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26. Januar 2012, 15:23 Uhr

Präsidentschaftswahlkampf

Casino-Krösus mischt Amerikas Politik auf

Von , New York

Newt Gingrich hat im Wahlkampfrennen der US-Republikaner eine rasante Aufholjagd hingelegt. Das verdankt er vor allem dem Geld eines Mannes: Casino-Milliardär Sheldon Adelson. Dessen Markenzeichen sind brachiale Geschäftsmethoden, stockkonservative Ansichten - und Größenwahn.

Der kleine, tattrige Mann schlurft bis an die Balustrade heran, auf einen Stock gestützt. Er blickt die Freitreppe hinunter auf den Las Vegas Boulevard, den weltberühmten "Strip". Dutzende Schaulustige haben sich versammelt, Touristen meist, und starren zu ihm hoch. Der kleine, tattrige Mann winkt ihnen huldvoll zu.

Sheldon Adelson zeigt sich selten in der Öffentlichkeit. Doch dies ist der bisherige Höhepunkt seiner kontroversen Karriere. Der Moment, an dem er über seine Widersacher triumphiert. Über all die Hasser, die Neinsager.

Er strahlt. Gemeinsam mit Ehefrau Miriam, in goldenem Kleid und mit goldener Brille, legt er einen riesigen goldenen Schalter um. Farbiges Flutlicht ergießt sich auf die pseudo-italienische Kitschfassade, die hinter ihm in den Himmel ragt, 50 Stockwerke hoch. Vom Dach schießen Feuerwerksfontänen zu Fanfarenklängen.

Die Eröffnung des Casino-Resorts Palazzo im Januar 2008 war der spektakulärste Event des Jahres in Las Vegas. Ringsum wütete die Kreditkrise, doch das Palazzo haute auf den Putz: 1,9 Milliarden Dollar teuer, 3066 Zimmer, 1700 Spielautomaten, zweistöckiger Wasserfall in der Glaslobby. Gemeinsam mit dem benachbarten Schwesterhotel Venetian bildete es den weltgrößten Casino-Komplex, größer als das Pentagon, das bis dahin größte US-Gebäude.

Adelson, 78, ist ein Mann des Maximums. Als Vorstandschef und Mehrheitsaktionär der Casinogruppe Las Vegas Sands Corp., zu der das Palazzo und das Venetian gehören, ist er laut "Forbes" der achtreichste Amerikaner, mit einem Vermögen von 21,5 Milliarden Dollar. Er war mal der drittreichste, hinter Bill Gates und Warren Buffett, aber dann kam die Finanzkrise.

Doch Geld allein reicht ihm nicht. Adelson hat auch politische Ambitionen - und die treten nun grell zutage: Der greise Mogul ist der finanzstarke Geldgeber hinter dem Aufstieg des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Newt Gingrich, mit dem ihn gemeinsame Ideologien verbinden. Vor allem, was die Nahostfrage betrifft: Gingrich wie Adelson, ein Sohn jüdischer Immigranten aus der Ukraine, sind Verfechter einer dezidiert pro-israelischen Politik.

Adelson steckte kürzlich fünf Millionen Dollar in eine Lobbygruppe, die Gingrich unterstützt, und machte den Underdog damit überhaupt erst konkurrenzfähig. Die Kampagnen dieses Super-PACs (PAC steht für Political Action Committee) mit dem euphemistischen Namen "Winning Our Future" ermöglichten dem Ex-Sprecher des Repräsentantenhauses, dessen Kandidatur zuvor geschwächelt hatte, den Sieg bei den Vorwahlen in South Carolina.

Adelsons aus Israel stammende Ehefrau Miriam spendete "Winning Our Future" nach diesem Sieg ebenfalls fünf Millionen Dollar. Der Super-PAC schaltete sofort neue, aggressive TV-Spots gegen Gingrichs Hauptrivalen Mitt Romney - ein Werbepaket für insgesamt sechs Millionen Dollar in Florida, wo kommenden Dienstag die nächste Vorwahl stattfindet. Auch dort liegt Gingrich nun vorne.

Einem Freund vertraute Adelson dem Magazin "New Yorker" zufolge an, er wolle "einen sichtbaren Fußabdruck in der Geschichte hinterlassen". Mittlerweile wird klar, dass er damit nicht nur Mega-Casinos in Las Vegas und im asiatischen Spielerparadies Macao meint, wo eine Kopie des Venetians steht. Der pressescheue Adelson, der so gut wie keine Interviews gibt, schielt auch auf die US-Politik - und sein Weg dorthin ist ein Mann von ähnlichem Größenwahn wie Adelsons Giganto-Immobilien: Newt Gingrich.

Wie so viele Milliardäre hofft Adelson, mit seinen Schecks die Politik steuern zu können. Dass er derzeit zumindest die US-Vorwahlen beeinflussen kann, verdankt er dem Supreme Court, der 2010 die Super-PACs und deren grenzenlosen Spendenfluss erlaubte. Adelson ist das bisher drastischste Beispiel, wie die neuen Regeln dafür sorgen können, dass superreiche Einzelpersonen demokratische Prozesse steuern können.

"Er wurde schneller reich als sonst jemand"

Über Nacht ist Adelson zum Symbol für die Missstände eines Systems geworden, in dem Dollar mehr zählen als Stimmen. Die Super-PACs haben die Balance verschoben: Sie sind auf dem Papier "unabhängige" Gruppen, die sich mit den Kandidaten nicht koordinieren dürfen, dafür aber unbegrenzte Summen in unregulierte Wahlwerbung stecken können. Das Resultat: Ein paar wenige Multimillionäre und Milliardäre bestimmen, wer den Wahlkampfäther beherrscht.

Was vielen Amerikanern jetzt klar vor Augen tritt, ist jedoch eine Methode, die Adelson, der reichste Mann Nevadas, unter der Hand schon seit vielen Jahren ausprobiert. Newt Gingrich ist dabei nur sein bisher größtes Vorhaben.

Die Mittel dafür hat er. Adelson ist so reich, dass er sich in einer eigenen Boeing 767 durch die Gegend fliegen lässt - nur einer von mehreren Jets in seiner Boeing-Privatflotte. Mit denen pendelt er zwischen seinen Anwesen: Malibu, Boston, Tel Aviv und zwei in Las Vegas, eins zum Wohnen, eins für Partys. "Er wurde schneller reich als kaum sonst jemand in der Geschichte", sagte Peter Bernstein, der Co-Autor der Krösusfibel "All the Money in the World", der "New York Times".

Adelson versuchte sich anfangs in allen möglichen Sparten: Hypothekenmakler, Finanzberater, Charterbus-Unternehmer. 1979 gründete er in Las Vegas die Computermesse Comdex - und stieß damit auf eine Goldader.

Um dem Messe-Boom gerecht zu werden, kaufte er 1988 das alternde Casino Sands. Er ließ das legendäre Haus am "Strip", in dem einst Frank Sinatra feierte, in die Luft sprengen und errichtete an seiner Stelle das Venetian - samt 1:1-Nachbau des Campanile in Venedig - sowie ein riesiges Kongresszentrum.

Aus Ideologie erwuchs Freundschaft

Schon damals war Adelson berüchtigt für seine brachialen Geschäftsmethoden. Bald war er mit allen Casinoeignern und Gewerkschaften in Las Vegas zerstritten. Er griff in die Kommunalpolitik ein und versuchte, politische Rivalen auszuschalten.

Wie stark Adelsons Einfluss in Las Vegas ist, zeigt sich auch diese Woche. Da genehmigte die Republikanische Partei von Nevada auf seinen Wunsch hin, dass es bei der dortigen Vorwahl am 4. Februar für gläubige Juden eine abendliche Sondersitzung gibt, damit diese die Sabbatruhe nicht brechen müssen. Dazu sollen die Wahlergebnisse extra verzögert werden.

Zur Präsidentschaftswahl 2008 begann Adelson, seinen politischen Einfluss landesweit geltend zu machen. Er gründete mit einer Reihe Gleichgesinnter "Freedom's Watch", eine Lobbygruppe, die mit Werbekampagnen für die Anti-Terror-Politik von Präsident George W. Bush und für republikanische Kandidaten warb.

Im jetzigen Wahlzyklus ist Adelson mit bisher 112.400 Dollar an Direktkandidaten (96 Prozent davon Republikaner) einer der emsigsten Mäzene. Die Adelsons spenden außerdem für wohltätige Zwecke, etwa Schulen, Research-Institutionen und die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem.

Schicksalhaftes Treffen auf dem Flur

Viel größere Summen überweist Andelson zurzeit aber an den Super-PAC "Winning Our Future" in Gingrichs Diensten. Gingrich und Adelson hatten sich 1995 kennengelernt, auf dem Flur des US-Kapitols. Aus gemeinsamen Ansichten erwuchs eine enge Freundschaft.

Beide Männer lehnen einen palästinensischen Staat ab, beide sind Fürsprecher des konservativen Ministerpräsidenten Israels, Benjamin Netanjahu. Gingrich half Adelson in seinem Kampf gegen die Gewerkschaften. Adelson revanchierte sich mit Wahlspenden - und indem er Gingrich seine Jets nutzen ließ.

"Meine Motivation, Newt zu helfen, ist einfach und darf nicht mit etwas anderem verwechselt werden als der Tatsache, dass meiner Frau Miriam und mir unsere Freundschaft zu ihm sehr nahe liegt", betonte Adelson jetzt in einer Erklärung gegenüber der "Washington Post". Adelsons rechte Hand, Sand-Geschäftsführer Michael Leven, sagte dem "Philadelphia Inquirer", die beiden verbinde "Loyalität, Freundschaft und ein Glauben an einige gleiche Prinzipien".

Das Online-Magazin "Politico" berichtet, Adelson wolle Gingrich mit insgesamt 20 Millionen Dollar helfen. Die Hälfte dessen hat "Winning Our Future" jetzt schon in der Kasse. Das reicht für Florida, für Nevada - und darüber hinaus.

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