Pressefreiheit in China "Eine perfide Geiselnahme"

Die Pressefreiheit ist in China nichts wert - das ist hinlänglich bekannt. Aber selten wurde das so drastisch deutlich wie im Fall des Regierungskritikers Fu Xian Cai. Der gab erst der ARD ein kritisches Interviews - und wurde dann zum Krüppel geschlagen.

Von Fabian Grabowsky


Berlin - Auf dem aktuellen "Worldwide Press Freedom Index" von "Reporter ohne Grenzen" belegt China Platz 159 von 167. Mindestens 32 chinesische Reporter und 51 Internetnutzer sitzen nach Schätzung der Organisation gegenwärtig im Gefängnis. Der Pekinger ARD-Korrespondent Jochen Gräbert ist also Ärger gewohnt. Aber im Telefonat mit SPIEGEL ONLINE klingt Gräbert besonders niedergeschlagen: Einen Fall wie den des Staudammgegners und ARD-Interviewpartners Fu Xian Cai aus der zentralchinesischen Provinz Hubei hat auch er noch nicht erlebt. "Wir sind hier alle sehr traurig", sagt Gräbert.

Unbekannte schlugen Fu am vergangenen Donnerstag zusammen, nachdem ihn die Polizei wegen des ARD-Interviews verhört hatte. Die Angreifer brachen seinen Halswirbel, seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. Niemand zweifelt, dass auch die Angreifer Fus ARD-Interview kannten. Die chinesische Regierung baut in der Provinz Hubei einen gigantischen Staudamm, den Drei-Schluchten-Damm. Mehr als eine Millionen Menschen werden umgesiedelt. Fu ist einer von ihnen - und seit Mitte der Neunziger einer der lautstärksten Gegner des Mammutprojekts.

In dem ARD-Interview hatte sich Fu darüber beschwert, dass er und viele andere Menschen aus der Jangtse-Uferregion die versprochenen Ausgleichszahlungen für die Umsiedlung nicht erhalten haben. Er sei 15-mal in Peking und 50-mal bei der lokalen und regionalen Verwaltung gewesen, sagt er: "Nie wurde mir geholfen. Im Gegenteil: Ich wurde bedroht und geschlagen". Niemals aber so wie am vergangenen Donnerstag.

"Zweifellos ein Racheakt"

NDR-Intendant Jobst Plog schrieb am Montag einen empörten Brief an den chinesischen Botschafter Ma Canrong in Berlin. Es stehe außer Zweifel, "dass der Überfall ein Racheakt unter anderem wegen seiner Äußerung im Deutschen Fernsehen war", steht in dem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die lokalen Behörden hätten Fu schon vor dem Angriff als "Verräter" dargestellt, weil er mit ausländischen Medien gesprochen hatte. ARD-Mitarbeiter, die sich um Fu hätten kümmern wollen, sei jeder Kontakt zu ihm verboten worden.

Plog forderte vom Botschafter, "dass chinesische Staatsbürger künftig nicht um Leben oder Gesundheit fürchten müssen, nur weil sie sich ganz sachlich im Deutschen Fernsehen äußern". Der Fall Fu verheiße für die Berichterstattung über die olympischen Spiele 2008 in Peking, bei der der NDR federführend sein wird, nichts Gutes, sondern gefährde "eine für beide Seiten Gewinn bringende konstruktive Berichterstattung über die Volksrepublik China" - oder mache sie sogar ganz unmöglich. "Umso bedrückender ist es für uns, dass ein chinesischer Bürger schwerstens verletzt worden ist, weil er sich in einem Programm der ARD sachlich zu Wort gemeldet hat."

Die Schere im Kopf

Katrin Evers von Reporter ohne Grenzen lobt Plogs klare Worte: "Das ist wichtig für Fu und andere Personen. Die chinesische Regierung muss sehen, dass solche Fälle im Ausland ein großes Echo finden", sagt sie SPIEGEL ONLINE. Die Gefährdung von Interviewpartnern in China sei "ein bekannt großes Problem". Dass aber jemand so brutal zusammengeschlagen wurde wie Fu sei noch nie passiert. "Die Auslandskorrespondenten in China arbeiten mit der Schere im Kopf, um ihre Interviewpartner zu schützen."

Oft verzichteten sie darauf, kritische Themen zu recherchieren oder entsprechende Beiträge mit Originalzitaten zu belegen. "Die Medien stehen da für ihre Informanten in der Verantwortung, müssen sie schützen", sagt Evers. Sie befänden sich in einem "großen Dilemma", denn andererseits sei es gerade wichtig, aus Staaten wie China kritisch zu berichten.

"Das ist nicht gut für ihn"

Auch ARD-Korrespondent Jochen Gräbert kennt diese Verantwortung. Die chinesischen Interviewpartner befänden sich in einer "perfiden Geiselnahme" durch die chinesischen Behörden. Repressalien gebe es nicht nur gegen die Informanten, sondern auch gegen deren Angehörige und Anwälte. Berichterstatter - und auch die ARD - verzichteten deswegen oft darauf, Material zu senden, weil sie damit Menschen gefährdeten. "Die Behörden sagen uns oft: ,Wir verbieten euch nicht mit jemandem zu reden - aber das ist nicht gut für ihn.'"

Die ausländischen Medien hätten folglich auch eine Verantwortung für die Chinesen, die mit ihren Anliegen zu ihnen kämen. "Es gibt eine gewisse Selbstzensur", sagt Gräbert, "bis hin zu Wut und Verzweiflung bei denen, die mit wichtigen Themen zu uns kommen und nicht verstehen, dass wir nicht darüber berichten wollen."

Gerade im Fall Fu habe weder die ARD noch Fu selbst jedoch vorausgesehen, dass es über das normale Maß hinaus zu Repressalien kommt. "Der Fall des Drei-Schluchten-Staudamms ist so prominent - dass ausgerechnet Fu so schwer misshandelt wird, damit haben wir nicht gerechnet."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.