Präsidentschaftswahl in Russland Wo ist Kandidat Nummer fünf?

Iwan Rybkin, einer der wenigen - durchweg chancenlosen - Herausforderer des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, ist spurlos verschwunden. Der Fall ist mysteriös. Entführung, Mord oder nur ein Wahlkampftrick? Die Generalstaatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf - und ließ sie wieder fallen. Putin schweigt.
Von Dominik Baur

Hamburg - Wer daran zweifelt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin bei den Wahlen wiedergewählt wird, könnte ebenso gut am Wahlergebnis einer Landtagswahl in Bayern oder am Amen in der Kirche zweifeln. So gelten denn auch die Herausforderer des amtierenden Staatsoberhaupts lediglich als Zählkandidaten. Sähe es doch allzu undemokratisch aus, träte Putin ganz allein an.

Die Liste der Kandidaten ist dementsprechend skurril: Ein Boxer, der ehemalige Leibwächter von Ultranationalist Wladimir Schirinowskij, findet sich da zum Beispiel; auch die Kommunisten haben nicht ihren Spitzenmann Gennadij Sjuganow aufgestellt, sondern den weit weniger bekannten Nikolai Charitonow. Besonders amüsant auch die Kandidatur des Putin-Anhängers Sergei Mironow: Er verkündete offen, dass er gar nicht Präsident werden wolle, sondern nur kandidiere, um Putin nicht allein in die Schlacht ziehen zu lassen.

Als insgesamt fünfter Kandidat war der 57-jährige Iwan Rybkin ins Rennen eingestiegen, ein früherer Parlamentspräsident und Sekretär des nationalen Sicherheitsrates. Der liberale Politiker wird vor allem von dem Großindustriellen Boris Beresowski unterstützt, der aus seinem britischen Exil heraus Wahlkampf gegen Intimfeind Putin betreibt.

Doch seit ein paar Tagen ist Rybkin spurlos verschwunden. Zu einem Wahlkampftermin erschien er nicht, seine Familie weiß nichts von seinem Verbleib. Ehefrau Albina Rybkina befürchtet, ihr Mann sei entführt worden. Gestern meldete sie ihn als vermisst - seit Donnerstag hatte sie schon kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Die Polizei hat bei der Suche auch den Inlandsgeheimdienst FSB eingeschaltet.

Noch mysteriöser wurde der Fall heute, als die Generalstaatsanwaltschaft zunächst Ermittlungen wegen vorsätzlichen Mordes einleitete - eine reine Routinesache nach der Vermisstenanzeige der Familie, hieß es zunächst -, diese aber kurz darauf als unbegründet wieder fallen ließ. Auskünfte darüber, ob sie neue Informationen im Fall Rybkin besäßen, wollten die Staatsanwälte jedoch nicht geben.

Zehn ermordete Abgeordnete in zehn Jahren

Auch im Wahlkampfteam von Iwan Rybkin zeigt man sich ahnungslos. Das Verschwinden des Politikers könne viele Ursachen haben, erklärte Ljudmila Ponomarjowa im Fernsehen. Selbst einen Wahlkampftrick wollte die Rybkin-Helferin nicht ausschließen - obwohl das ihrem Chef natürlich überhaupt nicht ähnlich sehe.

Morde an Politikern sind in Russland freilich nichts Ungewöhnliches. Seit 1994 wurden allein zehn Abgeordnete der Staatsduma umgebracht. Die Hintergründe der Verbrechen bleiben jedoch meist im Dunkeln. Auch in Rybkins Umfeld hat es bereits einen solchen Fall gegeben. Im April vergangenen Jahres war Sergej Juschenkow, wie auch Rybkin stellvertretender Vorsitzender der Partei Liberales Russland, ermordet worden. Seit heute müssen sich die mutmaßlichen Mörder vor Gericht verteidigen.

Rybkin hat gewiss nicht nur Freunde in der russischen Politik. Wenige Tage vor seinem Verschwinden hatte er Amtsinhaber Putin in dem Beresowski-Blatt "Kommersant" heftig attackiert. Als korrupt bezeichnete er den Präsidenten und als "Staatsverbrechen" seine Politik. Da ihm jedoch keine Chancen bei der Präsidentschaftswahl eingeräumt werden und Staatschef Putin über Alibi-Gegner wie ihn geradezu froh sein müsste, ist nicht unbedingt ersichtlich, wem sein Verschwinden nützen könnte.

In Umfragen liegt der Kandidat bei gerade mal einem Prozent. Sein Eintreten für einen konstruktiven Dialog mit den tschetschenischen Rebellen stößt in der russischen Bevölkerung auch nicht gerade auf großes Verständnis - schon gar nicht nach dem Anschlag auf die Moskauer Metro am Freitag. Putin wollte sich bislang nicht zu dem Verschwinden seines Kritikers äußern.

Interfax meldete jetzt, Rybkin sei definitiv am Leben und man hoffe, ihn bald zu finden. Als Quelle nannte die Nachrichtenagentur Polizeikreise. Ein Duma-Abgeordneter sagte, Rybkin befinde sich "mit 99-prozentiger Sicherheit" in einem Erholungsheim im Westen Moskaus. Dort wollte man von dem prominenten Patienten jedoch nichts gesehen haben.

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