"Vote Leave"-Kampagne in Großbritannien Wenn der Brexit dreimal klingelt

Teure TV-Spots, spektakuläre Demos - schön und gut. Die Kärrnerarbeit der Brexit-Kampagne aber machen die Wahlkämpfer auf der Straße. Sie ziehen von Tür zu Tür, für ein Großbritannien ohne Europa.

"Vote Leave" in Enfield Town
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"Vote Leave" in Enfield Town

Aus London berichtet  


Markttag in Enfield Town, einem Stadtbezirk im Norden Londons: Camelo verkauft seine hausgemachte Pasta Bolognese, an den Ständen daneben werden polnische Piroggen, türkische Gözleme und vietnamesische Pho-Nudelsuppe angeboten. Ein Duft aus Koriander, Knoblauch und dem Rauch des Pizzaofens.

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Heft 24/2016
Warum wir die Briten brauchen. Why Germany needs the British

Hinter dem großen Pavillon, unter dem auf Tischen und Bänken gegessen wird, ragt der Pub The Kings Head hervor. Auch dort sitzen Gäste in der Sonne, trinken Guinness und essen Fish-and-Chips. In der oberen Etage des ehrwürdigen Gebäudes von 1899 hat sich die "Vote Leave"-Kampagne versammelt - mit Europa, der Welt direkt vor der Tür.

Aus dem kleinen Raum organisieren sie das sogenannte Canvassing, die Tür-zu-Tür-Aktionen vor dem Brexit-Referendum. Etwa 50 Ehrenamtliche werden dort in Kleingruppen eingeteilt, mit dem Einsatzplan, Flyern und Argumenten ausgestattet. Sie sollen im Namen der offiziellen Kampagne der EU-Gegner die Anwohner des Stadtteils überzeugen, am 23. Juni ihr Kreuz bei "No" zu machen.

Aus der Bahn geworfen

Maria Murphy, Theodora Dickinson und Tom Hunt gehören dazu. Die beiden Studentinnen aus London haben sich schon ihre roten T-Shirts mit dem "Vote Leave"-Slogan übergezogen. Alle drei sind bereit, an die Türen der Briten zu klopfen, im Sinne der Mission. Auch auf ihren Flyern steht "Vote Leave, take back control", "Stimmt für den Austritt, holt euch die Kontrolle zurück". Kontrolle über die britischen Gesetze, über die Grenzen, über innere Sicherheit. Und damit gegen europäische Mitbestimmung, gegen Einwanderung, gegen Terrorismus. So geht die Linie der EU-Gegner.

Der brutale Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox hat das Team für einen Moment aus der Bahn geworfen, ein paar Tage waren sie danach nicht mehr draußen. "Was passiert ist, war weit mehr als nur tragisch", sagt Tom, die Attacke habe ihn sehr verstört. "So etwas konnte für unsere Kampagne nicht folgenlos bleiben." Doch nun sind die jungen Konservativen wieder in London unterwegs, klopfen an Türen, verteilen Flugblätter, stellen sich den Debatten.

Natürlich blieben sie bei ihren inhaltlichen Forderungen, sagt Tom, die hätten sie eh vernünftig und in angemessener Weise vertreten. Dennoch versuche der 27-Jährige nun, wie auch die prominenten Brexit-Befürworter, noch mehr darauf zu achten, dass er im Ton ruhig bleibt, dass auch in der Hitze der Argumentation keine scharfen Worte fallen. Am Montagabend etwa, als er mit dem Labour-Politiker Richard Howard auf einem Podium saß. Der kannte Jo Cox persönlich.

Zähe Überzeugungsarbeit

In der Churchbury Road öffnet ihnen ein junger Mann die Tür, der offensichtlich gerade aus der Dusche kommt, sein Oberkörper ist nackt. Tom legt los: Beim Referendum gehe es um britische Selbstbestimmung und die Kontrolle der Einwanderung. Doch der Anwohner will wissen: "Und was kommt danach? Wofür wird dann das Geld ausgegeben, was nicht an Brüssel überwiesen wird?" Dass es ins britische Gesundheitssystem NHS fließen soll oder in Schulen, will er nicht glauben.

Minutenlang versucht Tom, ihn zu überzeugen. Diese Fragen müssten erst in den kommenden zwei Jahren verhandelt werden - würden aber in jedem Fall im Sinne der Briten ausgehen.

Dann fällt die Tür zu. "Wie wars? Ja oder Nein?", fragt Theodora, die 23-Jährige notiert die Gesprächsverlaufe für die statistische Auswertung. "Ich glaube, die Diskussion hat sich gelohnt", sagt Tom. "Er war noch unentschieden." "Und hast du ihn überzeugt?", hakt Maria nach. "Nicht wirklich", lautet seine Antwort.

Vor den nächsten Häusern läuft es kaum besser: "Wir können uns selbst verteidigen und trotzdem in der EU bleiben", sagt der Mann in Nummer 27. Der Turbanträger im Nebenhaus klingt ähnlich skeptisch, ebenso das asiatische Paar, das das Brexiteer-Trio beim Renovieren unterbricht.

Thema Migration, ausgerechnet im Einwandererviertel

Die Drei stehen vor einer harten Aufgabe. Enfield ist ein Teil der britischen Hauptstadt, der für seine multikulturelle Anwohnerschaft bekannt ist. Etwa 15.000 Menschen leben im Zentrum, Enfield Town, rund sieben Prozent von ihnen sind EU-Migranten, zehn Prozent wanderten aus anderen Ländern ein. Im ganzen Stadtbezirk sind von mehr als 310.000 Einwohnern etwa 35 Prozent Nicht-Briten. Zum Vergleich: In Großbritannien liegt diese Quote nur bei knapp 14 Prozent. Auch die Arbeitslosenquote lag 2012 mit mehr als zwölf Prozent deutlich über dem Londoner und auch über dem britischen Durchschnitt.

Enfield galt bis vor Kurzem als Problemviertel: Vor fünf Jahren hatte es im Stadtbezirk Krawalle gegeben. Im August 2011 griffen Jugendliche ein Polizeiauto an und warfen Fensterscheiben ein. In der Folgenacht ging ein Elektroniklager in Flammen auf. Hintergrund war der bis dahin nicht vollständig aufgeklärte Tod eines 29-Jährigen: Ein Polizist hatte den Familienvater erschossen, Einheimische glaubten die offizielle Version zur Todesursache nicht.

Mittlerweile jedoch ist Enfield Town gut mit der Bahn erreichbar, auch nachts. Seitdem zieht es vermehrt Pendler in den von Wäldern umgebenen Stadtkern, die Mieten steigen.

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Auf das Thema Migration gehen die Volunteers dann auch bei ihrer Wahlkampftour ein. Immerhin hat Nigel Farage, Ukip-Chef und einer der Hauptvordenker der aktuellen Brexit-Bewegung, das Thema Zuwanderung zu einem der Hauptaspekte der Kampagne gemacht.

Fan der Kanzlerin - "bis sie die Flüchtlingspolitik vergeigte"

"Ich liebe Nigel", sagt Maria und steckt die nicht verteilten Flyer zurück in ihre pinkfarbene Handtasche. Als Tory-Wählerin würde sie ihre Stimme zwar niemals der Ukip-Partei geben, sagt die 19-Jährige. Aber es sei gut, dass Farage das Referendum vorangetrieben habe. Schließlich ist es dem Erfolg der Rechtspopulisten zu verdanken, dass Premier David Cameron die Abstimmung überhaupt anberaumen musste. Wenn Farage oder Camerons Gegner aus den konservativen Reihen, Boris Johnson, anfangen zu wettern, sieht die In-Kampagne dagegen blass aus.

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Brexit-Referendum: Die Brexiteers

Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens findet Maria undemokratisch und viel zu teuer. Ihre Familie in Scarborough, in North Yorkshire, habe über Generation vom Fischfang gelebt. Diese gesamte Industrie habe Brüssel mit den Fangquoten zerstört, sagt sie - und setzt das Canvassing entschlossen fort. (Lesen Sie hier eine Analyse zu den Kosten, die den Briten durch die EU-Mitgliedschaft entstehen.)

Es sei gut, dass Farage das Tabu gebrochen und über Migration gesprochen habe, pflichtet Tom bei. Europa als ein einziges Land sei eine schlechte Idee: "Es gibt einfach zu viele verschiedene Kulturen hier." Als Konservativer sei er lange auch Fan von der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel, gewesen - bis sie die Flüchtlingspolitik "vergeigte": "Jedem zu sagen, er könne kommen, ohne dabei an die Konsequenzen zu denken, die das für andere Staaten wie Großbritannien haben könnte, ist unverantwortlich", so Tom.

Endspurt, von Tür zu Tür

Vor zwei Jahren kandidierte der heute 27-Jährige für das Parlament, heute ist er für die Torys Stadtrat in Cambridgeshire. Der Ukip werde er nie beitreten, sagt er. Als Grund nennt er jedoch lediglich, dass kleine Parteien aufgrund des Mehrheitswahlrechts keine aktive Politik ausüben können. Über die rechtspopulistischen Inhalte sagt er nichts.

Von den erfolglosen Gesprächen und den vielen Türen, die in der Churchbury Road an diesem Samstag verschlossen blieben, will er sich nicht entmutigen lassen. Zuviel steht auf dem Spiel: Von einem Brexit erhofft er sich viele Trittbrettfahrer. Die Niederlande etwa könnten auch aus der EU austreten, oder Dänemark. Außerdem seien London und Umgebung nicht repräsentativ, fern der Hauptstadt treffe er mehr Brexit-Befürworter, sagt Tom.

Auch wenn sich die Umfragen seit der tödlichen Attacke auf die Labour-Nachwuchshoffnung wieder in Richtung der EU-Befürworter gedreht haben, sagt er: "Ich bin mir sicher, dass wir am Donnerstag für den Brexit stimmen." Für den Endspurt ziehen Maria, Theodora und Tom weiter durch London - von Tür zu Tür für den Brexit.

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
Claudia_D 21.06.2016
1. "Vote Leave"
Ja, ich bitte drum, unbedingt. Aber hinterher bitte nicht nölen, wenn das böse Erwachen kommt, OK?
rechthaber76 21.06.2016
2. Keine Angstmacherei !
Die ganze Angstmache vor einem Brexit hängt mir zum Hals raus. Es ist ja keinesfalls so, dass sich die Briten von Europa abkoppeln wollen. Sie sehen einfach, dass die EU nach jetzigem Muster nicht mehr funktioniert und schlichtweg am Ende ist. Die EU ist - gesteuert von Brüssel, zu einem von der Realität abgekoppelten Haufen Beamter mit missionarischem Eifer zur Weltverbesserung verkommen. Allerdings funktioniert das gigantische Guntmenschentum aus Umverteilung, Regelungswut und Ökodiktatur sowie Flüchtlings- und Arbeitskräfteverteilung nicht bzw. geht natürlich zu Lasten des einfachen Arbeiters in den Gebernationen. Das haben die Briten richtig erkannt und eins ist klar: mit oder ohne Brexit wird es nicht so weitergehen! Gott sei Dank!
nibal 21.06.2016
3. Für die EU großartig
Ausgerechnet das Land das die meisten Sonderregelungen mit der EU getroffen hat will sich zurückziehen um danach über viel schlechtere und teurere Wege die EU Vorteile wieder einzukaufen - ohne diese Sonderrechte. Für die EU absolut großartig - einen so vertrottelten Verhandlungspartner kann man sich nicht mal ausdenken, diese Komödie schrieb das Leben.
mystyhax 21.06.2016
4. Zusammenhänge erkennen?!
Zitat: "Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens findet Maria undemokratisch und viel zu teuer. Ihre Familie in Scarborough, in North Yorkshire, habe über Generation vom Fischfang gelebt. Diese gesamte Industrie habe Brüssel mit den Fangquoten zerstört, sagt sie - und setzt das Canvassing entschlossen fort" Liebe Maria die Fang Quote macht Sinn. Ansonsten würde jeder Kontrollmechanismus fehlen und die Meere würden überfischt werden. Dann wäre die Existenzgrundlage deiner Familie so oder so verloren. Egal ob sie traditionell kleinere Mengen fischen oder nicht. Die Quoten gelten für große Fischereibetriebe oder kleinere Fischer. Aufgrund dessen für einen Brexit zu stimmen ist absurd.
m.w.r. 21.06.2016
5. Buisness as usual
Die Folgen des Brexit? Die Briten fahren weiter auf der anderen Seite der Strasse, messen weiter in Zoll , zahlen in Pfund,trinken ihr Bier aus Pints. Die Briten werden weiter am Eurovision Song Contest teilnehmen und in der Championsleague ihre Mannschaften haben, die Queen Elizabeth 2 wird an jedem europäischen Hafen anlegen dürfen und es werden auch keine Flüchtlinge von Calais nach Dover fahren dürfen. Auf Jersey wird europäisches Geld weiter wie bisher steuerfrei gemacht und Queen Elizabeth ist weiter Chefin im Commonwealth. Also wie sagt der Brite: "Buisness as usual."
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