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24. Januar 2012, 15:16 Uhr

Propaganda-Video

Syrische Dschihadisten wollen Aufstand nutzen

Von Yassin Musharbash

Ein Video präsentiert angebliche Kämpfer einer syrischen "Unterstützungs-Front", sie wollen den Aufstand gegen Assad zum Religionskrieg machen. Ein erster Hinweis, dass syrische Dschihadisten begonnen haben, sich zu organisieren - oder eine gezielte Fälschung? 

Berlin - Die Bilder erinnern fatal an die Motive, die irakische Dschihadisten kurz nach dem Einmarsch der US-Truppen zu zeigen begannen: vermummte junge Männer, teils mit Panzerfäusten, teils mit Gewehren und Pistolen bewaffnet, die in abgelegenen Wüstengegenden den bewaffneten Kampf trainieren und lautstark den Sieg der "Krieger auf dem Pfade Gottes" beschwören.

Noch weiß niemand, wie ernst zu nehmen die neuen Bilder sind, die diesmal aus Syrien stammen, wo seit fast einem Jahr ein Aufstand gegen den Machthaber Baschar al-Assad tobt, den das Regime mit allen Methoden niederzuschlagen versucht. Veröffentlicht wurden sie am frühen Dienstagmorgen im Internet, in der bekannten Form eines dschihadistischen Propagandavideos, bezeichnenderweise auf einem von al-Qaida abgesegneten Internetforum.

Die Gruppe, die hinter dem knapp 17 Minuten langen Video steht, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, nennt sich Dschabhat al-Nusra, was man am besten mit "Unterstützer-Front" übersetzen kann. Es enthält eine etwa zehn Minuten lange Ansprache eines "Generalverantwortlichen" aus dem Off, der sich Fatih Abu Mohammed al-Dscholani nennt. Dabei handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit nicht um einen Klar-, sondern um einen Kampfnamen: "Fatih" bedeutet "der Eroberer", und "al-Dscholani" verweist auf eine angebliche Herkunft aus dem Golan-Gebirge.

Auch Veteranen sollen unter den Kämpfern sein

In der Ansprache finden sich die üblichen Allgemeinplätze dschihadistischer Propaganda: Der Kampf gegen das Regime Assads sei natürlich gerechtfertigt, aber an dessen Stelle müsse eine gottgefällige Ordnung treten, weswegen jeder Mann, der eine Waffe hat, sich den Mudschahidin anschließen solle, denn nur sie könnten das erreichen. Alle internationalen Einmischungsversuche lehnt die "Front" ab, auch die Rolle der Türkei, denn in ihrem Falle handle es sich nicht um ein wahrhaft islamisches Land, sondern um einen Alliierten der USA.

Über sich selbst macht die "Front" nur wenig Angaben. Ihre Aufgabe sei es, "die Menschen in Syrien zu verteidigen und zu beschützen": Es sei keine Schande, zur Waffe zu greifen, wohl aber, "wenn man das Gesetz des Dschungels anstelle des Gesetzes Gottes befolgt". Etwas diffus heißt es auch, unter den Kämpfern seien solche, die zuvor auf "Dschihad-Schlachtfeldern" gewesen seien. Wenn das stimmt, dürfte es sich dabei um Irak-Veteranen handeln.

Der zweite Teil des Videos besteht aus kurzen Szenen, die "Front"-Kämpfer beim Training zeigen. Es ist das Übliche: Nahkampf, Schießübungen, und so weiter. Insgesamt sind mehrere Dutzend Kämpfer zu sehen, wobei sie sich angeblich in verschiedenen Landesteilen aufhalten: Einblendungen, Kommentare und Bezeichnungern auf Bannern suggerieren, dass die "Front" über Mitglieder in den Städten Hama, Idlib, Daraa, Deir al-Sor und nahe Damaskus verfügt.

Nichts von dem Gezeigten kann ohne Weiteres verifiziert werden. Mit Gewissheit ist davon auszugehen, dass sich in dem Material Übertreibungen finden.

Handelt es sich um ein Fake?

Generell aber gibt es wenig Grund, daran zu zweifeln, dass syrische Dschihadisten - die es unzweifelhaft gibt - ein Interesse daran haben könnten, das derzeitige Chaos im Land für ihre Zwecke zu nutzen. Analysen der "Märtyrer"-Biografien aus dem Irak ergaben damals, dass rund zehn Prozent der Kämpfer von al-Qaida und Co. im Zweistromland Syrer waren; auch Veteranen mit Schlachtfelderfahrung gibt es also zwischen Daraa im Süden und Hama im Norden.

Interessanterweise bekennt sich die "Front" an keiner Stelle zu al-Qaida, wie überhaupt um Ideologie und Theologie nicht viel Aufhebens gemacht wird.

Ob die syrischen Dschihadisten, über deren absolute Zahl es keinerlei verlässliche Angaben gibt, tatsächlich ein Faktor im gegenwärtigen Chaos werden könnten, ist nicht vorherzusehen. Sicher ist, dass Gruppen dieser Art gedeihen, wenn die Ordnung rund um sie herum zerfällt.

Eine weitere Überlegung darf angesichts der mangelhaften Informationslage allerdings nicht ausgeschlossen werden: Es könnte sich bei dem Video auch um eine gezielte Fälschung handeln. So hat das Assad-Regime vom ersten Tag des Aufstandes an "bewaffnete Terroristen" für die Unruhen und auch für nahezu alle Toten verantwortlich gemacht. Dem Regime könnte das Auftauchen einer solchen Gruppe also nutzen - zumindest für die eigene Propaganda.

Einstweilen müssen das Propagandavideo und die "Front" also als zweifelhaft einsortiert werden. Das kann sich ändern, sollten sie künftig vermehrt auf den Plan treten. Dschihadistische Sympathisanten in den entsprechenden Internetforen scheinen den Auftritt derweil für authentisch zu halten und äußerten sich begeistert.

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