Presseschau "Großer Teil der Schuld lastet auf dem Westen"

Wenn ein Verbündeter zum Diktator wird: Die Unruhen in Pakistan beschäftigen die internationalen Zeitungen. Das Verhalten von Präsident Musharraf schätzen sie unterschiedlich ein.


Berlin - "Wenn die Nuklearmacht Pakistan wankt, wankt die Welt mit", schreibt die Schweizer Zeitung "Tages-Anzeiger" über die bedrohliche Lage in dem südasiatischen Land. Die amerikanischen und britischen Medien werfen ihren Regierungen, die die Unterstützung für den Präsidenten Pervez Musharraf nicht eingestellt haben, falsches Verhalten vor. "Musharraf verdient unsere Unterstützung nicht", schreibt "The Daily Telegraph" aus London. "Wenn wir uns mit einem Diktator verbünden, geben wir seinen Gegnern jeden Grund, uns dies übel zu nehmen."

Im "Independent" aus London heißt es: "Wenn Pakistan künftig als freundlich gesinnter Staat verloren geht, ist Musharraf nur zum Teil dafür verantwortlich. Ein großer Teil der Schuld lastet auf dem Westen, der darauf beharrt hat, dass die einzige Priorität von Pakistans Machthabern die strategischen Launen des Westens sind. Stattdessen hätten wir mehr Druck machen müssen, dass Demokratie hergestellt, ein Wahltermin festgelegt und der Druck auf die Justizgewalt beendet wird." "The Guardian" schreibt resignierend: "Der General zeigt seine Eisenfaust und seinen Unterstützern im Westen bleibt nicht viel Spielraum."

Auch die amerikanische Presse sieht das Engagement des Westens kritisch. "The New York Times" schreibt, die derzeitigen Ereignisse in Pakistan unterstreichen das Versagen der Politik von US-Präsident George W. Bush: "Das ist das, was man bekommt, wenn Politik sich sklavisch auf einen einzigen, autokratischen Machthaber konzentriert - anstatt weitsichtiger auf sein Land."

Allerdings sei ein Ausweg aus der Situation schwierig: "Die USA stehen nun mit immer schlechteren Optionen da: Wenn sie die Unterstützung für Pakistan einstellen, würde es nur noch schwerer werden, das pakistanische Militär am Kampf gegen die Extremisten zu beteiligen und die Zweifel über Amerikas Verlässlichkeit als ein Verbündeter würden neu hochkommen. Die USA sollten wenigstens bedenken, die Unterstützungsgelder künftig verstärkt dafür zu verwenden, politische Parteien, Gerichte und Schulen aufzubauen. Die USA sollten Gespräche mit Indien, Iran, China und Saudi Arabien darüber führen, wie man eine weitere Instabilität Pakistans verhindern kann."

"The Washington Post" spricht von einer "kläglichen Antwort von Bush" auf die Unruhen in Pakistan: "Die USA sollten explizit und ohne Einschränkung bürgerliche Politiker und Richter unterstützen. Eine solche Haltung bedingt nicht den Fall von Musharraf. Ihm bleibt immer noch die Option, nachzugeben, die Verfassung wiederherzustellen und einen Zeitpunkt für Wahlen festzusetzen."

Auch in anderen europäischen Zeitungen wird das Verhalten der US-Regierung analysiert. Die Zeitung "El País" aus Spanien schreibt: "Musharrafs neuer Sprung ins Leere stellt US-Präsident George W. Bush vor einen neuen außenpolitischen Albtraum." Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt: "Seit Jahren schon hat Musharraf alles versprochen, was Amerika sich vorstellte, und dafür aus Washington alles bekommen, was er sich wünschte. Doch diese Geschäftsbeziehung ist schon lange in Schieflage geraten, weil Musharraf zwar kassierte, aber nicht lieferte."

In einem Kommentar der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" heißt es: "Das schafft für den Westen eine beinahe unmögliche Situation. Er kann mittel- und langfristig nicht mehr ausschließlich auf den General setzen. Er kann ihn aber auch nicht fallenlassen, weil sonst Pakistan mitsamt seinem nuklearen Arsenal endgültig in den Abgrund glitte. Ein direktes Eingreifen ist aus vielerlei Gründen ausgeschlossen. So bleibt am Ende nur die im Falle Pakistans schon oft vergeblich geäußerte Hoffnung, das Land möge ausreichend politische Selbstheilungskräfte aufbringen, um wenigstens das Schlimmste zu verhüten."

Andere Zeitungen konzentrieren ihre Analysen auf die Zukunft Pakistans und Musharrafs. Die französische Tageszeitung "Le Monde" schreibt: "Der neue Staatsstreich sichert auf keinen Fall die Zukunft von General Musharraf. Alles hängt nun von dem Verhalten der Ex-Premierministerin Benazir Bhutto ab. Sie alleine hat unter den derzeitigen Umständen die Fähigkeit, die Massen zu bewegen."

Die russische Zeitung "Kommersant" sieht Gefahr nicht nur für den Präsidenten, sondern für das ganze Land, ja sogar die ganze Erde: "Musharraf hat versucht, seine Macht zu festigen, tatsächlich aber hat er sie noch mehr geschwächt. Diese Situation könnten die radikalen Islamisten ausnutzen, die schon seit langem nach der Macht im Staat streben. Dann würden die Atomwaffen unter Kontrolle eigennütziger Politiker geraten."

Die pan-arabische Tageszeitung "Dar al hayat" schreibt: "Vielleicht findet Musharraf daran Gefallen, wie er den Kampf um sein eigenes Überleben an der Macht in ein Epos verwandelt hat, das das Schicksal ganz Pakistans betrifft. Vielleicht zählt er immer noch auf Washington, das herbeieilt, um ihm zu helfen."

Die "Asia Times" in Hongkong sehen den pakistanischen Präsidenten gestärkt: "Jetzt, wo er sich von der politischen Last, die ihm Washington auferlegt hat, befreit hat, kann er nach seinen eigenen Vorstellungen agieren." Gefahr für ihn sei nicht in Sicht: "Alles in allem sind die Chancen für einen Erfolg der demokratischen Opposition derzeit gleich Null."

In Indien, das an Pakistan grenzt, beobachtet man die Lage mit besonderer Spannung. In der Vergangenheit kam es zwischen Indien und Pakistan im Streit um Kaschmir zu schweren Konflikten, in der vergangenen Zeit haben sich die Länder ein wenig angenähert.

"Ein instabiles, unberechenbares, radikalisiertes und mit Atomwaffen ausgerüstetes Pakistan ist für niemanden von Interesse, wo bei die Folgen für Indien und Afghanistan am schlimmsten wären", schreibt die Zeitung "The Hindu". Das Ziel des verhältnismäßig kleinen Pakistans sei immer die militärische Gleichheit mit Indien gewesen, obwohl es sich um ein ungleiches Paar handelte: "Pakistan hat sich Indien immer gleichwertig gefühlt - in jeder Hinsicht. (…) Dies konnte nur mit der Hilfe der USA realisiert werden, und wurde dann mit dem Verbündeten China fortgesetzt, das Pakistan 1998 zu seinem eigenen Nuklearprogramm verhalf."

"The Times of India" macht die Opposition in Pakistan mitverantwortlich für die Unruhen: "Die Rolle der Politiker ist sehr zweifelhaft. Anstatt sich gegen Musharraf zu vereinen und zu versuchen, die Demokratie wiederherzustellen, bleiben sie eine zersplitterte Opposition. Einige gehen sogar so weit, mit ihm Deals abzuschließen, um sich Macht zu sichern. (…) Sie sind nicht in der Lange, eine brauchbare Alternative zu bilden."

Die Zukunft von Pakistan ist ungewiss. Dass es wohl keine gute sein wird, darin sind die Medien auf der Welt sich weitgehend einig.



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