Projekt in Ostafrika Bauern können sich gegen Hunger versichern

Die Assekuranz hilft bei Ernteausfällen: Wer einzahlt, bekommt bei Dürre oder sonstigem Wetterchaos eine Entschädigung. Das Projekt eines Schweizer Agro-Konzerns soll bedrängten Kleinbauern in Ostafrika helfen - aber es hat einen entscheidenden Haken.

Kenianischer Kleinbauer im Maisfeld: Versichert wird nur Hybridsaatgut
AP

Kenianischer Kleinbauer im Maisfeld: Versichert wird nur Hybridsaatgut

Von Laura Koch, Nairobi


Rebecca Koech hat schon bessere Ernten gesehen. Der Mais auf ihrem Feld steht braun und trocken, die Stauden sind kurz und geknickt, Kolben gibt es keine - die Ernte ist verloren.

Das Feld von Rebecca Koech und ihrem Mann John liegt unweit von Kitale im Westen von Kenia, im Rift Valley, einer der Kornkammern des Landes. Saftiges Gras, haushohe Akazien und rote, kräftige Erde lassen die Fruchtbarkeit der Region erahnen. Doch diesmal wurde nichts daraus, jedenfalls nicht beim Mais. "Letzten November gab es zu viel Regen, das hat die gerade gesetzten Maispflänzchen zerstört", sagt die Bäuerin mit dem stoppelkurzen, leicht angegrauten Haar. Die ausgefallene Ernte ist nicht nur für die Koechs bitter, das ganze Land leidet mit: Mais ist in Kenia ein Grundnahrungsmittel.

Es ist schwer geworden für die Bauern in Ostafrika. Der Klimawandel trifft sie hart, und nicht wenige kämpfen Ernte für Ernte um Einkommen und Existenz. Die Sonne scheint länger, der Regen fällt heftiger, und selbst das sonst so fruchtbare Rift Valley ist vor den abrupten Wechseln nicht gefeit.

Auch langjährige Erfahrung hilft den Farmern nichts mehr: Ernteverluste oder Totalausfälle häufen sich rapide, Hilfen durch die Regierung gibt es nicht. Und von Versicherungen halten die Kenianer nicht viel: Zu oft in der Vergangenheit verschwand das einbezahlte Geld auf Nimmerwiedersehen.

12.000 Kleinbauern machen auf Anhieb mit

Nun tritt eine Stiftung an, den bedrängten Bauern unter die Arme zu greifen. Die Stiftung ist eine Tochter von Syngenta, dem milliardenschweren Schweizer Agro-Konzern, der sein Geld vor allem mit Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmitteln verdient. "Kilimo Salama Plus" heißt das Projekt und es wird gemeinsam von der Stiftung, einem kenianischen Versicherer und Safaricom, einem der größten Mobilfunkanbieter Afrikas, getragen. Zielgruppe sind vor allem Kleinbauern, die sich zum einen gegen die Wetterunbill absichern, aber auch die Produktivität steigern sollen. So jedenfalls die Kernidee des Projekts.

Schon vor zwei Jahren hatte die Syngenta-Stiftung das Projekt "Kilimo Salama" (auf Suaheli "Sichere Landwirtschaft") ins Leben gerufen. Seither können Kleinbauern ihre Investitionen für Dünger, Saatgut und Pestizide (nicht zuletzt von Syngenta) versichern, aber stets nur für bestimmte Anbaukulturen. Die Versicherungsprämie liegt bei zehn Prozent der Investitionen. Die Hälfte zahlt der Kleinbauer, die andere Hälfte wird von den Initiatoren der Versicherung und der Weltbank aufgebracht, die das Projekt begleitet. Auf Anhieb hatten sich 12.000 Bauern beteiligt, 1200 bekamen zwischen 15 und 50 Prozent der Investition ausbezahlt.

Ein Bauer, der einen halben Hektar bewirtschaftet, kann in Kenia bei einem Einsatz von rund 13.000 Schilling einen Ertrag von etwa 30.000 Schilling erwarten. Die Versicherungsprämie beträgt rund 3000 Schilling (zehn Prozent). Fallen während der Wachstumsphase rund 20 Prozent weniger Regen, fällt auch die Ernte erfahrungsgemäß ähnlich reduziert aus. Wer nun eine Versicherung abgeschlossen hat, bekommt die fehlenden 20 Prozent (6000 Schilling) ausbezahlt.

Das sprach sich offenkundig herum, und in der darauffolgenden Saison stieg die Zahl der Teilnehmer auf 20.000 an.

Die Entschädigung wird per Handy ausgezahlt

Nun gibt es "Kilimo Salama Plus", der Versicherungsschutz gilt bei Bedarf auch für die Arbeitsleistung und die ganze Ernte. Das Assekuranz-Modell für die Kleinbauern funktioniert nur, weil die Partner das Verfahren bis ins Detail automatisiert haben. Die Stiftung hat in der Region ein engmaschiges Netz von solarbetriebenen Wetterstationen errichtet. Die Daten werden über das Safaricom-Mobilfunknetz ständig abgerufen und in einem Rechenzentrum mit dem Durchschnittsklima der vergangenen Jahre und den Ernteergebnissen der jüngeren Vergangenheit abgeglichen. Anhand dieser Resultate reguliert die Versicherung allfällige Schäden, eine Einzelfallprüfung findet nicht mehr statt. Bezahlung der Prämie und Schadensregulierung erfolgen über M-Pesa, das Geldtransfersystem, das ohne Banken und komplizierte Konteneröffnung auskommt, per Handy funktioniert und Safaricom so weltberühmt gemacht hat.

Die Bauern profitieren von der Versicherung, weil sie in schlechten Jahren zumindest so viel Geld ausbezahlt bekommen, dass sie neues Saatgut oder Dünger kaufen können. Daran hapert es häufig bei afrikanischen Bauern, und viele kommen aus der Armutsfalle nicht mehr heraus. Zudem werden die Bauern, die versichert sind, über ihr Handy regelmäßig mit Hinweisen für den Mais-, Sorgum- oder Bohnenanbau versorgt.

Wie der Agro-Konzern Syngenta profitiert

Aber auch Syngenta kommt nicht zu kurz. Der Konzern profitiert von dem Projekt, indem er die Bauern an sich bindet. Versichert wird nämlich nur Hybridsaatgut (von Syngenta oder Seedco, dem afrikanischen Vertriebspartner), das jedes Jahr neu gekauft werden muss.

Ist die Abhängigkeit vom Hybridsamen erst einmal da, ist der Dauerkunde geboren. Nicht alle sehen das Versicherungsprojekt deshalb uneingeschränkt positiv. "Die Unternehmen können die Preise für Hybridsaatgut nach Belieben erhöhen", sagt Johan van der Kamp von der Deutschen Welthungerhilfe in Nairobi. Zudem verringere eine immer geringere Auswahl an Produkten die Artenvielfalt. Hybrides Saatgut ist zwar Normalität in der weltweiten Agrarwirtschaft, doch van der Kamp bleibt kritisch: "Am Ende verlieren die Bauern."

Bei Syngenta sieht man das naturgemäß anders. Stiftungs-Direktor Marco Ferroni hofft, 50.000 Farmer für "Kilimo Salama Plus" gewinnen zu können. Es soll auch Bauern mit größeren Anbauflächen anlocken - Bauern wie Rebecca und John Koech. Die Koechs denken nun tatsächlich darüber nach, ihren Mais und ihre Bohnen bei der Assekuranz abzusichern.

Denn insbesondere der Mais ist problematisch unter den klimatischen Bedingungen, wie sie in Kenia herrschen. "Maisanbau in Kenia macht wenig Sinn", sagt Entwicklungshelfer van der Kamp. "Es regnet einfach nicht ausreichend." Aber der Maisbrei ist beliebt. Auch deshalb kommt das Projekt von Syngenta für Kleinbauern wie die Koechs gerade recht. Sie werde auch in Zukunft Mais anbauen, sagt Ehefrau Rebecca: "Natürlich ist eine Versicherung für uns besser als keine."



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
albert schulz 02.04.2011
1. kolonial ist einfach
Ähnliche Faxen der großen Saatgut- und Düngemittelhersteller gibt es überall auf der Welt, die Bauern sind absolut abhängig, Leibeigenschaft ist so viel schlimmer auch nicht. Auch in Deutschland gibt es trotz der Genossenschaften diese Abhängigkeiten, die meist über Investitionskredite angebandelt werden und kein Entkommen mehr zulassen. Vor ein paar Jahren hat sich Bayer von der gewöhnlichen Chemie getrennt, weil sie wenig lukrativ ist. Behalten haben sie die Bereiche Phamazeutik und Landwirtschaft. Da rollt der Rubel, und die Preise kann man weitgehend selbst bestimmen.
rivedroite 02.04.2011
2. erinnert sehr an MONSANTO
Zitat von albert schulzÄhnliche Faxen der großen Saatgut- und Düngemittelhersteller gibt es überall auf der Welt, die Bauern sind absolut abhängig, Leibeigenschaft ist so viel schlimmer auch nicht. Auch in Deutschland gibt es trotz der Genossenschaften diese Abhängigkeiten, die meist über Investitionskredite angebandelt werden und kein Entkommen mehr zulassen. Vor ein paar Jahren hat sich Bayer von der gewöhnlichen Chemie getrennt, weil sie wenig lukrativ ist. Behalten haben sie die Bereiche Phamazeutik und Landwirtschaft. Da rollt der Rubel, und die Preise kann man weitgehend selbst bestimmen.
Eigentlich ein schon sehr oft versuchter Versuch in vielen afrikanischen Ländern. Natürlich nicht so auf High Tech Niveau wie in diesem Fall in Kenya. Im Grunde ist es nichts anderes als die Bauern in Abhänigkeit zu halten. Monsanto hat in Afrika einen noch schlimmeren Namen als in Europa oder in USA. Unter diesen Namen könnte man soetwas schwer aufziehen. Bayer ist dort als weniger schlimm bekannt. Im Grunde wird jedoch das gleiche Ziel angestrebt. Auch in diesen Teil der Welt die Kleinbauern dort auf gut klingende Weise abhängig zu machen. In Indien stürzen sich kleine Baumwollbauern in Selbstmord, weil sie durch die Saatgutkonzerne total abhängig sind.
albert schulz 02.04.2011
3. Monsanto
Zitat von rivedroiteEigentlich ein schon sehr oft versuchter Versuch in vielen afrikanischen Ländern. Natürlich nicht so auf High Tech Niveau wie in diesem Fall in Kenya. Im Grunde ist es nichts anderes als die Bauern in Abhänigkeit zu halten. Monsanto hat in Afrika einen noch schlimmeren Namen als in Europa oder in USA. Unter diesen Namen könnte man soetwas schwer aufziehen. Bayer ist dort als weniger schlimm bekannt. Im Grunde wird jedoch das gleiche Ziel angestrebt. Auch in diesen Teil der Welt die Kleinbauern dort auf gut klingende Weise abhängig zu machen. In Indien stürzen sich kleine Baumwollbauern in Selbstmord, weil sie durch die Saatgutkonzerne total abhängig sind.
Es läßt sich natürlich kaum beurteilen, wer ungehemmter vorgeht. Fest steht, daß diese Firmen natürlich eine absolute Abhängigkeit erreichen wollen. Früher waren es die Händler, die die Produkte verkauft haben, was in der dritten Welt wohl noch heute so ist. Zur eigenen Vermarktung und Finanzierung wurden die Genossenschaften und Raiffeisenkassen gegründet, um sich der Übermacht erwehren zu können und vor allem etwas mehr vom Kuchen abzubekommen. Meines Wissens unterstützt die deutsche Entwicklungshilfe ganz massiv die Entwicklung von Genossenschaften. Die müssen ihr Saatgut und den Dünger immer noch kaufen, aber sie haben eine ungleich bessere Verhandlungsposition. Und dazu deutsche und einheimische Berater, die eine gewisse Unabhängigkeit haben, vermutlich auch nicht grenzenlos, aber das gibt es wohl nirgends.
karwal 03.04.2011
4. Eine Frage der Perspektive
Das Kernproblem ist doch, dass in Ostafrika 75 - 85% der Menschen als Kleinbauern mit einem Pro-Kopf Einkommen von 2 US$ von der Landwirtschaft leben müssen. Mais ist vor Sorghum und Reis das wichtigste Getreide für die Selbstversorgung. Durch den Klimawandel kommt es in der Regenzeit im Dezember/Januar häufig zu Überschwemmungen, während in der Anbausaison von März bis Mai die Niederschläge stark schwanken und die Vegetationsperiode sich tendenziell verkürzt. In dieser Situation ist es den Menschen wahrscheinlich ziemlich egal, wer sie vor Ertragsausfällen zuverlässig und korruptionsfrei versichert. Weder der korrupte kenianische Staat noch Entwicklungshilfeprojekte haben dies bisher in nennenswertem Umfang geleistet. So betrachtet profitieren beide Seiten von dem Ansatz. Er gibt übrigens viele Ansätze zur Züchtung angepasster Maissorten (Drought Tolerant Maize, DTM), die mit den sich wandelnden Klimabedingungen besser klarkommen und auch "open pollinating" sind, damit die Bauern sie selber vermehren können. Ein gutes Beispiel ist die Sorte TAN250, die in Tansania in Zusammenarbeit zwischen dem Forschungszentrum CIMMYT und einer lokalen Saatzuchtfirma (TanSeed) mit finanzieller Unterstützung der Gates Foundation entwickelt wurde und von den Kleinbauern stark nachgefragt wird (http://apps.cimmyt.org/english/wps/news/2009/jun/nomaizenolife.htm). Die Welt ist nicht schwarz-weiss...
Jochen Binikowski 03.04.2011
5. x
Zitat von rivedroiteEigentlich ein schon sehr oft versuchter Versuch in vielen afrikanischen Ländern. Natürlich nicht so auf High Tech Niveau wie in diesem Fall in Kenya. Im Grunde ist es nichts anderes als die Bauern in Abhänigkeit zu halten. Monsanto hat in Afrika einen noch schlimmeren Namen als in Europa oder in USA. Unter diesen Namen könnte man soetwas schwer aufziehen. Bayer ist dort als weniger schlimm bekannt. Im Grunde wird jedoch das gleiche Ziel angestrebt. Auch in diesen Teil der Welt die Kleinbauern dort auf gut klingende Weise abhängig zu machen. In Indien stürzen sich kleine Baumwollbauern in Selbstmord, weil sie durch die Saatgutkonzerne total abhängig sind.
Ja, die Welt ist schlecht. Das zu beklagen ist brotlose Kunst. Was wäre dann Ihrer Meinung nach die Alternative für die Kleinbauern? Selbst nachgebautes Saatgut und kein Kunstdünger verwenden? Dafür aber 80% weniger ernten? Ich finde diese Versicherung ist schon mal ein enormer Fortschritt. Die Herstellung von Hybridsaatgut ist nun mal extrem aufwändig und teuer. Diese Entwicklungskosten können sich nur kapitalstarke Firmen leisten. Ohne dieses Hochleistungssaatgut würden Milliarden Menschen hungern. Mit Saatgut und Versicherung alleine ist es nicht getan. Vermutlich würden massive Investitionen in Bewässerungsanlagen auch enorm weiterhelfen. Dürre hört sich schlimm an, aber wenn eine künstliche Bewässerung vorhanden ist sind Höchsterträge möglich, weil es u.a. kaum Pilzbefall gibt und die Pflanzenschutzmittel nicht durch Regen von den Blättern gewaschen werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.