Debatte über Altersarmut "Seriös, sorgfältig, suche Bügelarbeit"

Altersarmut in Deutschland? Europas Presse forscht nach: "El Mundo" stellt verwundert fest, dass bereits "761.000 deutsche Rentner einen Minijob haben", um ihre Einkünfte aufzubessern. Und "Le Monde" prophezeit auch dem französischen Senioren-Arbeitsmarkt "eine rosige Zukunft".

Arbeitsministerin von der Leyen: Europas Presse staunt über die deutsche Rentendebatte
dapd

Arbeitsministerin von der Leyen: Europas Presse staunt über die deutsche Rentendebatte

Von Katja Petrovic


"Reicht meine Rente noch zum Leben?" Mit dieser Frage brachte die "Bild"-Zeitung die Angst der Deutschen vor Altersarmut auf den Punkt. Ursula von der Leyens Warnung, dass Arbeitnehmer, die unter 2500 Euro brutto im Monat verdienen, im Jahr 2030 eine Rente von nur 688 Euro erhalten und den direkten Weg ins Sozialamt antreten müssen, löste zahlreiche Debatten in der deutschen und zuweilen Erstaunen in der europäischen Presse aus. Denn das Bild des armen Rentners wurde bisher nicht mit Deutschland in Verbindung gebracht.

"Wie ist es möglich, dass Deutschlands Wirtschaft (...) in naher Zukunft nicht mehr in der Lage sein wird, ihre Renten zu sichern?", fragt sich die Zeitung "Gazeta Wyborcza" aus Warschau und erinnert daran, wie

Griechen und Portugiesen voller Neid auf den deutschen Rentner schauen, der seine Ferien im Badeort verbringt. Die Deutschen zögern nicht, Geld im Urlaub auszugeben, und zu Hause können sie sich schicke Autos und Kleidung leisten.

Jedoch schaut das Blatt auch den düsteren Tatsachen im Nachbarland ins Auge:

[...] In 20 Jahren wird das Rentnerparadies aufgrund einer drastisch alternden Gesellschaft verschwunden sein. Im Jahr 2030 wird es in Deutschland mehr Rentner als Berufstätige geben. Das Katastrophenszenario sähe so aus, dass der Staat an der Überbelastung durch Rentenzahlungen und am Mangel an Steuereinkünften (von Seiten der berufstätigen Bürger) letztendlich zusammenbrechen würde. Deshalb haben die Deutschen schon 2006 - als erstes Land in Europa - das Rentenalter von 65 auf 67 Jahre erhöht, um die Rentenlast auf den Staatshaushalt zu reduzieren. Die Reform trat dieses Jahr in Kraft. Doch [die Deutschen] wissen nicht, wie sie die heute 40-Jährigen vor der Armut im Alter schützen können.

Eine Reportage in der spanische Tageszeitung "El Mundo" macht deutlich, dass Arbeiten nach der Rente in Deutschland nicht erst 2030, sondern für viele jetzt schon angesagt ist.

761.000 deutsche Rentner haben einen Minijob, [...] davon sind 120.000 über 75 Jahre alt." Wie Jacob, "der vor kurzem seine Frau verloren hat [...] und nun ihren Minijob übernimmt, dem sie bis zum Schluss nachgegangen ist. Von Montag bis Freitag, vier Stunden am Tag, kümmert er sich um einen Laden, in dem Backwaren und Zeitschriften verkauft werden [...]. Die 400 Euro, die er damit verdient, erlauben ihm, etwas angenehmer zu leben.

Die Zahl der Rentner in Mini-Jobs ist in Deutschland seit ihrer Einführung im Jahr 2003 laut "El Mundo" um 60 Prozent gestiegen. Zwar nutzen viele ältere Menschen diese Gelegenheit, um freiwillig weiter aktiv zu bleiben, doch bei den meisten

handelt es sich nicht um Universitätsprofessoren, die länger arbeiten wollen, sondern um Rentner, die Zeitungen austragen, Regale im Supermarkt auffüllen oder anderen unattraktiven Beschäftigungen nachgehen, um damit ihre Rente aufzubessern.

Zu diesem Schluss kommt auch "Le Monde", die einen Blick auf die Situation der französischen Rentner wirft.

500.000 von insgesamt 15 Millionen Rentnern arbeiten, obwohl sie eine Pension beziehen. Eine Zahl, die sich in den letzten sechs Jahren fast verdreifacht hat. [...] Der Anstieg erklärt sich durch die Entwicklung des Gesetzes, das es seit 2009 erlaubt, neben der Rente einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen, [...] aber auch durch die Krise, die immer mehr Rentner dazu nötigt, wieder eine Arbeit aufzunehmen.

Internetseiten mit Stellengesuchen von Senioren schießen in Frankreich wie Pilze aus dem Boden.

Hinter den wenigen Sätzen, mit denen sich die Bewerber präsentieren, lassen sich finanzielle Engpässe am Ende des Monats und knappe Budgets erahnen. So wie bei Guy ("in Rente seit März 2011, habe immer noch Energie zu geben"), der gern stundenweise Heimwerkertätigkeiten ausführen würde, "weil er nur eine ganz kleine Rente hat". Oder wie bei Nicole ("seriös, sorgfältig, suche ein paar Stunden Bügelarbeit"), die sich ihren Alltag erleichtern will.

Mit der Verarmung eines Teils der Rentnerschaft

blüht dem Senioren-Arbeitsmarkt eine rosige Zukunft. Die kommenden Rentnerwellen stammen aus Generationen, deren Karrieren Unvorhergesehenem, wie Arbeitslosigkeit oder Teilzeitarbeit, ausgesetzt waren; alles Phasen, in denen sie weniger für ihre alten Tage vorsorgen konnten,

schließt das Blatt aus Paris.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
vhe 07.09.2012
1. ...
Vielleicht sollte man ja wirklich mal gucken, wie das Verhaeltnis Arbeitsjahre/Rentenjahre war, als man das Rentenalter auf 65 festgelegt hat, und das aktuelle Rentenalter so legen, das dasselbe Verhaeltnis rauskommt? Oder gleich so, dass das das Verhaeltnis Arbeiter/Rentner wieder so ist, wie damals? (Kriegseffekte natuerlich rausgerechnet.)
renegade24 07.09.2012
2. Wenn unsere Politiker ihren Job
Zitat von sysopdapdAltersarmut in Deutschland? Europas Presse forscht nach: "El Mundo" stellt verwundert fest, dass bereits "761.000 deutsche Rentner einen Minijob haben", um ihre Einkünfte aufzubessern. Und "Le Monde" prophezeit auch dem französischen Senioren-Arbeitsmarkt "eine rosige Zukunft". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,854476,00.html
richtig machen würden, dann hätte alle etwas davon. Sie sollten sich das Schweizrt Modell mal ansehen.....
liebergast 07.09.2012
3. viel zahlen und Geld weg
Pensionen ala Wulff werden gschwind 18500 Steuro erhöht. Ein Mensch welcher ibn die Zwangsversicherung (Pflichtversicherung) einzahlt, bekommt ein Tritt in den Hintern. Sein Geld ist weg. Wenn normale Menschen ihre Rente selber in die Hand nehmen könnten, würde es solche Probleme nicht geben. Aber hier werden Pflich bzw Zwangskassen von Politkern und Beamten verwaltet. Diese nehmen es mit den Arbeitern ihr Geld nicht so genau. Dafür aber mit Lügen über Wasser halten, können sie. Seit 30 Jahren sind die Probleme bekannt und Politiker hatten nicht reagiert. Sind eben keine Pensionen um die es geht. Jetzt nach 30 Jahren Unfähigkeit, wird eben Altersarmut verordnet. Diese ist bereits Gang und gebe, da die Bankenregierung auch den jetzigen Rentenvertreag mit Füßen durch Armutsverordnungen ala Agenda 2010 tritt.
hanfiey 07.09.2012
4. Rosig sieht anders aus
2030 werden weder die Renten noch die Sozialhilfe mehr sicher sein, DE wird es entweder nicht mehr geben oder völlig Pleite mit sozialen Unruhen und massig Problemen sein. Es wird sich also etwas ändern müssen!, Die Ursel von den Leien hat da aber fett ausgesorgt und der Rest weiß nicht weiter. Helfen wird da eine Zuschuss Rente auch nicht, wer nicht vorgesorgt hat ist gekniffen und damit meine ich kein Riester oder ähnl. Blödsinn sondern Aktien, Wohnung und Gold. Das verliert seinen Wert nicht so schnell, es empfiehlt sich auch ein paar Kanadische Dollar liegen zu haben für die täglichen Einkäufe.
smartphone 07.09.2012
5. Für wen werden diese Prognosen gemacht?
Auch eine frau von der lyen muß dringend mal über den sog tellerrand schauen. Wir haben jetzt schon weit über 11-15 Mio Arbeitslose bzw Leutz im besten Alter , die nicht mal 5 -20 Jahre in diese Rentenkasse einzahlen werden/können .... Darunter sehr viele , die man dort nicht erwarten würde: MINT Absolventen , Also Ingenieure und Fachkräfte - udn zwar u.a deswegen ,weil schon 35 jährige ( noch kinderlose ) als Altmetall angesehen werden usw. Bewerben sie sich doch mal als 45 jähriger . das bekommen Sie zu hören - wie 45 wollen sie etwa zum Sterben in unsre Firma kommen.... Das heißt , schon heute wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen inkl KV angesagt . Wo bleibt der Mut der Politiker die Wahrheit zu erkennen -und danach vorallem zu handeln. Sie glauben doch nicht ernsthaft das Volk hier schaut noch lange zu.
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