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14. August 2017, 10:14 Uhr

Stimmen zu Charlottesville

"Dem Ungeheuer am rechtsextremistischen Rand neues Leben eingehaucht"

Donald Trump blieb in seiner Einschätzung der Ausschreitungen in Charlottesville vage und versäumte es, rechte Gruppen zu verurteilen. Die Reaktionen weltweit fallen eindeutiger aus - auch bei Kanzlerin Merkel.

Das Statement des US-Präsidenten nach den rassistischen Ausschreitungen in Charlottesville war vage - vielen gingen die Sätze von Donald Trump nicht weit genug. Am Samstag hatte er die tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremen und Gegendemonstranten im US-Bundesstaat Virginia als "unerhörten Ausbruch von Hass, Fanatismus und Gewalt" verurteilt. Die Kundgebung der Rechtsextremen erwähnte er dabei nicht direkt, sondern sprach pauschal von "Gewalt von vielen Seiten".

Erst später versuchte das Weiße Haus, den Eindruck zu zerstreuen, dass der US-Präsident absichtlich diese Gruppierungen nicht direkt kritisiert hatte. Schließlich war Trumps Wahl von rechtsextremen und rassistischen Gruppen gefeiert worden, sie zählen zu seiner Wählerklientel.

Selbst aus der eigenen Partei gab es Kritik am Verhalten des Präsidenten. In mehreren US-Städten versammelten sich danach die Menschen zu Demonstrationen gegen Rassismus.

Auch Angela Merkel (CDU) drückte den Opfern ihr Mitgefühl aus. Die Bundeskanzlerin bedauere den Tod einer jungen Frau sehr, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Ihre Gedanken sind bei den Angehörigen und Freunden dieser Frau, und sie sind auch bei den Verletzten, von denen wir hoffen, dass sie alle vollkommen genesen werden." Seibert sprach von "absolut abstoßenden Szenen" bei dem Aufmarsch. "Da wurde unverhüllt und in übelster Form Rassismus zur Schau gestellt, Antisemitismus, Hass. Und wo immer es zu solchen Bildern und zu solchen Sprechchören kommt, ist das widerwärtig."

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) warf Trump ein "halbherziges Lavieren zu den rechtsextremen Gewaltausbrüchen" vor. Das sei "fatal", sagte Maas. "Gegen Rassismus sollten alle Demokraten eindeutige Worte finden. Wer da nicht klare Haltung zeigt, muss sich vorhalten lassen, Neonazis sogar noch zu ermutigen", sagte der Minister.

Die Reaktion von Trump rückten auch viele Medien in den Fokus ihrer Kommentare. Ein Überblick.

Die Wiener Zeitung "Der Standard" findet, Trump habe es verpasst, den richtigen Ton zu finden. "Wozu er sich aber bisher nicht durchringen konnte: diesen Vorfall als abscheuliche gewaltsame Reaktion auf eine friedliche Demonstration gegen Rassisten und Rechtsextreme zu verurteilen. Denn damit würde er die Rechte verprellen, in deren Schwitzkasten sich Donald Trump de facto befindet. Und so wird man wohl noch lange auf so drastische Worte warten, wie er sie dieser Tage so gerne in Richtung Nordkorea abfeuert."

Für die Zeitung "Die Welt" war Charlottesville ein Fall von "Neonazi-Terrorismus": "Das auszusprechen fällt der Regierung Trump schwer. Der Justizminister dient einem Präsidenten, dessen Berater rechtsextremen Gruppen manchmal viel zu nahe stehen. Hoffentlich ändert der Anschlag etwas daran. (...…) und vielleicht ist Charlottesville das Ende der Karriere seines Beraters Steve Bannon. Der hat die Nazi-Terroristen glauben lassen, sie hätten in Trump in ihrem Hass auf das 'Establishment' einen Verbündeten."

"Der Rassenkonflikt plagt das Land wie ein Krebsgeschwür, unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung". "Dass Amerika seine Vergangenheit sträflich schlecht aufgearbeitet hat, rächt sich. Gleichzeitig ist nicht von der Hand zu weisen, dass Trumps Wahl den Ultrarechten neuen Auftrieb verliehen hat (...…)."

Der "Guardian" in London meint, Trump habe die Rechtsextremen in seinem Statement absichtlich ausgespart. "Es fällt einerseits schwer zu glauben, dass das ein Versehen von ihm war, und andererseits die Sache lediglich als erneuten Beweis für Trumps mangelnde Eignung für das Amt des Präsidenten abzutun. Trumps Geschwätz war völlig beabsichtigt, bis die Reaktionen das Weiße Haus beunruhigten. Die Sorge ist, dass seine Wahl zornigen weißen Leuten Auftrieb gegeben hat - einschließlich jener, die sich Alt-Right (alternative Rechte) nennen, aber eigentlich als das bezeichnet werden sollten, was sie sind, nämlich weiße Rassenfanatiker.

Die spanische Zeitung "La Vanguardia" kommentiert: "Diese Zweideutigkeit, die der Bewohner des Weißen Hauses gegenüber der extremen Rechten kultiviert, ist unerträglich in einem Land, das sich rühmt, ein Beispiel für Respekt und Menschenrechte zu sein."

"Er bedient sich oft einer Rhetorik der verbrannten Erde, nicht nur im Ausland, sondern auch zu Hause", heißt es in der niederländischen Zeitung "de Volkskrant". "Mit seinen jüngsten Äußerungen dieser Art hat er dem Ungeheuer am rechtsextremistischen Rand neues Leben eingehaucht. Aber vielleicht ist ihm Charlottesville ja auch eine Lehre."

mho/dpa

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