"Primitiv-Islamismus" Muslime streiten über britischen Scharia-Vorstoß

"Wichtiger Diskussionsbeitrag" oder Vorschub für einen "Primitiv-Islamismus"? Britische Muslime streiten über den Scharia-Vorstoß von Erzbischof Williams. Immerhin: Erstmals wird in Großbritannien überhaupt öffentlich über Recht und Praxis des Islam diskutiert.

Von Sebastian Borger, London


London - "Scharia", sagt der liberale Moderator des BBC-Radiomagazins Today, "da denken die meisten Leute sofort an Enthauptungen und Verstümmelungen". Dementsprechend feindselig war auch die Reaktion der meisten britischen Medien auf Überlegungen des Oberhaupts der anglikanischen Staatskirche, Rowan Williams.

Erzebischof Rowan Williams (Archivbild): Britische Muslime widersprechen seinem Scharia-Vorstoß
AFP

Erzebischof Rowan Williams (Archivbild): Britische Muslime widersprechen seinem Scharia-Vorstoß

Dem Zusammenhalt der britischen Gesellschaft würde es nützen, so der Erzbischof von Canterbury in einer Vorlesung vor den höchsten Richtern des Landes, wenn islamische Gerichtsbarkeit im Familien- und Eherecht größere Legitimität bekäme - als einer Art Schlichtungsstelle unterhalb des eigentlichen Zivilrechts. Im BBC-Interview sprach der Geistliche sogar davon, die Einführung der Scharia

Die Betroffenen teilen diese Einschätzung keineswegs. Wie viele andere Briten muslimischen Glaubens zeigt sich auch der Strafverteidiger Zubair Ahmad zunächst einmal "verwirrt" über Williams' Äußerungen. Natürlich gebe es mancherlei Probleme im Spannungsfeld zwischen Religion und Zivilgesellschaft: "Dafür muss man Lösungen finden." Aber die Scharia sei doch ein "sehr viel weitreichenderes Konzept", sagt Ahmad.

Auf seinem Spezialgebiet, dem Strafrecht, spielten islamische Rechtsvorschriften keinerlei Rolle. Daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern, selbst wenn Williams' Anregungen umgesetzt würden: Ausdrücklich distanzierte sich der Erzbischof von Enthauptungen und Verstümmelungen sowie der Unterdrückung von Frauen im Namen Allahs und dem "Primitiv-Islamismus", der solches für gut heiße.

Die Rechtsanwältin Sayeeda Warsi, eine von drei Musliminnen im britischen Oberhaus, will grundsätzlich nichts wissen von Scharia und anderen religiösen Gesetzen. "Wir sind allesamt dem gleichen Gesetz unterworfen, und sollten auch gleich behandelt werden", sagt die Baronin, 36, die dem Schattenkabinett von Oppositionsführer David Cameron angehört.

"Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert"

Schärfer äußert sich einer der drei islamischen Labour-Abgeordneten im Unterhaus. Der Erzbischof habe ja gute Absichten, ätzt Khalid Mahmoud: "Aber der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert." Die überwältigende Mehrheit seiner Glaubensbrüder sei gegen jede Einführung der Scharia in Großbritannien. "Das würde nur Verärgerung darüber verursachen, dass Muslime angeblich bevorzugt behandelt werden."

Die Autorin Khola Hassan schreibt derzeit an einem Buch "Zwischen London und Mekka", das den Zwiespalt von Muslimen im Westen zum Thema hat. Die in Saudi-Arabien geborene Muslima empfindet Williams' Gedanken als "wichtigen Diskussionsbeitrag": Der Erzbischof habe die Scharia ausdrücklich als dem englischen Zivilrecht untergeordnet bezeichnet.

Hassan gibt sich durch ihre Kleidung und ihr Kopftuch zwar als strenggläubig zu erkennen, redet der Scharia in Ehe- und Familienfragen aber keineswegs das Wort. Erst müssten mancherlei Unvereinbarkeiten zwischen muslimischer Praxis und englischem Recht gelöst werden, glaubt Hassan. Zum Beispiel? "Es gibt Polygamie" - von der Scharia erlaubt, in Großbritannien offiziell verboten.

"Es geht nicht um ein Parallelsystem"

Befürworter der Anerkennung religiöser Gesetzgebung beteuern, es gehe nicht um ein Parallelsystem, sondern "um Ehen, Scheidungen, Erbschaftsprobleme", erläutert Ibrahim Mogra vom Britischen Muslimrat, der Williams' Initiative begrüßt.

Derzeit können auf der Insel Angehörige der anglikanischen Staatskirche in einer religiösen Zeremonie heiraten, die automatisch vom Staat anerkannt ist; Paare aller anderen Konfessionen müssen zusätzlich noch aufs Standesamt pilgern. Wer hingegen im Ausland ausschließlich nach islamischem Recht geheiratet hat, gilt in England auch zivilrechtlich als Mann und Frau. Das sorgt gerade unter Einwanderern aus Pakistan und Bangladesch häufig für Verwirrung.

Eines immerhin haben die unausgegorenen Einlassungen des Erzbischofs von Canterbury bewirkt: Erstmals wird auf der Insel außerhalb des kleinen Zirkels religiöser Gelehrter über Rechtsgrundlagen und Praxis des Islam diskutiert.

Welche Folgen dies für die rund 1,7 Millionen Muslimen haben wird? Williams' Vorstoß werde "den anti-islamischen Extremismus stärken und die Arbeit an einer besser integrierten Gesellschaft beschädigen", fürchtet Trevor Phillips von der staatlichen Menschenrechts-Kommission.

Optimistischer gibt sich Mohammed Shafiq von der Ramadhan-Stiftung: Er hofft auf mehr "Respekt und Toleranz". Diesen frommen Wunsch dürfte Erzbischof Williams teilen.



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