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28. Januar 2010, 14:36 Uhr

Präsidentschaftswahl

Warum Tusk auf einen Sieg über Kaczynski verzichtet

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Polens Präsident Lech Kaczynski kann aufatmen: Trotz bester Umfrageergebnisse verzichtet Premier Donald Tusk darauf, im Herbst gegen ihn anzutreten. Das heißt allerdings nicht, dass der populäre Politiker seine ehrgeizigen Karrierepläne aufgegeben hat.

Hamburg - Es ist ein in der Politik seltener Vorgang: Ein Regierungschef verzeichnet beste Umfragewerte, Meinungsforscher sehen ihn als Sieger, würde er sich um das Präsidentenamt weiterbewerben - aber der Mann lässt es sein: Polens Ministerpräsident Donald Tusk wird im Herbst nicht wie erwartet gegen den amtierenden Präsidenten Lech Kaczynski antreten. Das gab der 52-Jährige am Donnerstag bekannt.

"Ich muss verharren. Die schwierigen Aufgaben, die vor uns liegen, lassen sich lösen, indem man die Instrumente der Regierung in der Hand hält - aber nicht, indem man in einem Palast wohnt", sagte Tusk.

Er gilt als höflicher und bescheidener Intellektueller - aber auch als jemand, der jeden seiner Schritte strategisch umsichtig abwägt. Und auf lange Sicht kann sich der Amtsverzicht als kluger Zug erweisen: Tusk konnte sich seines Sieges gegen Kaczynski - trotz der guten Umfragewerte - nicht sicher sein. Der Präsident hätte ihn in seiner Kampagne als Leichtgewicht darstellen können, der ausgerechnet in der Wirtschaftskrise sein Regierungsamt aufgibt, um als Präsident Bankette zu besuchen und Reden zu schwingen.

Seine Chancen auf eine zweite Amtszeit als Premier stehen dagegen ungleich besser: Polen ist das einzige Land in der EU, dass 2009 noch Wachstum (1,7 Prozent) verzeichnete. Werbewirksam versprach er mit seinem Verzicht auf die Kandidatur auch ein Wirtschaftsprogramm für die nächsten zwei Jahre.

"Ein wirklich großer Politiker wird man nicht im Präsidentenamt"

Selbst der Ort, den Tusk für seine Verkündungen wählte, war mit Bedacht gewählt: Die Warschauer Börse, ein Symbol für das polnische Wirtschaftswunder seit der Wende 1989. Präsident Lech Kaczynski und sein Zwillingsbruder Jaroslaw werden es insgesamt schwer haben, Tusk etwas entgegenzusetzen.

Ihre Parolen vom Kampf gegen alte Seilschaften haben sich abgenutzt, auch die anti-deutsche Karte sticht nicht mehr richtig, und innerhalb der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit regt sich Widerstand gegen den autoritären Führungsstil von Partei-Chef Jaroslaw.

Als Ersatzkandidaten könnte Tusk jetzt Außenminister Radoslaw Sikorski oder den Parlamentspräsidenten Bronislaw Komorowski antreten lassen. Ihre Chancen, gegen Kaczynski zu gewinnen, sind wohl eher gering. Aber vielleicht stört Tusk das gar nicht so besonders. "Ein wirklich großer Politiker wird man in den Augen der Polen nicht im Präsidentenamt", sagt ein Kenner Tusks: "Da muss man schon als Premier gepunktet haben. Das hat er verstanden." Präsidentenwahlen sind in fünf Jahren wieder.

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