Präsidentschaftswahl im Libanon Freudenfeuer für Sieger Suleiman

Ende des Machtvakuums im Libanon: Das Beiruter Parlament hat Michel Suleiman mit klarer Mehrheit zum neuen Präsidenten gekürt. Die Wahl war monatelang ständig verschoben worden - jetzt hoffen viele auf eine Eindämmung der seit mehr als einem Jahr andauernden Krise.

Beirut - Mit Freudenschüssen feiern Anhänger in Amchit, der Geburtsstadt des neuen Staatsoberhauptes, ihren Helden: Das Parlament in Beirut hat den Heeresgeneral Michel Suleiman mit 118 von 127 Stimmen zum neuen libanesischen Präsidenten gewählt. Sechs Abgeordnete gaben leere Stimmzettel ab, drei Stimmen gingen an andere Kandidaten. Die Wahl des Nachfolgers von Émile Lahoud war seit November wegen der politischen und religiösen Zerstrittenheit der Parlamentsfraktionen insgesamt 19-mal verschoben worden.

Zahlreiche frühere Versuche, einen neuen Präsidenten zu wählen, waren am Widerstand der schiitischen Hisbollah und ihrer Verbündeten gescheitert. Das Land war seit Ende der Amtszeit von Präsident Émile Lahoud im vergangenen November ohne Staatsoberhaupt. Die Wahl war erst nach einer Einigung zwischen der prosyrischen Opposition und der westlich orientierten Regierung am Mittwoch in Doha möglich geworden. Sie ist ein wichtiger Schritt zur Beendigung einer 18-monatigen politischen Krise und blutiger Unruhen, die das Land zuletzt an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht hatten.

Das klare Wahlergebnis ist keine Überraschung, und so hatten die Libanesen schon mal vorgefeiert. Seit Freitag schmückten Plakate, Wimpel und Poster den Libanon. Der Küstenhighway nach Norden, wo die Geburtsstadt des frischgebackenen Präsidenten liegt, war vor lauter Landesfahnen Meer aus Rot, Weiß und Zederngrün. Alle paar Kilometer ein neuer Slogan, auf Plakatwänden dutzendfach kundgetan: "General Michel Suleiman, der Stolz der Nation!" oder "Seine Exzellenz der Präsident, wir grüßen dich!", wetteiferten die Gemeinden um die Gunst des neuen Staatschefs.

Andere Spruchbänder hielten ihre Freude allgemein: Gewonnen hat der Libanon! Morgen ist ein neuer Tag! Mögen die Märtyrer nicht umsonst gestorben sein! Dazu das Konterfei des 59-Jährigen, entweder noch in der Uniform des Armeechefs oder schon in der Arbeitskleidung seines nächsten Postens, im dunklen Anzug eines Präsidenten.

Legende vom bürgernahen Retter der Nation

Die Euphorie, die die plötzliche Beilegung des monatelangen Machtkampfs ausgelöst hat, erinnert ein wenig an den Mauerfall 1989 in Berlin. Keine drei Wochen ist es her, dass das Land gefährlich nah an einem neuen Bürgerkrieg vorbeischlitterte. Bei schweren Gefechten zwischen Anhängern beider Lager starben Anfang Mai 81 Menschen. Die Gefahr eines langwierigen Bürgerkriegs scheint vorerst gebannt - der Montag ist auch deshalb zum Feiertag erklärt worden, angeblich von Suleiman persönlich. Normalerweise gingen die Libanesen nicht zur Arbeit, weil draußen geschossen werde, jetzt sollten sie endlich mal frei machen, um zu feiern, erzählen die Menschen und stricken auch sonst eifrig an der Legende des bürgernahen Retters der Nation.

In der Beiruter Innenstadt ist für Montag ein Großkonzert mit den wichtigsten Stars der arabischen Welt geplant. Das Freiluft-Event kostet keinen Eintritt. Vor allem die für den Libanon lebenswichtige Tourismusbranche sieht in diesen Tagen Licht am Ende des Tunnels. "Jetzt geht das Leben wieder los, der Sommer ist gerettet", sagte Budi, der Geschäftsführer eines der vielen luxuriösen Strandclubs an der Küste. Seit der Einigung von Doha habe sein Telefon nicht mehr still gestanden. "Ich habe 92 Reservierungen für Hochzeiten", so der Gastronom. Kaum habe die Regierung in Doha eingelenkt, hätten die reichen Golf-Araber sich angemeldet.

Während das Volk schon feierte, waren Suleimans Untergebene bis zur letzten Minute auf höchste Wachsamkeit eingeschworen. Am Sonntagmorgen hätte man noch meinen können, es stehe dem Libanon ein Militärputsch bevor, nicht die ordentliche Wahl des Armeechefs zum Präsidenten. Seit Beginn der Staatskrise vor eineinhalb Jahren gehören Straßensperren, Armeeposten und an Kreuzungen postierte Panzer in Beirut zum Stadtbild. Doch der Sicherheitsaufwand, der zur lang erwarteten Abstimmung betrieben wurde, übertraf alles. Die libanesische Hauptstadt, die gerade aus eineinhalbjähriger Erstarrung zum Leben erwacht ist, glich einer Festung – wieder und hoffentlich zum vorerst letzten Mal.

Angst vor einem Attentat

Nach mehr als 30 Bombenattentaten mit Dutzenden Toten in den vergangenen drei Jahren saß die Angst tief, dass in letzter Sekunde etwas schiefgehen könnte. Angefangen mit sunnitischen Fanatikern, deren lange gepflegter Hass auf die Schiiten seit den jüngsten Ausschreitungen neu angefacht ist, gibt es im Libanon viele, die dem Abkommen von Doha äußerst kritisch gegenüberstehen. Im Mittelpunkt der Kritik: Das delikate Thema Hisbollah-Waffen sei weder angesprochen noch gelöst worden. Die Partei Gottes hatte ihr unter anderem von Iran und Syrien üppig ausgestattetes Waffenarsenal in der Vergangenheit damit gerechtfertigt, Widerstand gegen Israel leisten zu wollen.

Bei den jüngsten Kämpfen richteten die "Widerstandskämpfer" ihre Kalaschnikows, Mörser und Artillerie jedoch gegen die eigenen Landsleute – und siegten, ohne auf nennenswerten Widerstand gestoßen zu sein. Der lange Arm Syriens und Irans ließ die Muskeln spielen, die prowestliche Regierung musste klein beigeben. Letztlich konnte die Opposition dank ihres militärischen Erfolges das Abkommen von Doha diktieren. Die Regierung wusste: Akzeptierte sie die Bedingungen nicht, stünden neue Kämpfe ins Haus, die sich schnell zu einem echten Bürgerkrieg auswachsen könnten.

Und so ist das Doha-Abkommen und die damit verbundene Präsidentenwahl keine Lösung, sondern bloß ein Kompromiss, der dem tief gespaltenen Libanon eine Atempause erkauft hat. Mit ein bisschen Glück hält sie den Sommer über – nach drei Jahren Flaute braucht die auf dem arabischen Tourismus fußende Wirtschaft des Libanon endlich eine gute Saison.

Mit Materialien von AP und AFP