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21. September 2012, 11:30 Uhr

Protest gegen Mohammed-Video

Pakistans Premier verurteilt "Angriff auf 1,5 Milliarden Muslime"

Von , Islamabad

Pakistans Städte gleichen Festungen: Nach dem Freitagsgebet drohen gewalttätige Proteste gegen das Mohammed-Video, sogar der Premierminister verurteilt es als "inakzeptablen Angriff auf 1,5 Milliarden Muslime". In Islamabad planen radikale Parteien einen Marsch auf die US-Botschaft.

Seit dem frühen Morgen sind in Pakistans Hauptstadt Islamabad Kranwagen unterwegs, die 40-Fuß-Container auf die Straßen setzen. Um das Regierungs- und Diplomatenviertel zieht sich weiträumig eine Wand aus grünen, blauen und roten Metallboxen. Darauf stehen die Namen von Reedereien: Maersk, Hapag-Lloyd, Evergreen.

Bis zum Mittag soll es kein Durchkommen mehr geben. Die Containermauer soll die Tausenden von Demonstranten davon abhalten, in die sogenannte Rote Zone vorzudringen. Im Regierungsviertel wurde eine Kommandozentrale eingerichtet, von der aus die Lage in der Hauptstadt überwacht wird. Man rechnet damit, dass Menschen aus dem ganzen Land zu den Protesten angereist sind. An allen Kreuzungen und vor den Hotels stehen Polizisten und Militärs, viele mit Gasmasken und Schlagstöcken, in den hinteren Reihen auch mit Maschinenpistolen.

Es ist eine gespenstische Ruhe am Vormittag. Neben den Sicherheitskräften sind nur wenige Menschen auf den Straßen, die Geschäfte haben geschlossen, alle Tankstellen sind verbarrikadiert. Seit zehn Uhr vormittags ist das Mobilfunknetz in weiten Teilen Pakistans ausgeschaltet, damit gewalttätige Demonstranten ihre Angriffe nicht per Handy koordinieren können. Ein paar junge Männer mit Stöcken laufen herum, sie werden von der Polizei weggescheucht.

Lange angestauter Frust

Vielen geht es nur vordergründig um das Mohammed-Video, es geht vor allem darum, den lange angestauten Frust abzubauen. Arbeitslosigkeit, täglich stundenlange Stromausfälle und rasant steigende Lebensmittel-, Benzin- und Gaspreise haben die Wut wachsen lassen. Heute sehen sie ihre Chance, sich abzureagieren. "Wir müssen uns wehren", sagt einer von ihnen, ein Teenager mit Flaum auf den Wangen. "Wir haben keine Perspektive, die Regierung muss endlich etwas tun."

Die pakistanische Regierung hatte, auf Druck radikaler Parteien, den heutigen Freitag vor zwei Tagen zum Feiertag des "Ausdrucks der Liebe zum Propheten" ausgerufen, um gegen das Mohammed-Schmähvideo zu protestieren. Die Radikalen nutzen das für ihre eigenen Zwecke: In Islamabad hängen Plakate, die für den Nachmittag, nach dem mittäglichen Freitagsgebet, zum "Marsch auf die US-Botschaft" aufrufen.

Das wird der Kampf in der Hauptstadt: Tausende, vielleicht Hunderttausende, die zur amerikanischen Botschaft im abgeriegelten Botschaftsviertel wollen, auf der einen Seite, Tausende Sicherheitskräfte auf der anderen. "Wir befürchten, dass sich unter die Demonstranten nicht nur viele Gewaltbereite mischen, sondern auch ein paar Terroristen", sagt ein Polizist. Ziel sei es, ein Durchbrechen der Containermauer zu unterbinden.

Pakistans Premierminister Raja Pervez Ashraf mahnt am Vormittag zur Ruhe. Allerdings lässt er keinen Zweifel daran, dass er die Proteste befürwortet. Kein Muslim könne eine Beleidigung des Propheten Mohammed unerwidert lassen. "Frieden, Toleranz und Harmonie stehen im Zentrum des Islam. Aber ein Angriff auf den Propheten, Friede sei mit ihm, ist ein Angriff auf den Glauben von 1,5 Milliarden Muslimen. Das ist inakzeptabel." Es sei die "religiöse Pflicht", zu protestieren.

Peshawar und Karatschi melden erste Gewalttaten

Den Einwand der Meinungsfreiheit lässt er nicht gelten. "Es geht nicht darum, es geht um Hass." Er sei traurig, dass die Befürworter des Videos mit "zweierlei Maß" messen würden. "Wenn es als unangebracht gilt, den Holocaust zu leugnen, ist es dann nicht erst recht legitim zu sagen, dass es ein Verbrechen ist, den Propheten zu beleidigen?"

Ashraf betonte, Muslime würden auch die Propheten anderer Religionen respektieren. Genauso könne man erwarten, dass der Prophet Mohammed mit Respekt behandelt werde. "Unsere Forderung ist diese: Blasphemie dieser Art ist nichts anderes als Hass, nicht besser als Antisemitismus und die schlimmste Art der Bigotterie. Wir verlangen deshalb von allen Ländern, in denen so etwas geschieht, es zu unterbinden."

Mehrere Kommentatoren kritisierten die Regierung wegen der Betonung des Religiösen. Die Regierungspartei PPP fürchte wenige Monate vor den Wahlen um ihre Wiederwahl und spiele deshalb die "religiöse Karte", schreibt die Journalistin Mehreen Zahra-Malik.

Aus anderen Städten werden bereits vor dem Gebet Gewalttaten gemeldet. In Peschawar haben Demonstranten ein Kino und das Bürogebäude der lokalen Handelskammer angezündet und sich eine Schießerei mit der Polizei geliefert. Bei einem Schusswechsel wird ein Fernsehreporter von einem Polizisten tödlich getroffen. In Karatschi setzt die Polizei Tränengas ein, in mehreren Städten zünden Demonstranten Autos an. Die Zufahrt zum US-Generalkonsulat in Karatschi ist blockiert.

Die USA haben in sieben pakistanischen Fernsehsendern Werbezeit gebucht, um einen Spot auszustrahlen, in dem US-Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton sich von dem antiislamischen Video distanzieren. Die Vereinigten Staaten seien ein Land, das seit seiner Gründung alle Glaubensrichtungen akzeptiere, sagt Obama. Die US-Regierung habe damit "absolut nichts" zu tun, betont Clinton.

Dennoch bestellt das pakistanische Außenministerium den amtierenden US-Botschafter Richard Hoagland ein. Auch ihm wird mitgeteilt, Pakistan fasse den Film als "Angriff auf 1,5 Milliarden Menschen" auf. Die US-Regierung möge das Video deshalb aus dem Internet entfernen.

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