Propagandakrieg in Syrien Auferstehung einer Märtyrerin

Die Nachricht von ihrem Tod sorgte für weltweite Empörung, sie wurde zur Märtyrerin der Revolte in Syrien. Doch dann tritt Sainab al-Hosni vor die Kameras des Staatsfernsehens - und löst wilde Spekulationen aus, wer ihre Auferstehung wie für seine Propaganda nutzen kann.
Sainab al-Hosni im syrischen Steat-TV: "Blume Syriens"

Sainab al-Hosni im syrischen Steat-TV: "Blume Syriens"

Foto: AP/ Syrian State TV

Da sitzt sie nun: ungeschminkt, etwas müde wirkend, ganz in Schwarz gehüllt. Etwas zögerlich, aber bestimmt erzählt Sainab al-Hosni dem Team des syrischen Staatsfernsehens ihre Geschichte. Wie sie Ende Juli von zu Hause weggelaufen ist, weil ihr Bruder sie geschlagen hat. Wie sie bei Verwandten Unterschlupf gefunden hat, wie sie heiraten, Kinder kriegen, ein normales Leben führen will. Um ihre Identität zu beweisen, hält die 18-Jährige ihren syrischen Personalausweis in die Kamera. Dann entschuldigt sie sich bei ihrer Mutter für den Kummer, den sie verursacht hat.

Mit dem Interview, das Syria State TV diese Woche ausstrahlte, ist dem Regime in Damaskus ein Propaganda-Coup geglückt. Denn Sainab, die dort vor einer Topfpalme und cremefarbenen Vorhängen Rede und Antwort stand, galt als tot, ein Opfer der Sicherheitskräfte. Und nicht nur das: Weil sie Mitte September angeblich das erste weibliche Todesopfer des nunmehr sechs Monate alten Aufstands gegen die Herrschaft Baschar al-Assads war, wurde ihr Fall von renommierten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch dokumentiert. Das Uno-Büro für Menschenrechte nahm ihren vermeintlichen Tod zum Anlass, das syrische Regime zur Zurückhaltung aufzufordern.

Aktivisten kürten Sainab zur "Blume Syriens", ihr Bild wurde wie das einer Heiligen auf Anti-Assad-Demonstrationen vorangetragen.

Rätselhaftes Verschwinden

Doch nun ist Sainab doch nicht tot: Ihre Familie bestätigte kurz nach ihrem Fernsehauftritt, dass es sich bei der jungen Frau tatsächlich um ihre Tochter handelt. Amnesty International und Human Rights Watch erklärten daraufhin in einer gemeinsamen Pressemitteilung, sie bedauerten die fälschliche Identifizierung der Leiche und jede Ungenauigkeit.

Der Fall Sainab al-Hosni gibt viele Rätsel auf. Da ist zum einen die Geschichte ihres Verschwindens, wie sie bis zu ihrem TV-Auftritt von ihrer Familie erzählt und von Aktivisten weiter verbreitet wurde. Diese Chronik sieht so aus:

  • Am 27. Juli wird Sainab am 27. Juli im syrischen Homs auf dem Weg zum Einkaufen von Sicherheitskräften entführt.
  • Die Schergen hätten sich in den Tagen darauf an die Familie gewandt und angeboten, Sainab im Austausch gegen ihren Bruder Mohammed freizulassen, so die Familie. Mohammed hatte sich als Anführer der Anti-Regime-Demonstrationen in Homs einen Namen gemacht und wurde von den Behörden gesucht. Die Familie verweigerte den Austausch, Sainab al-Hosni blieb verschwunden.
  • Mohammed ging weiter demonstrieren und wurde am 10. September angeschossen und festgenommen.
  • Am 13. September wurde seine Leiche, die Spuren von Folter aufwies, der Familie übergeben, so erzählt es ein anderer Bruder namens Jussef Omar al-Hosni auf einem YouTube-Video.
  • Am 17. September dann findet Sainabs Mutter, die verzweifelt nach ihrer Tochter sucht, im Kühlraum eines Militärkrankenhauses einen verstümmelten Leichnam, in dem sie Sainab zu erkennen glaubt. Der Körper ist in einem entsetzlichen Zustand. Der Kopf der jungen Frau ist vom Rumpf geschnitten, das Gesicht und der Oberkörper sind verbrannt. Ein von Aktivisten gefilmtes Handy-Video zoomt auch auf verkohlte Armstümpfe, die abgetrennt und teils gehäutet neben dem Körper des Mädchens liegen. "Das sind die Reformen, die Assad versprochen hat", murmelt der Kameramann, während er die schrecklichen Bilder filmt.

Tragischer Fehler bei der Identifizierung

Nadim Khoury, Syrien-Beauftragter von Human Rights Watch, vermutet, dass Sainabs Mutter bei der Identifizierung der Toten ein tragischer Fehler unterlaufen ist. "Sie haben der Familie gesagt, die Tote heiße Sainab, die Mutter hat daraufhin geglaubt, in dem entstellten Gesicht ihre Tochter zu erkennen."

Khoury, der Mutter al-Hosni für den Human-Rights-Watch-Bericht zum Fall Sainab selbst interviewt hatte, will nicht ausschließen, dass sie bewusst auf eine falsche Fährte gelockt wurde. Der jetzt öffentlich gemachte Irrtum der Hosnis diene dem syrischen Regime als Argument, die Glaubwürdigkeit der syrischen Aktivisten und Menschenrechtsorganisationen zu untergraben, mutmaßt Khoury: "Das wird jetzt benutzt, um die Rebellen zu diskreditieren." Der syrische Staat spiele gern Spielchen, das zeige auch die Tatsache, dass die Behörden zwar einen Totenschein für Sainab ausgestellt haben, doch jetzt kein Interesse an einer Exhumierung hätten, um zu klären, wer statt ihrer in Homs begraben liege. "Jedes normale Land", sagt Khoury, "würde doch klären wollen, wer da begraben wurde."

Auch Amnesty International betont, dass der Fall mit dem Auftauchen Sainabs noch lange nicht abgeschlossen sei: "Wenn die Leiche nicht die von Sainab al-Hosni ist, dann muss das syrische Regime erklären, wer die Frau war. Die Ursache und die Umstände ihres Todes müssen offengelegt werden, und es muss erklärt werden, warum Sainabs Familie gesagt wurde, sie sei das Opfer", so Amnesty am Mittwoch in einem Statement.

Wie viel ist Fakt? Wie viel Fiktion?

Tatsächlich gibt es noch mehr zu klären im Fall Sainab: So ist aus dem kurzen Interview nicht ersichtlich, ob die junge Frau freiwillig mit dem Regime zusammengearbeitet hat oder ob sie womöglich zu dem TV-Auftritt gezwungen wurde. Denkbar ist, dass zumindest Teile ihrer Legende stimmen, sie tatsächlich entführt und nun zu dem Interview gepresst wurde. Denn wenn Sainab lebt und frei ist, warum setzt sie sich nicht mit ihrer Familie in Verbindung? Und wer sind die Verwandten, bei denen sie angeblich wohnt?

Auf Syrien-Foren im Internet gehen Verschwörungstheoretiker noch einen Schritt weiter: Was, wenn das Interview mit Sainab schon vor geraumer Zeit aufgezeichnet und sie danach ermordet wurde, fragen sie. Könnte ihre mediale Wiederauferstehung ein von langer Hand eingefädelter, tödlicher Propaganda-Trick des Regimes sein? Khoury von Human Rights Watch hält das für unwahrscheinlich: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass dahinter ein so ausgeklügelter Plan steckt."

Sainabs Schicksal unterstreiche allerdings, wie dringend es notwendig sei, unabhängigen Beobachtern Zugang zu den von Aufständen erschütterten syrischen Städten zu gewähren, sagt Khoury. Letztlich werde aber erst der Sturz des Regimes Assad die Wahrheit über Syriens blutigen Sommer ans Licht bringen. "Vielleicht kann uns dann auch Sainab al-Hosni erzählen, was ihr wirklich widerfahren ist."

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