Presseschau Kein Sieg ohne Bin Laden


Rom - Die Turiner Tageszeitung "La Stampa" schreibt am Montag über den Kampf gegen den Terrorismus:

"Die Operation Enduring Freedom wird vom Bewegungs- zum Stellungskrieg. US-Kommandant Tommy Franks positioniert seine Steine auf dem Schachbrett des Kampfes gegen den Terrorismus im Suez-Kanal und im Arabischen Meer. In Afghanistan jagen die Marines gemeinsam mit den Mudschahidin Osama Bin Laden und Mullah Omar. Das Kommando der US-Bodentruppen ist nach Kuweit transferiert worden, ein erster Schritt in Richtung eines militärischen Engagements in den Ländern, in denen sich das befindet, was von al-Qaida übrig ist: Somalia, Jemen, Sudan und andere. Im Mittelpunkt des Schachbretts bleibt Saddam Husseins Irak, der Kandidat des Pentagons und des Kongresses für den nächsten Angriff."

Zu den Folgen der US-Angriffe in Afghanistan meint der niederländische konservative "Telegraaf":

"Neben dem Sturz des Taliban-Regimes und der Vernichtung des Terrornetzes von Bin Laden zählt es zu den möglicherweise günstigen Folgen des Krieges, dass den armen Schluckern in der arabischen Welt vor Augen geführt wird, dass für ihr Elend eine andere Antwort möglich ist als fundamentalistischer Staatsterror. Neid auf den Reichtum des Westens und seinen Lebensstil hat viele in die Arme des Fundamentalismus getrieben.

Der hat sich aber als ungeeignete Alternative erwiesen. Nur über Modernisierung ihrer Gesellschaft im westlichen Sinn ist letztlich ihr Los zu verbessern. So lange aber dieser Gedanke in der arabischen Welt nicht Gemeingut ist, muss man vor dem Terrorismus auf der Hut sein. Mit der Vernichtung der Taliban ist der Kampf nicht entschieden. Schurkenstaaten und -organisationen, die anderswo für Gefahr sorgen, müssen ebenfalls angepackt werden."

Die römische Tageszeitung "La Repubblica" kommentiert die Jagd auf Terrorführer Osama Bin Laden:

"Bin Laden muss unter allen Umständen gefunden werden, denn ansonsten könnte der am 7. Oktober begonnene Krieg fast als gescheitert betrachtet werden. Der Kreis um den Chef von al-Qaida wird immer enger, aber der Zweifel, dass er sich nicht mehr in den Höhlen von Tora Bora aufhält, beginnt auch bei den US-Befehlshabern hochzukommen. Die Dringlichkeit, die Rechnung mit Bin Laden zu begleichen, ist auch auf die Gefahr neuer terroristischer Angriffe zurückzuführen. Bin Laden würde sich außerhalb Afghanistans sicher fühlen, um eine neue Welle von Terrorangriffen zu beginnen."

Die konservative österreichische Zeitung "Die Presse" meint, eine Friedenstruppe müsse so schnell wie möglich in Afghanistan antreten:

"Die Welle der Hoffnung stiftenden Nachrichten aus Afghanistan - Einigung bei der Bonner-Konferenz, Bestellung eines provisorischen Regierungschefs, Geberkonferenz in Berlin, Kapitulation der Taliban in Kandahar - ist am Wochenende bereits wieder verebbt. In Kandahar wurde um Macht, um Häuser, um Posten gekämpft - nicht nur im übertragenen Sinn. Soll dieses geschundene Land nun in zwei parallele Kriege versinken? In jenen gegen die Terroristen und ihre Beschützer, die von den USA gejagt werden, und in jenen der rivalisierenden Stämme und Allianzen? Soll das Land nun wieder in Blut versinken und die internationale Gemeinschaft die Hände in Unschuld waschen? Um das zu verhindern, muss sich die Uno rasch mit der neuen Regierung in Kabul über eine Friedenstruppe verständigen und diese auf den Weg schicken. Unverzüglich. Kofi Annan erhält heute den Friedensnobelpreis. Afghanistan wird zeigen, ob zu Recht."



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