dagegen als Kreml-Projekt: Putin habe Prochorows Kandidatur abgenickt oder diese gar initiiert, um die Protestbewegung zu besänftigen und zu schwächen.

Prochorow selbst hat zehn Prozent als Ziel ausgegeben und inzwischen die Gründung einer neuen Partei angekündigt, in der er demokratische und prowestliche Kräfte sammeln möchte. Der Neu-Politiker will offenkundig auch nach den Wahlen in der Politik bleiben.

Mega-Yacht und Maybach-Limousine

Prochorow lernt schnell, ist aber zu kurz in der Politik, um jedes Fettnäpfchen zu vermeiden. Im TV-Duell herrschte er den kommunistischen Duma-Abgeordneten Oleg Smolin an: "Sie haben wohl Augenprobleme und sehen mich nicht." Der Kommunist hatte versucht, Prochorow als politischen Zwerg hinzustellen. "Treten Sie näher. In Wirklichkeit bin ich ein Riese", parierte Prochorow schlagfertig. Das einzige Problem: Smolin ist blind. Für Prochorow ist es noch ein weiter Weg bis zum Politprofi.

Als Unternehmer hingegen hat der Multimilliardär nahezu alles erreicht. Die amerikanische Zeitschrift "Forbes" schätzt sein Vermögen auf 18 Milliarden Dollar. Wie viele russische Oligarchen kam auch er während der Privatisierung in den neunziger Jahren zu seinem Reichtum. Sein erstes Geld hat Prochorow angeblich mit der Produktion von Stonewashed-Jeans gemacht. Im Zuge der Privatisierung kaufte er dann die Mehrheit der Aktien des Bergwerksunternehmens Norilsk Nickel. Das Geschäft ermöglichte ihm sein Freund Wladimir Potanin, der damals als Vizepremier unter dem ersten Präsidenten Russlands, Boris Jelzin, für Privatisierungen zuständig war. Das Bergbaukombinat liegt im sibirischen Norilsk. Die Stadt hat rund 200.000 Einwohner, ihr Unternehmen Norilsk Nickel ist eines der größten und profitabelsten Unternehmen der Nickelbranche.

Als Generaldirektor machte Prochorow das Unternehmen zu einem Global Player. Es ging ihm um die "Internationalisierung" des Geschäftes, um "Wachstum" und "Wettbewerb" sowie um "Konkurrenzfähigkeit". Alles Worte, mit denen er nun seinen Wahlkampf bestreitet. Prochorow passte die Höhe der Gehälter an den Umsatz des Unternehmens an und sorgte mit dem von ihm gegründeten Kulturfonds für Unterhaltung und etwas Abwechslung in der sibirischen Arbeiterstadt. Im Wahlkampf versucht er sich nun als Visionär zu profilieren, indem er immer wieder auf seine Erfolge in Norilsk verweist.

Er selbst flog nur zu wenigen Kurzbesuchen in die Stadt. 2003 traten Gewerkschafter in einen Hungerstreik, um ihren Forderungen nach mehr Lohn Nachdruck zu verleihen. Prochorow ließ sich erst nach zwölf Tagen blicken. Den Streikenden rief er zu, dass er sich nicht erpressen lasse. Diese Härte hat Prochorow den Beinamen "eiserner Manager" eingetragen.

Das Nickelkombinat machte Prochorow reich. Außer einem 2000 Quadratmeter großen Palais unweit von Moskau gehören ihm noch drei Wohnungen in der russischen Hauptstadt und vor allem die Investmentholding Onexim, die Banken und Versicherungen kontrolliert. Das geht aus seiner Einkommenserklärung hervor, die jeder Präsidentschaftskandidat der Zentralen Wahlbehörde vorzulegen hat. Warum die Erklärung jedoch über seine riesige Yacht, zwei Privatjets, einen Maybach und einen New Yorker Basketballverein hinweggeht, würden auch russische Zeitungen gerne wissen.

Der Präsidentschaftskandidat Prochorow ist auf dem Papier ärmer als der Oligarch Prochorow. Das zumindest hat er mit den anderen Kandidaten gemein.

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