Präsidentschaftswahl in der Ukraine Der letzte Kampf des Wiktor Juschtschenko

Die Lage ist desolat, die Ukrainer sind desillusioniert - und sehnen sich nach einer "starken Hand". Die Helden der "Orangenen Revolution" haben sich heillos zerstritten, Amtsinhaber Juschtschenko ist bei der Präsidentschaftswahl ohne Chance - und doch war der demokratische Umbruch nicht vergebens.
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Juschtschenko und die Ukraine: Scheitern eines Hoffnungsträgers

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Wiktor Juschtschenko

Leonid Kutschma

Den Zaun, drei Meter hoch, hat Oleg Rybatschuk seinem Präsidenten nie verziehen. , der Held der "Orangen Revolution", ließ ihn 2005 um die Bankowa-Straße Nr. 11 in Kiew errichten, um seinen Amtssitz vor den Blicken des eigenen Volkes abzuschotten. "Ein Zeichen der Isolation des Staatschefs", sagt Rybatschuk, 51, "ein Symbol, verheerend wie die Berliner Mauer." Damals war er selbst mächtiger Chef der Präsidialamtsverwaltung, ein enger Vertrauter des Präsidenten. Die Bankowa-Straße abzusperren, das hatte selbst der halbautoritäre Herrscher , Juschtschenkos Vorgänger, nicht gewagt.

Fünf Jahre nach dem demokratischen Umbruch ist der vom Westen gefeierte Präsident gescheitert und in der Bevölkerung verhasst. Kaum mehr als fünf Prozent der Ukrainer wollen ihm die Stimme geben, wenn er sich am Sonntag zur Wiederwahl stellt. Seine Gegner: Premierministerin Timoschenko und der pro-russische Wiktor Janukowitsch, der 2004 massiver Wahlfälschungen beschuldigt wurde und jetzt in den Umfragen führt.

Julia Timoschenko

Millionen neuer Arbeitsplätze, die Abschaffung der Wehrpflicht und eine schnelle Integration in Nato und EU hatte Juschtschenko versprochen. Nichts davon hat er erreicht. Aus seinen ehemaligen Kampfgenossen wie der schönen Premierministerin sind erbitterte Gegner geworden. Der Wahlkampf gerät zur Schlammschlacht. Im Westen bejubelten sie 2004 die couragierte Wende am Rande Europas, doch heute wirkt die junge Demokratie desolat.

Versöhnte Rivalen

Wiktor Janukowitsch

Doch es gibt Hoffnungsschimmer. Rybatschuk ist auf den Gegner von früher zugegangen, er hat sich mit Taras Tschornowil verbündet, einst Chef des Wahlkampfteams von Juschtschenkos Erzfeind . Gemeinsam haben die beiden Rivalen einen Gastbeitrag in der "Financial Times" verfasst. Der Westen, flehen sie, dürfe sich nicht abwenden von ihrem Heimatland. "Heute", konstatieren Rybatschuk und Tschornowil, "ist die Ukraine reifer, als sie es vor fünf Jahren war."

Viel sei erreicht worden seit der Revolution: Es gibt eine freie Presse und freie Wahlen, eine starke Opposition und politischen Wettbewerb. Viel bleibe gleichwohl noch zu tun. "Die 'Orange Revolution' hat die Basis für jenes Land gelegt, zu dem die Ukraine nun werden muss", schreiben Rybatschuk und Tschornowil voller Zuversicht.

Rybatschuk sitzt in einem kleinen Kiewer Café, wie sie trotz der Krise überall in der Hauptstadt aus dem Boden schießen. Seit Wochen sammelt er die Fragen der Bürger, die populärsten will er nach den Präsidentschaftswahlen dem Sieger stellen, zur besten Sendezeit im Fernsehen. Ob sich die Kandidaten darauf einlassen? "Wenn der neugewählte Präsident die Fragen Tausender Bürger ignoriert, ist das eine erste schwere Niederlage im Amt", hofft Rybatschuk. Timoschenko hat schon zugesagt.

Eine Niederlage, größer als ein Sieg

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Juschtschenko und die Ukraine: Scheitern eines Hoffnungsträgers

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Via Internet senden die Ukrainer Rybatschuk ihre Fragen. Wie will der neue Präsident gegen die wuchernde Korruption vorgehen? Wie die Wirtschaft retten? Wird er die Renten senken? 25.000 haben sich schon an der Aktion "Frag Deinen neuen Präsidenten" beteiligt, es werden stündlich mehr. So müht sich Rybatschuk, den Graben zwischen Politik und den Menschen zu überwinden. Den Zaun, den sein Präsident einst um sich gezogen hat.

Bedächtig streicht er sich über den kahlen Schädel. "Die Menschen", sagt er, "haben Juschtschenko damals wie einen Engel verehrt." Sie haben ihn angehimmelt, sie haben in gewählt. "Aber sie haben ihm nicht gesagt, was sie von ihm erwarten. Nichts wird besser", glaubt Rybatschuk, "wenn sich nicht die Wähler verändern, wenn sie nicht Fragen stellen und ihren Führern auf die Finger schauen."

Zehn Autominuten entfernt empfängt Taras Tschornowil Besucher im Gebäude des Kiewer Parlaments. Tschornowil, braune Haare, dunkler Schnauzer, kennt die verfeindeten Lager wie kein zweiter. "Juschtschenko, Timoschenko, Janukowitsch: Ich habe schon mit allen zusammengearbeitet", sagt der 42-Jährige. Alle verließ er im Streit.

Sein winziges Abgeordnetenbüro in der "Werchowna Rada" ziert ein Porträt von Che Guevara. Tschornowil verachtet zwar den Kommunismus, schließlich steckten die Sowjets seinen Vater in den Sechzigern ins Gefängnis. Doch er achtet den unbeugsamen Revoluzzer. Er selbst gefällt sich in der Rolle des Dauerdissidenten der ukrainischen Politik.

Entschuldigend breitet er die Arme aus: "Ich hatte damals doch keine Wahl." Mit Juschtschenko hatte er schon gebrochen, so ging er zu Janukowitsch, dessen "Partei der Regionen" mit Wahlmanipulationen an die Macht kommen wollte. Tschornowils Mitbürger in der Westukraine bedachten den vermeintlichen Verräter prompt mit einer Kugel, das Einschussloch an seinem Haus in Lemberg sieht man noch heute.

Timoschenko will die "Diktatur des Gesetzes"

Am 26. Dezember 2004 verloren er und Janukowitsch knapp die neu angesetzte Stichwahl gegen Juschtschenko. Internationale Wahlbeobachter stellten anders als in den vorhergehenden Wahlgängen keine schwerwiegenden Manipulationen fest. "Ohne Fälschungen", sagt Tschornowil, "haben uns Experten keine 30 Prozent zugetraut." Tatsächlich schaffte Janukowitsch 44 Prozent.

Zu wenig, um zu siegen. Doch diese ehrliche Niederlage hat mehr erreicht, als es jeder schmutzig errungene Sieg vermocht hätte. Sie hat die Ukraine verändert. Die kommenden Wahlen am 17. Januar werden das Land nicht mehr so tief spalten wie vor fünf Jahren - weil die Menschen verstehen, dass Abstimmungen in einer Demokratie die Regel sind und keine unumkehrbaren Richtungsentscheidungen. Auch Janukowitsch hat sich verändert. Er hat sich zu einem Oppositionspolitiker gewandelt und nun beste Aussichten, nach dem ersten Wahlgang am Sonntag auch die Stichwahl im Februar zu gewinnen, ganz ohne Tricksereien.

Ein Hoffnungsschimmer, einerseits. Anderseits hofft die Mehrheit der Ukrainer nach dem Chaos der vergangenen Jahre auf straffe Führung. Weißrusslands autokratischer Führer Alexander Lukaschenko erfreut sich in der Ukraine steigender Popularität, und laut Umfragen wünschen sich 70 Prozent eine starke Hand. Ausgerechnet Julia Timoschenko, 2004 eine der Führerinnen der "Orangen Revolution", bedient diese Sehnsüchte. Im Wahlkampf verspricht sie eine "Diktatur des Gesetzes". Die hatte zuletzt Wladimir Putin wortgleich versprochen, bevor er in Russland gegen Opposition und kritische Medien vorging.

"Aus Julia könnte auch ein ganz furchtbarer Diktator werden", sagt Parlamentarier Tschornowil. "Aber sie hat selbst ein bisschen Angst davor. Es ist ihr wichtig, was man in Europa von ihr denkt." Er kennt die Premierministerin aus gemeinsamen Tagen in der Opposition gegen das Kutschma-Regime. Noch heute ruft sie den politischen Außenseiter Jahr für Jahr an und gratuliert ihm zum Geburtstag.

Timoschenko gegen Janukowitsch, West gegen Ost - so lautet das wichtigste Duell der Wahl. Aber es taugt nicht mehr für die Inszenierung einer Schlacht zwischen Licht und Schatten, Gut und Böse. Janukowitsch, der Wahlfälscher von einst, hat jetzt beste Chancen auf einen demokratischen Wahlsieg, und Timoschenko kokettiert mit der Diktatur.

Die Grenzen in der Ukraine verschwimmen.

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