Präsidentschaftswahlkampf Demokraten auf Kriegspfad

Das Abenteuer geht weiter: Die amerikanische Bevölkerung will Bush loswerden, aber nicht den Anti-Terror-Krieg verlieren. Amerikas Demokraten empfehlen sich bereits als die besseren Feldherren.

Aus Washington berichtet Gabor Steingart


Washington - Newt Gingrich war mehr als zufrieden. Der Erzbischof unter Amerikas Konservativen schnurrte wie eine Katze, als er zum Mittagessen mit ausländischen Journalisten erschien. Genauer gesagt wie eine Katze, die soeben mehrere Mäuse verspeist hat.

Seine Mäuse sind die Demokraten, die neuerdings den Kriegspräsidenten Bush dadurch bekämpfen, das sie ihn zu übertreffen versuchen. Barack Obama hatte eben erst die Terrorzellen in Pakistan zum Thema gemacht und einen Angriff des US-Militärs in dem Atomwaffenstaat angeregt: "That's the war we have to win", rief er im Washingtoner Wilson-Center. "Das ist der Krieg, den wir gewinnen müssen." Wenn die pakistanische Regierung nicht handele, "dann werde ich es tun". So klingt der neue Hoffnungsträger der Demokraten, gestatten: Barack Bush-Obama.

Einer wie Gingrich, der für sich selbst das verstorbene Feindbild des Sowjetkommunisten beizeiten durch einen islamischen Fanatiker ersetzt hat, darf sich bestätigt fühlen. Völlig korrekt sei das, was der junge Senator da über Pakistan gesagt habe, lobt er gönnerhaft. Es gefällt ihm, dass da ausgerechnet vom politischen Rivalen ein neues Kampffeld eröffnet wurde, wo doch andere in diesen Tagen schon von Rückzug reden. Pakistan, sagt Gingrich, sei "enorm gefährlich, wir brauchen eine Strategie". Wobei einer wie Gingrich mit "Strategie" in aller Regel den Einsatz von Raketen, Mörsern und Flammenwerfern meint.

Der Wind hat gedreht in Washington. Amerika befindet sich im Krieg, nicht nur der Präsident. Die Demokraten greifen zwar weiter den fehlgeschlagenen Irakfeldzug an, aber nicht mehr den gesamten "Krieg gegen den Terror". Der hat sich durchgesetzt – nicht nur als Metapher.

Vorwurf: Verfolgung Bin Ladens nicht "aggressiv"

Der Befund der Meinungsforscher ist seit Monaten stabil: Nahezu alle sind gegen Bush, aber nur sehr wenige sind gegen den weltweit geführten Anti-Terror-Kampf. Der Feldzug gegen al-Qaida und Co gilt den meisten Amerikanern als die einzig denkbare, geradezu natürliche Reaktion auf den Anschlag vom 11. September 2001. Dem Präsidenten wird nicht die Kampfansage an die Terroristen verübelt, sondern seine Erfolglosigkeit im Irak.

Der sofortiger Abzug aus Bagdad? 92 Prozent der Amerikaner sagen nein. Die Schließung des Sondergefängnisses in Guantanamo Bay? Eine Mehrheit der Amerikaner lehnt ab. Der schwerste Vorwurf, den die Wähler derzeit an Bush adressieren ist der, dass er Osama Bin Laden "nicht aggressiv genug verfolgt hat".

Die Erkenntnisse der Meinungsforscher wiegen schwer in einem Land mit vier Klimazonen, das flächenmäßig der drittgrößte Staat der Erde ist. Kein noch so leutseliger Politiker kann es sich mit Bürgersprechstunde oder Bierzeltauftritt erschließen. Also wird auf dem professionellen Befrager mehr vertraut als irgendwo sonst auf der Welt – vor allem dann, wenn Wahlen vor der Tür stehen.

Im November 2008 wird nicht nur der US-Präsident bestimmt, sondern in Personalunion auch der "Commander in Chief". Als militärischer Oberbefehlshaber genießt der Regierungschef eine nahezu totalitäre Gestaltungsmacht.

Wer ist hart, gewitzt und brutal genug?

Die Frage an die Wähler lautet daher nicht allein: Wer ist charismatisch und klug genug, das Land politisch zu führen. Die zu beantwortende Frage lautet auch: Wer ist hart, gewitzt und brutal genug, den begonnenen Vielfrontenkrieg zu gewinnen.

So treten in diesen frühen Wahlkampfwochen zwei Kriegsparteien vor das Publikum, die sich in den Disziplinen Schlitzohrigkeit und Rauflust duellieren. Die Republikaner, vorneweg New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani, haben den stählernen Kampfanzug anbehalten. Ihre Parole lautet: Kampfkraft erhöhen. "Schwäche erzeugt Aggression", sagt Giuliani.

Wer die Mitte Amerikas gewinnen will - geografisch, soziologisch und politisch - muss sich als kriegstauglich erweisen, ohne dabei als kriegslüstern zu gelten. Gesucht wird der harte Hund, nicht der Hasardeur. Der schlimmste Vorwurf, den man einem Präsidentschaftskandidaten auch in diesen Zeiten machen kann ist der, er sei ein "mollycoddle", ein Weichei.

So beeilen sich denn auch die demokratischen Präsidentschaftskandidaten den Soldaten ihre Solidarität zu versichern. In einem Aufsatz für "Foreign Affairs" sagt der schwarze Präsidentschaftsbewerber Obama, was das US-Militär seiner Ansicht nach dringend braucht: Eine "Revitalisierung". Mehr als alles andere, meint er, sei ein starker Militärapparat notwendig, um den Frieden zu erhalten.

Der linke Demokrat John Edwards, ein Mann, der als Anwalt in Schadensersatzprozessen ein Millionenvermögen verdient hat, will da nicht nachstehen. Er würde gern mehr Geld für spezielle Anti-Terror-Einheiten in Armee und CIA ausgeben: "Es ist für mich keine Frage, dass wir die Terroristen mit den vollen Möglichkeiten unseres Militärs konfrontieren müssen."



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