Saudischer Ex-Geheimdienstchef "Wir müssen uns überlegen, ob wir uns Atomwaffen zulegen"

Saudi-Arabiens Ex-Geheimdienstchef Prinz Turki Bin Faisal zweifelt am Atomdeal mit Iran. Er fordert den Abbau der iranischen Atomanlagen, andernfalls müsse sich sein Land auch nuklear bewaffnen. Scharf kritisiert er zudem die Syrien-Politik der USA.

Prinz Turki Bin Faisal: "Haben die USA eine Syrien-Strategie?"
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Prinz Turki Bin Faisal: "Haben die USA eine Syrien-Strategie?"

Ein Interview von


Prinz Turki Bin Faisal, 68, war lange Geheimdienstchef Saudi-Arabiens und danach Botschafter in den USA. Gegenwärtig hat er keine offizielle Funktion. Er ist Mitglied der Königsfamilie, Berater König Abdallahs und Leiter des King Faisal Center for Research and Islamic Studies.

SPIEGEL ONLINE: Iran sagt, dass es keine Atombombe will. Glauben Sie das?

Turki: Nein, ich glaube Iran will Atomwaffen bekommen. Ich glaube, Iran ist diesbezüglich wie Nordkorea und letztendlich haben die Nordkoreaner eine Atombombe getestet. Deswegen ist Irans Atomprogramm ein Grund für große Sorge.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie zufrieden mit dem Atom-Abkommen, das in Genf vergangenes Wochenende beschlossen wurde?

Turki: Wir begrüßen diese neue Entwicklung. Von dem, was wir gehört haben, hat Iran versprochen aufzuhören, über ein bestimmtes Niveau hinaus Uran anzureichern, wie es für Waffen gebraucht werden könnte. Aber das Abkommen gilt nur für sechs Monate, es ist nur ein erster Schritt.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie mit solchen Beschränkungen für Irans Atomprogramm dauerhaft leben?

Turki: Nein, es ist ein guter Schritt, aber wir brauchen die vollständige und definitive Zerstörung aller atomaren Fähigkeiten in unserer Region, inklusive der Israels. Wir wollen eine Zone frei von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten. Es geht nicht allein um Atomwaffen, es geht auch um das Unfallrisiko. Die iranische Atomanlage Buschehr ist weniger als 300 km von Saudi-Arabien entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihnen damit, dass die ständigen Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats und Deutschland (P5+1) mit Iran Entscheidungen treffen, die Ihre Sicherheit beeinflussen, und Saudi-Arabien ist nicht dazu eingeladen?

Turki: Das ist das Allererste, das sich ändern muss. Die Golfstaaten sollten mit am Tisch sitzen bei den Verhandlungen mit Iran. Aus den P5+1-Ländern müssen die P5+2 werden, mit dem Golfkooperationsrat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Vergangenheit davor gewarnt, dass andere Länder in der Region nachziehen könnten, wenn Iran seine atomaren Fähigkeiten ausbaut. Ist jetzt der Zeitpunkt für Saudi-Arabien gekommen, sich Atomwaffen zuzulegen?

Turki: Wir sind jetzt in der Situation, dass die Atomverhandlungen mit Iran noch Jahre andauern werden, während sowohl Iran als auch Israel ihre atomaren Fähigkeiten ausbauen. Ich glaube, nicht nur Saudi-Arabien, sondern die Golfstaaten insgesamt müssen sich alle Alternativen anschauen - inklusive der, Atomwaffen zu erwerben. Wir müssen uns entscheiden, welchen Weg wir einschlagen wollen und diesen zu Ende gehen. Wenn Iran Nuklearwaffen besitzen sollte, dann würde ihre Verbreitung zur Norm.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich von Iran bedroht?

Turki: Die Iraner haben ihren Einfluss ausgeweitet im Libanon, im Irak, in Syrien, Bahrain und im Jemen. Selbstverständlich sind wir besorgt. Einige dieser Länder grenzen direkt an Saudi-Arabien. Erst vor kurzem haben irakische Milizen uns attackiert. Verrückte wie diese Menschen werden durch die Ausweitung des iranischen Einflusses bestärkt.

SPIEGEL ONLINE: Welches Signal sendet die Genfer Atomeinigung mit Iran für Syrien?

Turki: Das ist die nächste tragische Entwicklung. Niemand spricht mehr über Irans Einmischung dort. Iran muss sofort seine Revolutionsgardisten aus Syrien abziehen und seinen Freunden von der libanesischen Hisbollah und den irakischen Abbas-Brigaden sagen, dass sie Syrien verlassen und in ihre eigenen Länder zurückkehren sollen. Iran muss aufhören, Baschar al-Assad dabei zu helfen, sein eigenes Volk umzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit saudi-arabischer Unterstützung für Rebellengruppen?

Turki: Die syrische Regierung führt einen mörderischen Feldzug gegen ihr eigenes Volk. Man muss die Parteien auf Augenhöhe bringen. Man muss der Opposition helfen, sich selbst zu verteidigen. Es werden niemals ernsthafte Friedensverhandlungen möglich sein, die ein dauerhaftes Ergebnis bringen, wenn man nicht Verhandlungspartner auf Augenhöhe hat.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie glauben, dass vor den "Genf 2"-Verhandlungen zu Syrien, die für den 22. Januar angesetzt sind, den gemäßigten syrischen Rebellengruppen mehr Waffen geliefert werden sollten?

Turki: Absolut.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie enttäuscht über die Zurückhaltung der Amerikaner gegenüber der syrischen Opposition?

Turki: Ich bin nicht nur über die USA enttäuscht, sondern über die ganze Welt. Es sind bei Syrien schon fast drei Jahre vergangen, und ich weiß immer noch nicht, was die Haltung der USA ist. Was sind zulässige Formen von Gewalt, und welche sind es nicht? Es ist grundsätzlich zu begrüßen, wenn das Chemiewaffenarsenal eines Landes zerstört wird. Aber es wäre ein tragischer Fehler zu glauben, dass das bei Syrien ausreicht. Haben die USA eine Syrien-Strategie? Ich habe bisher nichts von einer Strategie mitbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Hossein Mousavian, ein iranischer Diplomat, hat diese Woche in Berlin beim Außenpolitik-Forum der Körber-Stiftung Saudi-Arabiens Unterstützung für Syriens Rebellen kritisiert. Mousavian und Sie haben sich gegenseitig vorgeworfen, die konfessionellen Spannungen in Syrien zu befeuern. Was sagen Sie zu den Vorwürfen?

Turki: Saudi-Arabien hat jahrelang mit dem Assad-Regime zusammengearbeitet - ohne Rücksicht auf Konfession oder Ethnie. Saudi-Arabien zu beschuldigen, konfessionelle Spannungen befeuert zu haben, ist falsch. Aber was ist mit Iran? Ich habe Mousavian gefragt: Was machen eure Revolutionsgardisten in Homs und Aleppo? Urlaub? Sightseeing? Nein, sie sind dort, um Assad zu helfen, sein Volk umzubringen.

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heinz.wutz 01.12.2013
1. Eine völlig logische Schlussfolgerung
Zitat von sysopREUTERSSaudi-Arabiens Ex-Geheimdienstchef Prinz Turki al-Faisal zweifelt am Atomdeal mit Iran. Er fordert den Abbau der iranischen Atomanlagen, andernfalls müsse sich sein Land auch nuklear bewaffnen. Scharf kritisiert er zudem die Syrien-Politik der USA. Prinz Turki al-Faisal aus Saudi Arabien zum Atomdeal mit Iran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/prinz-turki-al-faisal-aus-saudi-arabien-zum-atomdeal-mit-iran-a-936617.html)
Und die Saudis werden nicht die einzigen sein. Es werden bestimmt noch andere Staaten in der Region folgen. Nur bitte sollen die Befürworter des iranischen Atomprogramms jetzt nicht mckern. Diese Entwicklung war von Anfang an klar. Sowieso gehe ich davon aus, dass sich in spätestens 20 Jahren die Zahl der Atommächte auf der Welt verdoppelt haben wird, womit die Möglichkeit eines lokalen Atomkriegs außerordentlich steigen wird. Auf eine strahlende Zukunft!
citi2010 01.12.2013
2. optional
Ich empfehle jedem, sich mal mit der Historie der saudischen Stämme - besonders seit Anfang 19. JH - zu befassen. Geschickt waren sie, die Dinge zu ihrem Vorteil zu wenden. Allerdings waren Vereinbarungen mit ihnen selten mehr Wert, als das Papier auf dem sie besiegelt wurden.
aurichter 01.12.2013
3. Prinz Faisal
will Atomwaffen kaufen - kaufen!! Dies Wüstenvolk würde mangels technischen Fortschritt in der restlichen Welt nicht einmal wissen, wie eine Atombombe funktioniert, aber der gute Mann will die Bomben kaufen. Wo den? Bei Harrot in London oder im Internet bei Ebay? Lächerliche Gedankengänge.
Anton Waldheimer 01.12.2013
4. Gefahr
Auch wenn die Saudis niemals in der Lage sein werden , diese Waffen in Richtung Israel abzufeuern werden sie für Israel viel gefährlicher sein als alle iranischen Anlagen, weil bei den Saudis die Unfallgefahr so groß ist, da könnten leicht einmal alle Bomben auf einmal an Ort und Stelle Pfumm machen und die Erdatmosphäre für Jahrhunderte beeinträchtigen
hbblum 01.12.2013
5. Wie sollen.....
...sich die arabischen Staaten an einen Tisch setzen, wenn jeder meint, er hätte als einziger Recht. Wie soll es zu Frieden in Syrien kommen, wenn die Saudis den Abzug der Freunde Teherans fordern, ihre eigene Unterstützung der Konfliktparteien aber als unverzichtbar erklären. Vielleicht sollten die "Gegner Israels" mal zu einer Vorwärts gewanden Politik kommen, indem Sie Ihren eigen Laden auf Vordermann bringen. So ist es halt leichter, immer den anderen die Schuld zu geben. Und überhaupt die Saudis. Währen die nicht so reich, hätten die längst auch einen Bürgerkrieg im eigenen Land.
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