Gesichter des Protests in Donezk "Europa soll sich nicht einmischen!"

In der Ostukraine haben radikale Aktivisten Verwaltungsgebäude gestürmt und eine eigene Republik ausgerufen. Was halten die Bürger davon?

Protest in Donezk: Was sagen Bürger wie Sergej Kriwenko?
Maxim Dondyuk

Protest in Donezk: Was sagen Bürger wie Sergej Kriwenko?

Aus Donezk berichtet  


In der Millionenstadt Donezk im Osten der Ukraine halten einige hundert Aktivisten seit knapp einer Woche die Regionalverwaltung besetzt. Sie bezeichnen die neue Kiewer Regierung als "illegitime, faschistische Junta", haben die "Republik Donezk" ausgerufen und für den 11. Mai ein Referendum über den zukünftigen Status ihrer Region angekündigt: Die einen fordern mehr Autonomie innerhalb der Ukraine, andere den Anschluss an Russland.

Aktiv unterstützt werden sie von einigen tausend Menschen, die tagsüber vor dem Verwaltungsgebäude demonstrieren. Am Donnerstag kam auch erstmals eine geschlossene Gruppe von Bergarbeitern zur Unterstützung ins Zentrum der Stadt. Aber was denken die Bürger von Donezk?

Die am Mittwoch veröffentlichte Studie eines regionalen Meinungsforschungsinstituts zeigt, dass in den Köpfen die Angst vor "radikal eingestellten Bewohnern der Westukraine" dominiert. Knapp die Hälfte der Befragten fürchtet zudem die neue Regierung in Kiew. Drei Viertel der Bewohner lehnen jedoch die Besetzung von Gebäuden ab.

Über die Frage, in welchem Staat sie in Zukunft leben wollen, sind die Donezker gespalten, nur eines ist klar: Es soll nicht so bleiben, wie es ist. Die Hälfte der Donezker fordern mehr Rechte für die Regionen, aber innerhalb der Ukraine, ein Drittel könnte sich eine Abspaltung von der Ukraine und sogar einen Anschluss an Russland vorstellen. Allerdings wurde die Umfrage vor der aktuellen Zuspitzung der Lage durchgeführt.

Was wollen die Bürger wirklich? SPIEGEL ONLINE hat vor Ort nachgefragt:

Das sagen die Menschen in Donezk
Maxim Dondyuk

Natalja Schazkaja, 40, Lehrerin, zwei Kinder (auf Bild Nikita,2)
"Ich bin für die Demonstrationen, aber gegen jede Art von gewalttätigen Aktionen. Deshalb bleibe ich selbst passiv. Ob der Maidan in Kiew oder die Demos hier: Die meisten machen das doch für Geld! Ich sehe auch nichts, was mich jetzt dazu bewegen könnte, auf die Straße zu gehen. Die Leute hier erzählen gerne, dass sie in ihren Rechten als Russen unterdrückt werden. Aber das ist doch Quatsch: Mich zwingt hier niemand, Ukrainisch zu sprechen."

Maxim Dondyuk

Stanislaw Malinowskij, 18, Geschichtsstudent
"Es ist gut, dass das Volk hier lernt, seine Interessen zu artikulieren. Aber Gewalt ist der falsche Weg. Ich will nicht, dass meine Landsleute anfangen, aufeinander zu schießen! Wofür die Menschen auf die Straße gehen? Weil es uns seit der Maidan-Revolution immer schlechter geht. Die Lehrer sollen bei gleichem Gehalt mehr arbeiten, die Renten werden gekürzt, und die Inflation frisst unsere Löhne auf. Allein der Benzinpreis ist in den vergangenen Wochen von 10 auf 14 Hrywnia gestiegen. Russland nutzt diese sozialen Ängste und verspricht uns das Blaue vom Himmel. Ja, ich bin Russe, aber gegen eine Vereinigung mit Russland."

Maxim Dondyuk

Sergej Kriwenko, 60, Rentner, ehemaliger Polizist
"Hinter den Protesten in Kiew standen doch die Amerikaner: Sie wollen die Ukraine in die Nato holen und ihre Raketen an der russischen Grenze aufstellen. Aber die Russen und wir – wir sind doch ein Volk! Diese sechs Regionen im Westen dagegen waren in der Geschichte nie wirklich Teil der Ukraine – manchmal gehörten sie zu Polen, zu Österreich oder Rumänien. Sie sprechen ein anderes Ukrainisch als wir hier. Aber das wird uns aufgezwungen, seit Juschtschenko zum ersten Mal Präsident wurde. Sie wollen uns ihre Kultur aufzwingen! Unser wichtigstes Fest ist der 9. Mai, da feiern wir das Ende des Zweiten Weltkriegs. Und was war das Erste, was der neuen Kiewer Junta nach der Machtergreifung einfiel? Den Feiertag zu verbieten. Diese neue Regierung ist ein Haufen von Faschisten und Banditen!"

Maxim Dondyuk

Lina Goridko, 57, Ingenieurin
"Seit März bin ich auf den Demonstrationen gegen die Regierung in Kiew. Wochenlang haben wir ein Referendum über eine Föderalisierung gefordert – aber die regionalen Abgeordneten haben nicht reagiert. Und jetzt nennen uns die Machthaber in Kiew plötzlich Separatisten und Terroristen! Man hat das Gefühl, als wollten sie uns auf diese Weise richtiggehend aus dem Land jagen. In den ukrainischen Medien gibt es jetzt nur noch eine richtige Meinung – die von der Regierung in Kiew. Unsere Stimme vertritt in Kiew niemand mehr: Die 'Partei der Regionen' hat uns verraten. Damit wir gehört werden, müssen wir eben auf die Straße gehen, und wenn es sein muss, auch Gebäude besetzen."

Maxim Dondyuk

Sergej Jarosch, 61, Rentner, Ökonom
"Mit seiner gestrigen Entscheidung hat Europa den Neofaschismus in Kiew legitimiert. Aber wir hier im Osten werden die Faschisten aufhalten, ebenso wie im Zweiten Weltkrieg. Und wir werden die Faschisten in Kiew für den Staatsstreich verurteilen, so wie es in der Verfassung steht. Die Menschen sind jetzt auf die Straße gegangen, weil sie es satthaben. Und wir werden es den Faschisten nicht gestatten, unsere Erde zu beschmutzen."

Maxim Dondyuk

Michail, 43, Schlosser
"Was hat denn der Kiewer Maidan gebracht? Jetzt sind doch wieder die gleichen Leute an der Macht. Wir brauchen eine echte Revolution, die die Abgeordneten in Kiew zum Teufel schickt. Dann soll es eine neue Versammlung geben, mit einem Abgeordneten aus jedem Gebiet der Ukraine. Die werden die Probleme schneller lösen als diese 450 Schwätzer in Kiew. Wir sind verschieden, aber die Ukraine muss ein Land bleiben. Und wenn ganz normale Leute aus dem Westen hierherkommen würden, dann würden wir uns schon einig werden. Aber Europa stört uns dabei: Es sollte aufhören, sich in unsere inneren Angelegenheiten einzumischen."

Maxim Dondyuk

Jaroslaw, 36, Manager
"Die Menschen hier demonstrieren, weil sie die Regierung in Kiew nicht anerkennen. Das unterstütze ich. Was war die erste Initiative der neuen Regierung? Die russische Sprache abzuschaffen. Das wurde nur verhindert, weil die Menschen hier auf die Straße gegangen sind. Die Ukrainisierung hat sich seit der Orange Revolution hier verstärkt: Mein Sohn hat in der vierten Klasse nur eine Stunde Russisch – alles andere ist auf Ukrainisch. Und fast alle Filme im Kino werden auf Ukrainisch gezeigt. So etwas schafft böses Blut. Ich zum Beispiel habe alle Wurzeln in Russland, aber ich bin gegen eine Teilung des Landes."

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Seite 1
arlekino111 11.04.2014
1. wow
Applaus, SpOn! Ich dachte hier wird man nie zu hören kriegen was die Menschen in Ostukraine von der Sache halten. Dass ihr Mal aus einem anderen Blickwinkel berichtet als üblich haut mich hier echt vom Hocker.
funnukem 11.04.2014
2. Recht..
Zitat von sysopMaxim DondyukDie Menschen in der Ostukraine fühlen sich verraten: von Janukowitsch wie von der neuen Regierung. In Donezk haben radikale Aktivisten ein Verwaltungsgebäude gestürmt und eine eigene Republik ausgerufen. Was halten die Bürger davon? http://www.spiegel.de/politik/ausland/protest-in-donezk-a-963868.html
All diese Aussagen zeigen doch nur, das Putin recht hat. Die illegale Regierung in Kiew schert sich einen Dreck um die Belange ihrer russischen Mitbürger im Osten. Föderalismus funktioniert bei uns, er funktioniert in Spanien, er funktioniert in Italien. Also wird er auch in der Ukraine funktionieren.
klausmayr 11.04.2014
3. Einige hundert radikale Aktivisten
Ja, wir wollen nicht die Wahrheit sehen und hören. Es wird von radikalen auf der Kiew-kritischen Seite gesprochen. Die Wahrheit ist eine andere. Wenn man russisch kann und sich Youtube Videos und Online Stream aus der Region anschaut wird sehr schnell klar, dass es sich um Tausende von normalen Leuten handelt, die seit Wochen von Kiew schikaniert werden und nun die Nase voll haben. Ich möchte allen empfehlen folgenden Stream Chanel auf Ustream anzuschauen http://www.ustream.tv/recorded/45987395. Hier können zu unterschiedlichen Zeiten tausende von Unterstützern sehen. Und ich glaube sogar, dass an diesem Wochenende noch viel mehr Leute kommen werden. In der Woche waren es nur wenige, weil die Leute ja arbeiten müssen und kein Geld von irgendwoher für das Demonstrieren bekommen. Ich schaue mir das Ganze seit 5 Tagen immer wieder an und sehe Videos auf Youtube von Ganz normalen Menschen, die keine Lust mehr auf korrupte und menschenfeindliche Regiering haben. Es ist interessant, dass ARD einen rund um die Uhr Stream vom Maidan angeboten hat. Aber nun keiner von den deutschen Medien aus Chrakov, Lugansk oder Donetzk streamt. Liebes Team von Spiegel, würde das nicht der Objektivität helfen?
malocher77 11.04.2014
4. Ukraine
Ist so wie man sieht ein gespaltenes Land, und wenn neue Regierung als erstes Gesetz beschließt,dass die russische Sprache verboten wird, dann ist das nicht im Osten gewünscht und das ist noch milde ausgedrückt. Wenn aus Kiew Oligarchen als Bürgermeister bestimmt werden, und die gewählten Bürgermeister,die dort geboren und aufgewachsen sind ihre Posten räumen müssen,obwohl Sie sich mit den Städten identifizieren können und die Probleme kennen, trägt auch nicht zur Entspannung der Lage bei.Im Gegensatz zu Westen hält sich Russland raus, der Westen schickt schon EU Vertreter, die das Land nach westlichen Vorbild reformieren sollen.
SkynetVersklavung 11.04.2014
5. Wer hier ist der Aggressor?
http://obamakrim.cwsurf.de/wordpress/?page_id=5 Schlechte Übersetzung. Weiter unten in der Seite bessere Übersetzungen vorhanden. oder Original: https://web.archive.org/web/20081230225207/http://www.utro.ru/articles/2008/12/26/789711.shtml Das war schon lange geplant.
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