Pressereaktionen Lob für Merkels Vorstoß gegen Holocaust-Leugner

"Außergewöhnlich direkt", ein "unerwarteter Vorstoß": In europäischen Zeitungen gibt es viel Lob für Angela Merkels Initiative im Streit um den Holocaust-Leugner Williamson - Papst Benedikt XVI. hatte den Bischof rehabilitiert und damit viel Kritik ausgelöst.


Hamburg - "Angela Merkel bietet Ratzinger die Stirn", schrieb die spanische Zeitung "El País" am Mittwoch. Die Kanzlerin hatte vom Papst eine Klarstellung gefordert, dass man den Holocaust nicht leugnen darf. "Sie schloss sich damit der Welle der Empörung an, die das aus Bayern stammende Kirchenoberhaupt mit seinen jüngsten Entscheidungen ausgelöst hatte", schrieb das Blatt weiter.

Papst Benedikt XVI. hatte am 24. Januar die Rücknahme der Exkommunizierung von vier Bischöfen der erzkonservativen Bruderschaft Pius X. bekanntgegeben. Dazu gehört auch der britische Bischof Richard Williamson, der die Ermordung von sechs Millionen Juden in den Gaskammern der Nazis bestritten hatte. Die Entscheidung hatte weltweit Proteststürme ausgelöst.

Die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" nannte Merkels Forderung einen "ungewöhnlichen und unerwarteten Vorstoß". "Frau Merkel hat sich zur Wortführerin eines Großteils des Landes gemacht." Nach Meinung der rechtsliberalen Zeitung "El Mundo" in Madrid hat die Kanzlerin damit "die Proteste praktisch zu einer Angelegenheit des Staates" erhoben. "El Periódico de Catalunya" in Barcelona sieht den Papst deshalb "in der schlimmsten Krise seines Pontifikats".

Die Turiner Tageszeitung "La Stampa" schrieb: "Jetzt geht auch Deutschland auf Distanz zu seinem Papst. Und tut dies mit einer außergewöhnlich direkten Stellungnahme der Kanzlerin. (...) Ihre Kritik am Papst kommt praktisch unerwartet, zeugt indessen aber von einem verbreiteten Missbehagen nicht nur in den jüdischen Gemeinden und in denen der katholischen Kirche. Denn man befürchtet jetzt, dass diese Diskussion über die Rehabilitierung eines Bischofs, der die Existenz der Gaskammern leugnet, sich als schädlich für das gesamte Land erweisen wird, in dem die Holocaust-Leugnung unter Strafe steht."

Die linksliberale dänische Tageszeitung "Information" kritisierte den Vatikan: "Man kann bedauern, dass es der katholischen Kirche nicht gelungen ist, ihre Botschaft der Nächstenliebe von reaktionären Umklammerungen freizuhalten. Man könnte auch Optimismus daraus ziehen, dass der Papst seinen persönlichen Beitrag dafür leistet, modern denkende Menschen aus seiner Institution zu verjagen, die selbst historisch stark kompromittiert ist."

hen/dpa

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