Private Sicherheitsdienste im Irak Söldner außer Kontrolle

Es ist ein Geschäft mit der Angst: Dutzende private Sicherheitsfirmen verdienen im Irak viel Geld mit dem Schutz von Geschäftsleuten und Regierungsbeamten. Ihre Waffen setzen die Bodyguards dabei nicht gerade zurückhaltend ein. Nicht selten geraten harmlose Zivilisten unter Beschuss.

Bagdad - Es war ein Angriff ohne Warnung. Mit zwei Fahrgästen war Taxi-Fahrer Mohammed Nouri Hattab, 32, in seinem Wagen auf einer Hauptstraße im Bagdader Bezirk Masbah unterwegs. Gerade hatte er zwei Fahrgäste aufgelesen, als plötzlich aus einer Seitenstraße der aus fünf Fahrzeugen bestehende Konvoi des Sprechers der US-Botschaft, Robert J. Callahan, preschte. Voller Respekt hielt Hattab rund 15 Meter vor dem Konvoi an. Dann durchlöcherten Maschinengewehrsalven seinen Wagen, abgefeuert aus den Begleitfahrzeugen des Botschaftssprechers. Einer von Hattabs Fahrgästen starb, er selbst wurde in der Schulter getroffen.

So beschreibt die US-Zeitung "Los Angeles Times" unter Berufung auf Augenzeugen und US-Regierungsvertreter einen Vorfall aus dem Mai dieses Jahres. Er wirft ein Schlaglicht auf das Chaos auf den Straßen Bagdads und auf eine Branche, die im Ruf steht, die Mission des Wiederaufbaus im Irak nicht unbedingt einfacher zu machen: private Sicherheitsdienste.

Tausende schwer bewaffneter privater Leibwächter sind im Irak tätig, unter Vertrag genommen von der US-Regierung oder Privatunternehmen. Etliche Male schon waren diese Sicherheitsdienste in Schießereien verwickelt. Strafrechtliche Folgen hatte das für die Mitarbeiter der Firmen bislang nicht, obwohl sie sich in mindestens einem Fall mit tödlichem Ausgang nicht legal verhalten haben, wie die US-Zeitung "Los Angeles Times" jetzt berichtete.

Juristische Grauzone

Stattdessen würden die Sicherheitskräfte lediglich nach Hause geschickt. Die Branche arbeite in einer juristischen Grauzone, heißt es in dem Bericht. Nach einer Anweisung der Übergangsregierung, die den Irak bis Juni 2004 verwaltete, sollen Sicherheitskräfte, denen Fehlverhalten vorgeworfen wird, in ihren Heimatländern strafrechtlich belangt werden. Offenbar eine Regelung, die sie bislang nicht fürchten mussten. Geleichzeitig genießen sie gegenüber irakischen Gerichten Immunität - eine wenig zufriedenstellende Situation für Iraker, die ungerechtfertigte Schüsse bestraft sehen wollen.

Nach Informationen der "LA Times" ist der US-Regierung das Problem der mangelnden Kontrolle über die privaten Sicherheitsdienste bekannt. Dem Bericht zufolge gab es seit November 2004 fast 200 "ernsthafte Zwischenfälle" mit Beteiligung privater Unternehmen. In elf Prozent der Fälle hätten deren Mitarbeiter auf Fahrzeuge von Zivilisten geschossen.

Über die Hintergründe der Schießereien und das Schicksal der Fahrzeuginsassen sei nichts bekannt. Die Berichte über die Zwischenfälle - von den Sicherheitsunternehmen freiwillig beim Pentagon eingereicht - sagten jedoch aus, dass die Beschützer ihrerseits nicht aus den Fahrzeugen unter Beschuss geraten waren, sondern sie auf sie feuerten, weil sie in ihnen Selbstmordattentäter vermuteten.

Rücksichtslose Söldner

Die jetzt veröffentlichten Berichte bilden den Angaben zufolge nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Zwischenfälle ab, zahlreiche andere dokumentierte Fälle würden vom Verteidigungsministerium unter Verschluss gehalten.

Die Sicherheitsunternehmen schützen im Irak sowohl US-Beamte wie auch Geschäftsleute. Laut der Zeitung werden die meisten von der US-Regierung bezahlt - doch keine US-Behörde kontrolliere sie. Im vergangenen Jahr schätzte das Pentagon, dass rund 60 Sicherheitsunternehmen mit 20.000 Mitarbeitern im Irak tätig seien. Laut einem Bericht des US-Rechnungshofes sollen die Firmen seit 2003 durch das Geschäft mit der Angst rund 766 Millionen US-Dollar verdient haben.

Kritiker bemängeln, dass zwar der überwiegende Teil der Sicherheitsbeamten hochprofessionell sei - viele standen früher selbst im Dienst des US-Militärs -, es gebe jedoch auch zahlreiche teure, rücksichtslose Söldner. Ein Team privater Sicherheitsleute zum Schutz eines US-Regierungsbeamten könne bis zu 5000 US-Dollar am Tag kosten.

Die Sicherheitsbranche verteidigt unterdessen den raschen Griff zur Waffe. Die Mitarbeiter hätten oft nur Sekunden, um zu entscheiden, ob am Steuer eines sich nähernden Fahrzeuges Aufständische oder Unschuldige säßen. Der Irak sei nun einmal ein Kriegsgebiet, in dem Fehler passieren, zitiert die "LA Times" einen Interessenvertreter.

Trotzdem haben einige Firmen mittlerweile freiwillige Entschädigungsprogramme aufgelegt, schreibt die "LA Times" unter Berufung auf Brachenvertreter. Ein offizielles System wie das für Fälle mit Beteiligung von US-Truppen gibt es jedoch nicht. US-Soldaten, die ungerechtfertigt das Feuer auf Zivilisten eröffnet haben, müssen sich vor Militärgerichten verantworten, was bereits zur Verurteilung von mindestens zehn Mitgliedern des US-Militärs geführt hat.

Auch Taxifahrer Hattab möchte eine Entschädigung. Seinen eigentlichen Job als Angestellter des Ölministeriums musste er aufgeben, weil er seinen rechten Arm nicht mehr bewegen kann. Auf der Suche nach Gerechtigkeit wird Hattab dem Bericht zufolge nun zwischen irakischen Gerichten und US-Vertretern hin- und hergeschickt. Unter Berufung auf inoffizielle Angaben schreibt die "LA Times", das Unternehmen "Blackwater USA" aus North Carolina solle für den Angriff auf Hattabs Taxi verantwortlich sein. Die Konsequenz: Zwei Mitarbeiter seien entlassen worden. Vor einem Gericht mussten sie sich bislang nicht verantworten.

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