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Prepper-Bewegung in den USA Fit für den Weltuntergang

Wirtschaftskrise, Sonnensturm, Terroranschlag? Egal was kommen mag, viele Amerikaner bereiten sich schon jetzt darauf vor. Sie nennen sich Prepper, trainieren den Überlebenskampf im Wald, bunkern Reis, Wasser - und Waffen.

Ein Sonntag, irgendwo in Pennsylvania. Hölzerne Einfamilienhäuser in Reihe, gestutzte Rasenflächen, Kinderschaukeln, Swimmingpools. Der Polizist Jamie Kopinetz kehrt mit seiner Familie vom Kirchgang zurück. An der Tür bellt der Hund.

Sorry, sagt Kopinetz und blickt auf den Geschirrhaufen in der Küche. Man habe gestern Picknick gemacht. An der Wand hängen zwei Holztafeln. "Familie, Glauben, Freunde" steht auf der einen. "Liebe, Lachen, Leben" auf der anderen. Seine Frau kommt herein. Sorry, sagt sie. Ob Jamie das Chaos hier schon erklärt habe? Klar, sagt der 35-Jährige. Sie lächeln sich an.

So geht es zu bei Familie Kopinetz, an der Oberfläche.

Eine Treppe tiefer aber geht es ums pure Überleben. Und deshalb darf der Wohnort hier nicht genannt werden. Im Untergeschoss hat Jamie Kopinetz alles vorbereitet für den Ernstfall. Für alles, was seine friedliche Welt da oben bedrohen könnte. Er hat Lebensmittel für sechs Monate gelagert. In den Regalen Konservendosen mit Hühnchen, Fisch, Gemüse, Nudelsuppe; am Boden Eimer voller Bohnen und Reis. Und Wasser natürlich.

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US-Prepper: Überleben in der Natur

Foto: Sebastian Fischer

Daneben zwei Dutzend militärgrüne Kisten. "Für meine Gewehre und die Pistolen", sagt Kopinetz. Mehr als 10.000 Schuss Munition hat er hier gebunkert. Er hat Notfallrucksäcke gepackt, einen großen für sich, mit Machete außen dran; einen kleinen blauen für seinen Sohn, einen rosafarbenen für seine Tochter. Darin: Trockennahrung der US-Armee, Wasser, Decken, Kompass.

"Bug in" oder "Bug out"

Kopinetz ist bereit, immer. Er kann sich hier einbunkern und seine Familie verteidigen. "Bug in", nennt er das. Oder sie können das Haus von jetzt auf gleich verlassen, sich mit dem Inhalt der Rucksäcke 48 Stunden draußen durchschlagen: "Bug out".

Der Mann ist ein Prepper, das kommt vom englischen Wort "to prep", kurz für "prepare". Kopinetz ist also einer, der sich vorbereitet. Auf was? Wirtschaftskrise, Naturkatastrophe, Terroranschlag. "Alles ist möglich", sagt Kopinetz: "Angefangen bei einem Stromausfall hier im Ort über einen schweren Schneesturm bis zu einer Sonneneruption, die elektromagnetische Impulse auslösen und alle unsere elektronischen Geräte funktionsunfähig machen kann."

Kopinetz' Bewegung hat in Amerika großen Zulauf. Geschätzte drei Millionen Prepper soll es geben, sie sind vernetzt über unzählige Websites. Dort teilen sie ihre Befürchtungen in Sachen Euro-Krise, geben sich Tipps für die Jagd auf Tiere, agitieren gegen die Anti-Waffen-Lobby oder erklären per YouTube-Video, wie man sich aus Eierbechern, Baumwollflusen und Wachs den perfekten Feueranzünder basteln kann. Regelmäßig schalten sie bei Glenn Beck ein, dem rechtskonservativen Radiomacher. Beck predigt seinen Anhängern, es sei nie zu spät, "sich vorzubereiten auf das Ende der Welt, wie wir sie kennen".

Im ganzen Land verdienen Heimwerkerläden am boomenden Prepper-Wesen, im Kabelfernsehen konkurrieren gleich zwei Reality-Shows: "Doomsday Preppers" (National Geographic Channel) und "Doomsday Bunkers" (Discovery). Man sieht, wie sich Prepper im Wald eingraben, wie sie Essens- und Waffenlager anlegen, Autos mit selbstgebastelten Holzvergasern betreiben und sich beim Training für den Ernstfall mitunter selbst in den Finger schießen. Die Shows haben die Prepper dem Hohn und Spott ihrer Landsleute ausgesetzt.

Überleben für 48 Stunden

Jamie Kopinetz ärgert das: "Ich bin ja nicht verrückt." Er bereite sich eben einfach nur vor. Und was sei schon dagegen zu sagen, wenn einer sich Vorräte im Keller anlege und seine Familie schützen wolle?

Die meisten Leute fühlten sich einfach zu sicher, sagt er: "Wir nennen sie Schafe, die sind nicht vorbereitet, überlassen alles der Regierung." Kopinetz zeigt hinters Haus, da, wo die Bahngleise verlaufen, wo die Züge auch Gefahrengut transportieren. Er liest die Nachrichten über die Krise in Europa, fürchtet massive Preissteigerungen, leere Supermarktregale, das Chaos, das dann ausbrechen könnte.

"Ich hoffe ja, dass die anderen recht haben", sagt er, "und dass nichts passiert." Aber wenn doch? Man darf sich Kopinetz nicht als ängstlichen Mann vorstellen. Er will nur keinen Fehler machen, nicht später sagen müssen: Hätte ich doch nur! Kopinetz ist von kräftiger Statur, sieht älter aus, als er ist. 2003 war er sechs Monate im Irak-Krieg, dann kehrte er in den Polizeidienst zurück. Doch zum Prepper wandelte sich der Familienvater erst, als Hurrikan "Katrina" vor sieben Jahren eine furchtbare Überschwemmung in New Orleans verursachte. Kopinetz sah im Fernsehen, wie die Leute ins Football-Stadion flohen, wie das Chaos ausbrach. Mehr als 1500 Menschen starben damals. Fortan rüstet er sich.

Und er ist nicht allein. Mit fünf anderen trifft er sich regelmäßig zum Training, sein Bruder Jim ist auch dabei. Sie besprechen dann, was es Neues gibt in der Prepper-Welt, tauschen Bücher aus. Kopinetz liest, was er bekommen kann in Sachen Überlebenskampf: Sachbücher, Romane, alles. "Unser ganzes Haus ist voll davon", stöhnt seine Frau. Aber sie lässt ihn machen.

An diesem Sonntag kommt Bruder Jim vorbei. Der 26-Jährige ist ebenfalls bei der Polizei, auch er hat seinen Notfallrucksack stets im Kofferraum seines Autos. An diesem Sonntag wollen die Prepper-Brüder im Wald üben: Feuer machen, den Wasserfilter testen. Du musst dich fit halten, sagt Jim. Am Ende würden es nur die Stärksten schaffen: "Man braucht die richtige Einstellung, um zu überleben."

Dazu gehört auch die Bereitschaft, andere zu töten.

Hier, sagt Kopinetz, und hält eine mit Reis gefüllte Kunststoffflasche in die Höhe. "Wenn meine Nachbarn und ihre Kinder hungern, dann kann ich ihnen das geben." Es sei nur Reis, aber er könne Menschenleben retten. Doch der Rest der Vorräte, der sei für seine Familie bestimmt. Er werde jeden Plünderer bekämpfen. Kopinetz zeigt auf die militärgrünen Kisten: "Ich bin bereit."

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